Miniserie „The White Lotus“: Aloha aus der Hölle

Urlaub als Albtraumerfahrung: Mike White gelingt mit der HBO-Miniserie „The White Lotus“ eine bissige Gesellschaftssatire, bei der die woke US-Schickeria absäuft.

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Hotelmanager Armond (Murray Bartlett) mit Lani (Jolene Purdy) in „The White Lotus“. Läuft auf Sky.
© HBO

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Sie alle haben Urlaub im Paradies gebucht – Familie Mossbacher, die auf einen Tapetenwechsel vom stressigen Arbeitsalltag hofft, Shane und Rachel, die ihr junges Eheglück möglichst mondän begehen wollen, und Tanya McQuoid, die die Sonne und das Meer vom Tod ihrer gehassliebten Mutter ablenken soll. Erholung pur! Für alle größeren und kleineren Wehwehchen seiner Gäste ist Armond zuständig, der immer lächelnde Hotelmanager, ein Englishman auf Hawaii. Für die Schönen und Reichen hat er nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch die passende Blumenkette. Und die Kamera zeigt, öfter als einmal: Glasklares Wasser, die Sonne scheint – dieser Urlaub kann nur gut werden.

Dabei verdunkelt sich „The White Lotus“ aber bald zur Albtraumerfahrung. Für alle Beteiligten. Die HBO-Miniserie von Mike White, der in den 90ern als Autor von „Freaks and Geeks“ oder „Dawson’s Creek“ noch für Herzschmerz sorgte, ist von kitschiger Postkartenatmosphäre völlig befreit. Im Gegenteil, White gelingt in sechs ca. einstündigen Teilen eine bissige Gesellschaftssatire, quasi ein „Aloha from Hell“, bei der die privilegierte US-amerikanische Schickeria samt ihrer Wokeness und dem verlogenen, exotischen Eiland elendig absäuft.

📽 Trailer | The White Lotus

Dass hier etwas im Argen ist, merkt man nicht erst, als Tanya (eine wundervoll leidende Jennifer Coolidge) bei der Ankunft zusammenbricht, die Asche ihrer gehassliebten Mutter im Gepäck, die sie ins Paradies gebracht hat, um sie im Ozean zu verstreuen. Und dann ist auch noch keine Masseurin frei.

Nicht nur bei Tanya steht fest, gewisse Probleme lassen sich nicht wegmassieren. Etwa der Charakter von Upper-Class-Muttersöhnchen Shane (Jack Lacy), der auf der Hochzeitssuite beharrt, die es im mondänen Resort nicht gibt.

Definitiv sind es Whites fein gezeichnete Figuren, die „The White Lotus“ so sehenswert machen: allen voran Businessfrau Nicole Mossbacher, die nur Befehle bellen kann (gespielt von Connie Britton, die schon in „Nashville“ den Ton angab). Ihr Ehemann und ihr Sohn – beide in ihrer Männlichkeit verunsichert, auch weil sie wissen, dass weiße Männer aktuell nicht viel zu melden haben – fügen sich ihrem Schicksal, während Tochter Olivia (richtig böse: Sydney Sweeny) zur zynischen Bitch mutiert. Ihr pseudo-postkolonialer Aktivismus scheitert dennoch krachend.

Und dann sind da noch die Drogen und Tabletten, die den Hotelmanager zuerst in seinem Kleinkrieg mit lästigen Gästen wie Shane unterstützen sollen, schlussendlich jedoch hinter Lächeln und Schnauzbart versteckte Eigenschaften hervorbringen, die man dem Problemlöser (eine Paraderolle für Murray Bartlett) gar nicht zugetraut hätte. Alles läuft auf den tragikomischen Todesfall zu, auf den die Zuschauer bereits seit der ersten Szene warten. Klingt wie ein billiger Werbespruch für ein durchschnittliches Hotel, passt aber: „The White Lotus“ muss man gesehen haben.

The White Lotus. Läuft auf Sky, wöchentlich eine neue Folge, ab 23. August in deutscher Synchronisation abrufbar.


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