„Plötzlich war das Wasser da“: Millionen-Schäden nach Unwettern in Tirol

Die Bezirke Kufstein und Kitzbühel haben eine Katastrophennacht hinter sich. Menschen mussten evakuiert werden, Kelchsau wurde von der Außenwelt abgeschnitten und Kufstein versank in Wasser und Schlamm.

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In der Kelchsau wurde eine Brücke von den Wassermassen komplett weggerissen.
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Von Michael Mader und Wolfgang Otter

Kufstein, Hopfgarten – Ein bedrohliches Geräusch. Und ein paar Minuten später stand die Feuerwehr vor der Tür. So ging es in der Nacht auf Sonntag nicht nur einigen Urlaubern in Söll, sondern etlichen Menschen im Unterland. Die Unwetterfront hat auch Tirol erwischt und Schäden in Millionenhöhe verursacht. Gestern gingen dann die Pegel zurück und es ging schon ans Aufräumen.

So musste etwa Kufsteins Baubezirksamtsleiter Erwin Obermair bei der Kelchsauer Ache eine zerstörte Brücke begutachten. Gleich in der Nähe lag eine mitgerissene Pistenraupe. 80 eingeschlossene Gäste eines Festes konnten erst gestern von den Einsatzkräften hinausgebracht werden. Der Ortsteil Kelchsau bleibt vorerst abgeschnitten.

Niederschlagsmengen von 90 bis 130 mm mit Spitzen bis zu 190 mm führten an der Brixentaler Ache samt Kelchsauer Ache, Kitzbüheler Ache und Tauernbach zu Hochwasserscheiteln im Bereich eines 30-jährlichen Hochwassers. Der Ziller erreichte beim Pegel Hart ebenfalls einen Höchststand. Insgesamt über 530 Einsätze, die Hälfte davon allein in Kufstein, mussten die Feuerwehren bis gestern Abend leisten. Mehrere hundert Einsatzkräfte waren dann gestern auch mit den Aufräum­arbeiten beschäftigt.

In Kufstein wurde am Samstagabend sogar Zivilschutzalarm ausgerufen.
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„Land unter“ in der Festungsstadt: Pkw wurden in der Nacht auf Sonntag von den Wassermassen mitgerissen.
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Etliche Verkehrsverbindungen können wohl erst heute wieder aufgehen – etwa am Achensee oder am Gerlospass. Die Felbertauernstrecke bleibt weiter gesperrt. Die Landespolitik meldete sich gestern mit einer gemeinsamen Aussendung von LH Günther Platter und seinen Stellvertretern Ingrid Felipe und Josef Geisler zu Wort. „Wir möchten an dieser Stelle allen Betroffenen unsere Unterstützung zusichern und sind gleichzeitig erleichtert, dass bislang kein Mensch zu Schaden gekommen ist“, hieß es darin.

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Das Land arbeitet unter Hochdruck an der Wiedererreichbarkeit des Hopfgartner Ortsteils Kelchsau. Bereits heute finden erste Planungsschritte für die Errichtung einer Ersatzbrücke statt.
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Die Schadenshöhe infolge des Starkregenereignisses sei derzeit noch nicht genau zu beziffern. Das Land sichert jedenfalls finanzielle Hilfe zu: Wie auch bei früheren Ereignissen werden Mittel des Landeskatastrophenfonds eingesetzt, um private und betriebliche Schäden abzufedern, sobald diese einschätzbar sind, kündigte Platter an. Damit wird eine Beihilfe in der Höhe von 50 Prozent des geschätzten Schadens gewährt, wovon die Hälfte sofort ausbezahlt wird.

„Plötzlich war das Wasser da“

In Kufstein wurden Kellerräume in einer Pizzeria fast zur Todesfalle.
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Das Land Tirol hatte gewarnt, trotzdem wurde Kufstein überrascht, „... es ging so schnell, wenn man es nicht selber gesehen hat, glaubt man es nicht“, ein vom Einsatz vollkommen erschöpfter FF-Kommandant Hans-Peter Wohlschlager war gestern noch immer sichtlich von der Naturkatastrophe geschockt, die die Festungsstadt traf. Drei innerstädtische Bäche verklausten und traten über die Ufer.

Binnen Minuten liefen Tiefgaragen und Keller voll und der Wasserschwall sorgte für dramatische Minuten. In der Pizzeria Dolce Vita an der Innpromenade schildert Chef Guiseppe Santoro lebensgefährliche Momente.

„Eine Kundin hatte die WC-Anlage im Keller aufgesucht, plötzlich war das Wasser da und wir konnten sie nur noch in letzter Minute retten.“ Verschärft wurde die Situation durch einen Stromausfall in großen Bereichen der Stadt.

BM Martin Krumschnabel, FF-Kommandant Hans-Peter Wohlschlager und LHStv. Josef Geisler (v. l.) bei einer Lagebesprechung.
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Zusätzlich wurde Kufstein durch den reißenden Wasserstrom geteilt, Passanten begaben sich beim Überqueren der Straße in Lebensgefahr. „Einen Mann mussten wir mit Stricken aus dem Wasser ziehen. Er wäre sonst mitgerissen worden“, erzählt FF-Mann Robert Lauf.

Gestern schlug in Kufstein aber auch die Stunde der gegenseitigen Hilfe und Solidarität. Gemeinsam wurden Keller ausgeräumt, mit Besen, Schaufel und sogar Händen versuchte man den Schlamm aus den Gebäuden zu bringen. Dabei wurden besorgte Blicke nach oben geworfen. Denn es regnete weiter.

Das große Aufräumen begann am Sonntagvormittag. Alle legten gemeinsam Hand an, um Wasser und Schlamm zu beseitigen.
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Dramatische Stunden gab es in der Nacht auf Sonntag auch im Hopfgartner Ortsteil Kelchsau. Nachdem immer wieder Teile der Straße von der Kelchsauer Ache unterspült und weggerissen worden sind, war das Dorf von der Außenwelt abgeschnitten.

Nur wenig später war auch die Gemeindestraße Glantersberg nicht mehr passierbar. So saßen etwa 80 auswärtige Besucher des Kehlbachfestes vorerst fest. Laut Baubezirksamtsleiter Erwin Obermaier, der sich vor Ort ein Bild über die Schäden machte, ist die Situation äußerst angespannt: „Sogar Pistenraupen wurden mitgerissen.“ Mit Hilfe der Bergrettung konnten am Sonntagvormittag alle eingeschlossenen Personen, die das wollten, die Kelchsau wieder verlassen. „Einige warten noch ab“, heißt es seitens der Gemeinde.

Die Kelchsauer Ache hat aufgrund des extrem hohen Wasserstands nicht nur Teile der Kelchsauer Landesstraße weggerissen, sondern auch Fahrbahnteile und Gebäude wie diese Autowerkstatt unterspült.
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Am Sonntagnachmittag wurde fieberhaft an der Strom- und Wasserversorgung sowie an der Netzanbindung mit A1 gearbeitet. Die Grundversorgung durch das Lebensmittelgeschäft der Firma Spar ist ebenso gesichert wie die medizinische Versorgung. Die Möglichkeit für dringende Ausfahrten wurde organisiert, jeglicher Individualverkehr ist allerdings bis auf Weiteres nicht möglich.

Glimpflich davongekommen sind 16 Deutsche, die in der Nacht vom Unterkollerhof in Söll evakuiert werden mussten, weil der Bereich von einem Hangrutsch bedroht worden ist. „Gegen Mitternacht hat es ziemlich bedrohliche Geräusche gegeben und wir haben angefangen, drei, vier Sachen zusammenzupacken. Gefühlt nur ein paar Minuten später ist die Feuerwehr gekommen und hat uns zuerst ins Gerätehaus und dann ins Hotel Gänsleit gebracht“, ist eine der Urlauberinnen aus Köln froh, dass die Einsatzkräfte so rasch reagiert haben.

Bereits wieder „einziehen“ konnten am Sonntagvormittag die Dauercamper am Campingplatz Schlossblick in Itter. Der südliche Teil des Campingplatzes hatte wegen der angrenzenden Brixentaler Ache in der Nacht evakuiert werden müssen. Nach einem leichten Rückgang des Wasserstandes läuft laut Campingplatzbesitzer alles wieder ganz normal.

Verwüstung auch in Bayern und Salzburg

Nicht nur in Tirol traten schwere Schäden ein. Auch bei den Nachbarn in Bayern und Salzburg kam es zu Verwüstungen. Schwer getroffen wurde unter anderem Hallein.

Nachdem die Wassermassen aus dem Kothbach am Samstagabend die Stadt Hallein überflutet haben, waren am Sonntag Bewohner und Einsatzkräfte mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Der Kothbach zog sich zwar in den Bachlauf zurück, doch in den Straßen der Keltenstadt hinterließ er Schlamm und Verwüstung. In den engen Gassen war das Wasser teils meterhoch gestanden.

Feuerwehrleute und Freiwillige schaufelten Schlamm, Äste und Schwemmgut aus den Eingängen der Häuser in den betroffenen Straßen. Vor einer Bar lagen dicke Äste und Autoteile. Auch mit Baggern und Kehrmaschinen wurden Schwemmholz und Schlamm beseitigt. Vom Wasser mitgerissene Baumstämme und Wurzelstöcke hatten Brückengeländer verbogen oder gar aus der Verankerung gerissen.

Besonders betroffen ist das Berchtesgadener Land in Bayern. „Fahrzeuge auf den Straßen wurden zum Spielball der Wassermassen“, berichtete ein Einsatzleiter. Für Sonntag ist dort weiterer starker Regen vorhergesagt. Die enorme Kraft der Wassermassen zeigte sich unter anderem an der Bob- und Rodelbahn in Königssee. Teile der ältesten Kunsteisbahn der Welt wurden von den Wassermassen weggerissen und zerstört. Die Wettkampfstätte wurde zur gefährlichen Wasserrutsche.


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