Neues Team, komplett neue Inszenierung: Jedermanns nackte Wahrheit

Die Neuinszenierung des Salzburger „Jedermann“ sprengt den üblichen Rahmen. Lars Eidinger wird den Vorschusslorbeeren gerecht, Verena Altenberger wertet die Rolle der Buhlschaft auf originelle Weise auf.

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Von Markus Schramek

Salzburg – 101 Jahre hat der Salzburger „Jedermann“ auf dem Buckel. Kein Sommer ohne ihn, er gehört zur DNA der barocken Festspielstadt. Das seinerzeit kreuzbrav katholisch angelegte Stück Hugo von Hofmannsthals ist eine Spielwiese für Kreative, auf der sich Regisseure und Schauspielstars nach Herzenslust austoben.

Vorgestern Samstag, Schlag 21 Uhr, steigt die Premiere des „Jedermann“, Ausgabe 2021. Wieder droht Salzburg im Regen zu ertrinken, Adieu Domplatz, hallo Großes Festspielhaus. Dort sitzen 2500 Gäste dicht an dicht. Masken trägt fast niemand.

Ja, dürfen s’ denn das? Der Salzburger „Jedermann“ des Jahres 2021 stellt einiges auf den Kopf. Buhlschaft Verena Altenberger eröffnet den Abend auf den Schultern von Titelfigur Lars Eidinger (l.).
© APA/Gindl

Vier Spielzeiten lang, von 2017 bis 2020, hat Regisseur Michael Sturminger Tobias Moretti als moderne Ausgabe des „Jedermann“ in Szene gesetzt. Heuer vollzieht Sturminger einen radikalen Schnitt: neues Team, komplett neue Inszenierung. Die Bühne einfach, großer Tisch für das gelegentliche Gelage, flankiert von zwei eilig gezimmerten (zumindest wirken sie so) Holztürmen. Die Kostüme schrill und barock, wallend und geschnürt, Männlein und Weiblein wie eins, Perücken, Rüschen, das ganze opulente Programm.

Eidinger (l.) rückt eine Frau Tod (Edith Clever) unheilvoll auf die Pelle.

Los geht es. Die neue Buhlschaft Verena Altenberger mit der viel diskutierten (warum eigentlich?) Kurzhaarfrisur thront auf den Schultern des neuen Jedermann Lars Eidinger, sein Gesicht von ihrem Kleid bedeckt. Eidinger spricht, doch die Buhlschaft bewegt die Lippen, so als ob sie den Abend eröffne. Dann, Machos müssen jetzt tapfer sein, erfolgt gar ein Rollentausch: SIE erteilt IHM den Auftrag, ein Festbankett zu organisieren und dabei nur ja keine Restln aufzutragen.

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Oft mussten sich Buhlschaften Sticheleien anhören, weil Hofmannsthal Jedermanns Geliebter magere 50 Verse zugestanden hat. Buhlschaft Altenberger schnappt sich Text ihres wortlastigen Gegenübers und wirkt überhaupt sehr präsent. Der 1,90-Meter-Lackel Eidinger würde die zierliche Salzburgerin glatt an die Wand spielen, wurde orakelt. Nichts da. Es geht in Richtung Emanzipation, sogar beim „Jedermann“.

Eidinger braucht etwas Anlauf, dann läuft der Motor: feine, verständliche Artikulation (ist nicht immer so an diesem Abend). Beim Wörtchen „Mudda“ kommt der Berliner durch, auch charmant. Er ist schauspielerisch der erwartbar große Wurf, ob als exzessives Party-Animal, als Selbstgefall-Gockel in blauen Stöckelschuhen, als schutzbedürftiges Muttersöhnchen oder als Buhlschafts true love. Leiden kann Eidinger besonders gut. Nur mit roten Shorts bekleidet, schlittert er in Phasen von greifbarer Agonie. Seine Angstschreie lassen den Saal erschaudern.

An seiner Seite werkt eine handverlesene Schar hervorragender Darsteller. Edith Clever (im Vorjahr noch in der Rolle von Jedermanns Mutter) ist heuer der Tod, mit schwarzem Zweizackhut am Kopf, abgeklärt, unnahbar, eiskalt. Jedermanns aktuelle herzallerliebste Mutter, Angela Winkler, freut sich wie ein Kind über die vermeintliche Vermählung des nicht mehr ganz jungen Filius.

Mavie Hörbiger (2017 bis 2020 allegorisch als Jedermanns „Werke“ zu sehen) gibt diesmal, ziemlich weltumspannend, Gott und den Teufel. In letzterer Rolle ärgert sie sich, mit zwei zornigen Hörndln auf dem Haupt, erfrischend komisch (und mit Szenenapplaus bedacht) darüber, dass ihr der Jedermann entwischt. Als sie im Ringen mit dem „Glauben“ (Kathleen Morgeneyer) ihres Fells verlustig geht und quasi nackt dasteht, fordert selbst eine gestandene Diabolin wie sie politische Korrektheit ein: „Das ist Belästigung!“

Und schließlich Mirco Kreibich! Ein Mann wie ein Gummiball, athletisch, dehnbar, immer in Bewegung. Zunächst muss er sich als Schuldknecht in einem bizarren Boxkampf vom Jedermann „die Fresse polieren lassen“ (wie es Kreibichs deutsche Landsleute formulieren würden). In seiner zweiten Rolle als Mammon wird Kreibich zum Geldsack in Menschengestalt. Tänzelnd verhöhnt er den Jedermann, der sich noch in Todesangst an seinen Zaster klammert, wie auch, ebenso vergeblich, an so manches Bein seiner vormaligen Spaß- und Zechkumpane.

Der Osttiroler Wolfgang Mitterer hat die Musik für den „Jedermann“ 21 komponiert. Wirkungsvoll unterstreicht sie die Stimmung und bringt noch mehr Tempo ins ohnehin schon wilde Treiben. Eine E-Gitarre heult dramatisch auf, als sich die Buhlschaft, in Hofmannsthals Text glatt vergessen, vom Jedermann verabschiedet, in einer wortlosen, berührenden Szene, ein Totentanz zweier Liebender.

Jedermann – das sind wir alle, will uns Lars Eidinger, wieder fast nackt, als Wahrheit mit auf den Weg geben. Er wendet sich direkt ans Publikum, murmelt Verwirrendes wie „Everyman“ und „Me, We“. So heißt Buhlschaft Altenbergers neuer Film, vielleicht ist es auch ein Hinweis darauf, dass jeder in den Spiegel blicken sollte, bevor er über andere herzieht. Zu Klängen von „Schlafes Bruder“, mit Pathos und in der Anordnung einer Pietà, stirbt der Jedermann im Schoß von Frau Tod (die für diesen Anlass kleidsam von Schwarz auf Weiß gewechselt ist).

Aus. Herrschaften links und rechts springen begeistert auf. Sie kommen aus München „wegen dem Lars“. Ihm liegen sie zu Füßen, bevor er einen Pieps gesagt hat. Standing Ovations reihum. Kein Buhruf vernehmbar.

Der „Jedermann“ 2021 wird wohl kein Jahrhundert-Stück. Einige Zeit wird man sich aber schon an ihn erinnern. Dann werden andere kommen, um eine Party zu feiern auf dieser Spielwiese vor oder nahe dem Salzburger Dom.


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