Theater bringt Heimkinder auf die Bühne in Umhausen

Der Geschichte der Tiroler Heimkinder nimmt sich eine Eigenproduktion der Theatergruppe Gegenwind unter der Regie von Lukas Leiter an.

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Heimkind Vitus, gespielt von Max Heiss im blauen Overall, überlebt ein System struktureller und offener Gewalt.
© Hirsch

Von Thomas Parth

Umhausen – Auf einen Abend mit „Don Camillo und Peppone“ dürfe man sich nicht einstellen, kommentierte Lukas Leiter. Er hatte 2019 den Auftrag erhalten, ein Theaterstück anlässlich der 800-Jahr-Feier der Umhauser „Veitskirche“ zu inszenieren. Am Ende aller Überlegungen fiel die Wahl auf eine Eigenproduktion. Als Ausgangspunkt für das Auftragswerk dienen Interviews mit ehemaligen Tiroler Heimkindern, die über ihr Schicksal sprechen und somit den Bogen zum heiligen Vitus spannen. Dieser gilt als Schutzpatron der Schauspieler und Jugendlichen.

Zusammen mit Maximilian Heiss und Tamara Hechenberger, beide von der Theatergruppe Vorderes Ötztal, entwickelte Lukas Leiter das Stück vom Storyboard über Inszenierung mit Bühnenbild bis hin zu Skript, Regie und Schauspiel. „Interessant für mich war zu sehen, dass sich unsere Gedanken in dieselbe Richtung bewegten“, bestätigt Leiter.

Am Ende gewährt das Stück in zehn Szenen Einblicke in das Leben des Heimkindes „Vitus“. Der Hauptprotagonist durchlebt mehrere Entwicklungsschritte, auf denen ihn Gott als wichtige (Rand-)Figur begleitet. „Die Zuschauer haben die Premiere mit einem Gefühl der Fassungslosigkeit und unvorstellbarer Ohnmacht aufgenommen“, verwehrt sich Leiter gegen „Gewalt auf der Bühne“. Stattdessen gelingt es ihm und seinen Schauspielkollegen, das Kopfkino anzuwerfen. Macht, Machtmissbrauch, strukturelle Gewalt werden schonungslos dokumentiert, ohne dabei zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Für noch mehr Authentizität sorgen Tonbandeinspielungen der Interviews, die Historiker Horst Schreiber mit ehemaligen Heimkindern führen konnte.

„Ich bin mit der schauspielerischen Leistung meiner Darsteller sehr zufrieden“, lobt Leiter: „Sie haben sich ihre Rollen erarbeitet und sind am Premierenabend aus sich herausgegangen.“ Mit Begriffen wie „ein hartes Thema“ oder ein „schweres Stück“ kann der Ötztaler Theatermann wenig anfangen. „Viele einstige Heimkinder können von ihren Erlebnissen nicht mehr berichten, weil sie daran zerbrochen sind. Alkohol, Drogen, Suizid waren vielfach die Folge“, erinnert Leiter. „In einem Interview wurde eine Frau danach gefragt, wie es war, von einem Heim ins nächste verlegt worden zu sein. ,Einmal Hölle und zurück‘, hat sie umgehend geantwortet“ – womit der Name für das Stück gefunden war.

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Zum Schluss richten alle Schauspieler aus ihrer Rezeption oder aus ihrer Rolle heraus zwei Sätze ans Publikum. Auf diese Weise will man auch den Tätern einen Platz einräumen. Dieser Umstand sei innerhalb der Theatertruppe heiß diskutiert worden, gesteht Leiter. Er hofft auf Rückmeldungen und Besuche von ehemals Betroffenen.


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