Lisa Totzauer setzt beim ORF auf Unabhängigkeit und Publikumsnähe

Die Kandidatin für die ORF-Generaldirektion plant im Falle eines Wahlsiegs mehr Gelder fürs Programm, mehr Regionales und einen Fokus auf Innovation sowie Transparenz. Den Frauenanteil in Spitzenpositionen will Totzauer erhöhen.

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Lisa Totzauer bewirbt sich als Generaldirektorin des ORF.
© HERBERT PFARRHOFER

Wien – Mehr Gelder fürs Programm, mehr Regionales und einen Fokus auf Innovation sowie Transparenz erwartet das ORF-Publikum in den nächsten fünf Jahren, sollte die Generaldirektorenwahl am 10. August zugunsten von ORF-1-Channelmanagerin Lisa Totzauer ausgehen. Sie tritt zudem für einen höheren Frauenanteil in Führungspositionen, eine kooperative Haltung gegenüber anderen Marktteilnehmern und starke Sendungsteams ein, wie sie im APA-Interview erklärt.

„Entscheidend, transparent mit Entscheidungsprozessen umzugehen“

Totzauer positionierte sich in einem Mitte Juli veröffentlichten Video, in dem sie ihre Kandidatur für die ORF-Wahl verkündete, als unabhängige Kandidatin, die dem Publikum verpflichtet sei. Ein Unabhängigkeitsproblem ortet sie nicht im ORF. „Ich bin aber überzeugt davon, dass es entscheidend ist, noch näher an das Publikum heranzurücken und transparent mit Entscheidungsprozessen und Inhalten umzugehen“, sagt die 50-Jährige.

Die Debatte rund um die bürgerliche Mehrheit im Stiftungsrat und die damit einhergehende Befürchtung, die Kanzlerpartei könne den ORF-Generaldirektorenposten im Alleingang bestimmen, sieht sie kritisch: „Diese Wahrnehmung oder Zuschreibung ist für eine unabhängige öffentlich-rechtliche Anstalt sicherlich wenig dienlich. Das gilt es mit persönlicher Glaubwürdigkeit und professioneller Distanz hintanzuhalten.“ Über eine Neuordnung des Entsendemechanismus in den Stiftungsrat zu befinden, stehe ihr nicht zu. Das sei Aufgabe des Gesetzgebers und dort gut aufgehoben. Prinzipiell sieht sie aber „sehr viele extrem engagierte, lösungsorientierte und kompetente Stiftungsräte“. „Ich bin überzeugt, dass diese 35 Personen nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis von Inhalten und unabhängig entscheiden werden“, so die Wienerin.

An Treffen des bürgerlichen „Freundeskreises“ nahm Totzauer nicht teil.
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Dass ORF-Vizefinanzchef Roland Weißmann bereits als ÖVP-Favorit gehandelt werde, lässt sie nicht verzagen. Denn: „Es liegt bis jetzt von keiner Bewerberin und keinem Bewerber ein inhaltliches Konzept vor. Ich gehe aber davon aus, dass die Stiftungsräte anhand dessen entscheiden werden.“ Mit einzelnen Stiftungsräten ist Totzauer in Kontakt. „Das ist Teil meines Jobs.“ An Treffen des bürgerlichen „Freundeskreises“ nahm sie jedoch nicht teil. „Die sogenannten ‚Freundeskreise‘ sehe ich primär als politische Formationen an und dazu habe ich selbstverständlich eine professionelle Distanz“, sagt die ORF-1-Channelmanagerin. Professionell sei auch ihr Verhältnis zu Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).

Ihr Entschluss, sich für den ORF-Chefsessel zu bewerben, sei jedenfalls aus Überzeugung erfolgt: „Wir brauchen eine innovative, dynamische Geschäftsführung, die programmliche und strukturelle Herausforderungen konsequent und nachhaltig angeht. Wir sehen eine digitale Revolution am Medienmarkt, und die Weichenstellungen der nächsten fünf Jahre werden über die Zukunft des ORF entscheiden. Ich will als Journalistin und Programmmacherin mit langjähriger Führungserfahrung an der Spitze des größten Medienunternehmens Österreichs meinen Beitrag für einen unabhängigen, selbstbewussten und zukunftsorientierten ORF leisten.“

Mehr Frauen an der Spitze

Ihre Bewerbung werde sie bis 28. Juli und damit dem Ende der regulären Frist abgeben. „Wichtig sind mir vor allem mehr Regionalität, mehr Österreich, mehr Gelder ins Programm, Innovation und Digitalisierung, Transparenz und mehr Nähe zum Publikum. Auch der ORF als Ausbildungsplattform für den gesamten österreichischen Medienmarkt ist mir ein Anliegen“, umreißt Totzauer die wichtigsten Eckpunkte ihres Konzepts. Gedanken zu ihrem Team habe sie sich bereits gemacht. Nur wolle sie das Konzept zunächst dem Stiftungsrat vorstellen. Eines sei aber klar: „Wir haben zu wenige Frauen an der Spitze des ORF. Hier gibt es zweifellos sehr großen Handlungsbedarf.“

Kooperationen am österreichischen Medienmarkt steht sie offen gegenüber: „Ich bin überzeugt davon, dass diese sinnlosen Hahnenkämpfe aufhören müssen. Ich bin eine sehr konsensorientierte Person, die einiges an Expertise und Fingerspitzengefühl mitbringt. Wir sollten die Fronten nicht festzurren, sondern zu einer kooperativen Haltung finden. Die wahre Bedrohung stellen internationale Konzerne und Plattformen da“, meint die Channelmanagerin. Auf eine österreichische Kooperation müssten europäische folgen, um den österreichischen Medienmarkt zu erhalten, glaubt Totzauer.

An den linearen Kanälen will sie festhalten, auch wenn der ORF-Player in Zukunft zu voller Entfaltung finden sollte. „Es wäre nicht klug, dass ganze Channels ins Digitale abwandern. Es wäre schon gar nicht aus ökonomischer Perspektive ratsam. Man muss lediglich den Tausenderkontaktpreis im linearen Fernsehen mit jenem im digitalen Bereich vergleichen. Dann sehen wir, dass das Thema noch nicht spruchreif ist“, sagt Totzauer. Zudem schaffe es der ORF weiterhin, auch sehr junges Publikum an einzelne Formate wie „Starmania“ oder „Dok 1“ zu binden. „Wichtig ist dabei, auf eine Kombination von Social Media und den Formaten zu setzen“, meint sie.

„Würde Informationsdirektion nicht in der Generaldirektion sehen“

Kritisch sieht sie, dass der amtierende Generaldirektor, Alexander Wrabetz, zugleich Informationsdirektor ist. „Ich würde eine Informationsdirektion nicht in der Generaldirektion sehen und trete auch in Hinblick auf den künftigen multimedialen Newsroom für ein Mehraugenprinzip ein.“ Dort wolle sie Meinungsvielfalt und Unabhängigkeit mit möglichst starken Sendungsteams wahren. Sinn mache es zudem, wenn es weiterhin Chefredakteure für Fernsehen, Radio und Online gebe, so Totzauer.

Konfrontiert mit der kürzlich von Wrabetz getätigten Aussage, dass der künftige multimediale Newsroom „state of the art“ sei, verweist sie auf zahlreiche getätigte europaweite Besuche multimedialer Newsrooms. „Wir sehen international, dass sich die ganz großen Newsrooms wieder zu kleineren Einheiten rückbilden. Das große Zukunftsthema ist mobiles, flexibles Arbeiten. Wichtig sind die Werkzeuge und nicht, wer wo sitzt“, glaubt Totzauer. Dass der amtierende Generaldirektor knapp vor der Amtsperiode des nächsten ORF-Chefs noch sämtliche Führungspositionen im Newsroom besetzen will, „dürfte ihm formal zustehen. Aber ich gehe davon aus, dass es ein einvernehmliches Vorgehen im Falle einer neuen Geschäftsführung gibt.“

Bei einer öffentlichen Präsentation im Vorfeld der ORF-Generaldirektorenwahl – wie von Wrabetz angekündigt – wäre sie dabei. „Wir sind für das Publikum da, deshalb ist es selbstverständlich, dass wir Inhalte in so einem Prozess transparent machen.“ Ob sie im ORF bleiben möchte, sollte sie keine Mehrheit bei der Wahl erlangen? „Jetzt ist das Ziel der 10. August. Dann treffe ich weitere Entscheidungen.“ (APA)


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