Einmal Wahnsinn mit alles: „Nerone“ in Bregenz

Arrigo Boitos „Nerone“ eröffnete am Mittwochabend die 75. Bregenzer Festspiele.

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Entweder man ärgert sich unfassbar oder man lässt alle Hoffnung auf Verständnis fahren und sich auf das Unfassbare ein: die diesjährige Bregenzer Hausoper „Nerone“.
© Karl Forster

Von Jörn Florian Fuchs

Bregenz – Wäre das Stück eine Pizza, die Sache wäre klar. Ein ziemlich fester Teig dient als Grundlage, darauf mehrere Schichten mit extrem exzellentem Mozzarella, an den Seiten einige Paradeiser und anderes gesundes Gemüse, doch zur Mitte hin Ei und Speck und Gamswurst und Kaminwurzen und vielleicht ein kleines Wiener Schnitzel und eine große Portion Schwertfisch und ganz, ganz viel, was eigentlich nicht auf eine Pizza gehört. Hätte man sich durch die mehr oder minder kulinarischen (Ge-)Schichten gearbeitet, stieße man stracks noch auf ein Paar Eitrige und auf – jede(r) stelle sich bitte nun selbst etwas besonders Seltsames vor!

Das Problem mit Arrigo Boitos „Nerone“ ist: Es handelt sich um solch eine musiktheatrale Pizza, deren exakte Inhaltsstoffe sich weder durch eine genaue Vorbereitung noch durchs Studieren der Zutatenliste (vulgo Programmheft) analysieren lassen.

Fest steht jedoch, dass Olivier Tambosis Regie mit ziemlicher Wucht die möglichen Funken des Verstehens rasch zum Erlöschen bringt. Doch zuerst zum Komponisten. Der lebte von 1842 bis 1918, war ein wunderbarer Librettist (etwa für Verdi) und schrieb eine vollendet brillante Faust-Oper, die den Gegenspieler des Doktors in Zentrum rückt, weswegen sie auch „Mefistofele“ heißt, selbiger darf oder muss in diesem Werk sogar pfeifen!

Mit dem Schicksal des Schlächters und Fanatikers Nero hingegen haderte Boito sein ganzes Leben, beinahe sechzig (!) Jahre komponierte er daran und darin herum, drei von fünf Akten wurden fertig, nach seinem Tod brachte Arturo Toscanini mit zwei Mitstreitern den vierten Akt in eine spielbare Fassung, vom geplanten Finale gibt es nur den Text. Die Musik ist (ebenso wie das Libretto) ein gefundenes Fressen für Liebhaber des sehr Schrägen und Abwegigen. Laut und grob geht es meist zu, da wirbeln hier verrückte Streicherphrasen, verfugen sich dort virtuos Stimmen diesseits und jenseits des Grabens, erschrecken plötzlich gnadenlos grelle Blechknallbonbons.

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Alles neu und anders und gewaltiger wollte Boito es haben – und das gelingt ihm vollauf. In Bregenz auch deshalb, weil am Pult der Wiener Symphoniker Dirk Kaftan den Überblick dort behält, wo es nötig ist, ansonsten der Sache ihren oft durchaus unrunden Lauf lässt. Nerone wird von Rafael Rojas – je nach Vorgabe – gesungen oder auch mal gebrüllt, das ganze Ensemble macht seine Sache(n) gut, zum Beispiel Lucio Gallo als Simon Mago oder Svetlana Aksenova als Asteria.

An dieser Stelle müssten wir eigentlich dringend über die Handlung sprechen, aber da wir sie nicht verstanden haben, wollen wir nicht so tun, als ob, und werfen daher nur dieses kurz in den Ring: Nero ist völlig areligiös, wird aber von Gespenstern verfolgt (vor allem seine von ihm unlängst ermordete Mutter macht ihm sehr zu schaffen). Er ist völlig auf sich bezogen, interagiert aber doch ständig mit und gegen andere. Es gibt echte und falsche Christen, Wagenrennen, einen brennenden Zirkus (die Älteren werden mit dem genauen Begriff Circus Maximus etwas anzufangen wissen). Regisseur Olivier Tambosi entscheidet sich dafür, ähnlich wie Boito das größtmögliche Ideen-Sammelsurium anzubieten und zeigt eine Travestie des Stücks (mit Nerone als gelegentlich leibhaftigem Transvestiten), so prall und überdreht und verwirrend, dass sich nun zwei Möglichkeiten der Bewertung ergeben. Man ärgert sich entweder unfassbar. Oder man lässt alle Hoffnung auf Verständnis fahren und lässt sich auf das Unfassbare ein. Da der ORF das Stück in Bälde zeigt, kann sich jede(r) für (s)eine Lesart entscheiden ...

Weitere Termine

Nerone. Am 25. Juni und 2. August im Bregenzer Festspielhaus und am 8. August um 21.50 Uhr auf ORF III.


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