"Me, We": Der Weg zum Wir ist noch weit

Die Flüchtlingskrise als Testfall einer Gesellschaft: „Me, We“ mit Verena Altenberger und Lukas Miko. als Parabel Abbild ein Mustertext.

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Marie (Verena Altenberger) versucht schiffbrüchigen Flüchtlingen vor Lesbos zu helfen. Sie gerät dabei selbst in Seenot.
© Filmladen

Von Markus Schramek

Innsbruck – „Me, We“ wird als Mini-Gedicht der 2016 verstorbenen US-Boxlegende Muhammad Ali zugeschrieben. Er soll die beiden Wörter 1975 bei einer Rede vor Harvard-Absolventen spontan aneinandergereiht haben.

Vom „Ich“ zum „Wir“ – eine chancengleiche Gesellschaft als Mosaik von Talenten, ein Zusammenwachsen und Zusammenstehen: Das gab Champion Ali jungen Menschen mit auf den Weg. Diese Mission ist fast 50 Jahre später noch unerfüllt. Heute werden in reichen Ländern mit restriktiver Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik Wahlen gewonnen.

📽️ Video | Trailer

Regisseur David Clay Diaz hat „Me, We“ zum Titel seines neuen, in Österreich produzierten Spielfilms gemacht. Vier Personen haben eines gemeinsam: Sie wollen nicht mehr länger zusehen, sie werden selbst aktiv.

Marie (gespielt von „Jedermann“-Buhlschaft Verena Altenberger) schließt sich einer NGO auf der griechischen Insel Lesbos an. Von den Behörden schikaniert, versucht sie auf eigene Faust, schiffbrüchige Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten.

Die gutsituierte TV-Redakteurin Petra (Barbara Romaner) nimmt den mutmaßlich minderjährigen Flüchtling Mohammed in ihrer gediegenen Bleibe auf. Sie versucht ihm das Leben in Wien schmackhaft zu machen, kulturelle Unterschiede blendet sie dabei aus. „Du hältst dir einen armen Flüchtling im Keller“, ärgert sich Mohammed, als er wieder einmal mit Petra in Streit gerät.

Fallbeispiel Nummer 3 ist der 17-jährige Marcel (Alexander Srtschin), der in einem Wohnsilo am Rande der Großstadt lebt. Er und seine spätpubertierenden Freunde gründen die „Schutzengel AG“: Ausländerfeindlich und alkoholschwanger spielen sie sich in Discos als selbsterklärte Beschützer junger Besucherinnen auf.

📽️ Video | „Me, We": Tragikomödie über Migration

Und schließlich Gerald (für dessen Darstellung Lukas Miko bei der Diagonale 2021 ausgezeichnet wurde): Er leitet ein Asylwerberheim, unter dem wachsamen Auge und dem wachsenden Druck von Polizei und Politik.

Letztlich scheitern alle vier Hauptcharaktere, jeder auf seine Weise. Gemeinschaft im Sinne von „Me, We“ gelingt bestenfalls in Ansätzen.

Es wenigstens versucht zu haben, ist ein Schritt auf einem noch sehr, sehr langen Weg. David Clay Diaz’ Spielfilm ist das ungeschönte Porträt einer Gesellschaft, die mit sich ringt und kämpft.

Info

Me, We läuft aktuell im Kino. Innsbruck: Cinematograph


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