Freundschaft und Vorurteile: Auf dem Tisch nach Anatolien

Vorgeführte Vorurteile und eine Freundschaft, die wehtut: das Jugendstück „Türkisch Gold“ bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs.

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Funkelndes Spiel, auch und gerade in den verschämten Momenten: Kai Götting und Luzia Monteiro in „Türkisch Gold“.
© Victor Malyshev

Telfs – Freundschaft kann auch wehtun. Vor allem wenn eine Seite irgendwie mehr möchte als „nur“ Freundschaft. Und die andere Seite gerade dabei ist, sich anderweitig zu verlieben. Im Kern spielt Tina Müllers Jugendstück „Türkisch Gold“ (empfohlen ab 12 Jahren) dieses Dilemma durch. Und es nimmt die Heranwachsenden-Herzschmerz-Konstellation zum Anlass, um ein ganzes Arsenal mehr oder weniger gängiger – nennen wir das Kind beim Namen – rassistischer Vorurteile und Klischees vorzuführen.

Aber der Reihe nach: Der Österreicher Jonas hat sich im Türkei-Urlaub in Aynur verschaut. Die ist zwar auch Österreicherin, aber eben mit Migrationsgeschichte. Jonas erzählt seiner besten Freundin Luiza von der Strandschwärmerei – und die eifersüchtelt sich ins „Stell dir vor“. Schließlich wisse ja jeder, wie „die Türken“ so sind. Er hält dagegen. Mit Vorstellungen, die nicht weniger stereotyp sind wie der krass-klappmesserschwingende Kemir, den Luiza aus der Klischee-Kiste kramt. Kurzum: „Türkisch Gold“ stellt nicht zuletzt die verheerende Wirkmacht von ahnungslosen Ahnungen aus. Neu ist das Stück nicht. Es wurde 2006 in der Schweiz uraufgeführt. 2010 kam es in Salzburg zur österreichischen Erstaufführung. 2015 war es – als Gastspiel des Landestheaters Schwaben – in Landeck zu sehen. Schon der Umstand, dass der Stoff in eineinhalb Jahrzehnten kaum an tagesaktueller Dringlichkeit verloren hat (und zum Dauerbrenner postmigrantischer Bühnenpädagogik wurde), sollte nachdenklich machen.

Bei Premiere Dutzende Plätze leer

Am Freitagabend hatte „Türkisch Gold“ bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs Premiere. Ursprünglich angedacht war es als mobile Produktion. Nach einer Schulschlussvorstellung vor Festivalstart im Meinhardinum wird es bis 28. Juli stationär im kleinen Rathaussaal gespielt. Dort blieben am Premierenabend Dutzende Plätze leer. Dabei hätte sich Ebru Tartıcı Borchers mit feinen, von Azahara Sanz Jara choreografierten Tanzeinlagen ins Abendfüllende gestreckte Inszenierung ein volles Haus verdient.

Aus dem auf das Nötigste reduzierten Dekor (Ausstattung: Hanna Schmaderer) holt Tartıcı Borchers viel heraus: Auch auf einer Tischplatte kann man nach Anatolien fliehen; wenig später dient der gleiche Tisch hochkant als Tür, vor der ein österreichischer Besserwisser aus Ressentiment gutgemeinte Erziehungsratschläge zimmert.

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Zum wirklichen Kleinod wird „Türkisch Gold“ aber vornehmlich durch die beiden DarstellerInnen Luiza Monteiro und Kai Götting. Sie spielen Luiza und Jonas, die wiederum abwechselnd Versionen von Aynur, aber auch verzweifelte Väter, energische Mütter, paffende Omas und polternde Hakenkreuz-Proleten spielen. Das Spiel im Spiel ist energiegeladen, ja übermütig und bisweilen offensiv parodistisch. Das Drama einer Freundschaft, die Gefahr läuft, richtig schmerzhaft zu werden, spielt sich zwischen diesen auch schweißtreibenden Einlagen ab. Gerade wenn nicht geturnt wird, in den Momenten verschämt-fordernder Blicke, funkelt „Türkisch Gold“ besonders schön. (jole)


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