Gold für Österreich: Anna Kiesenhofer sorgt für Rad-Sensation bei Olympia

Anna Kiesenhofer hat die erste österreichische Medaille bei den Olympischen Spielen in Tokio gewonnen ‒ und die glänzt gleich in Gold. Die 30-jährige Niederösterreicherin holte am Sonntag sensationell Gold im Rad-Straßenrennen der Frauen, nachdem sie alle Favoritinnen mit einer Attacke zu Beginn überrascht hatte.

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Die Medaillengewinner im Straßenrennen: Annemiek Van Vleuten (NED/Platz 2), Olympiasiegerin Anna Kiesenhofer und Elisa Longo Borghini (ITA/Platz 3 )
© AFP

Tokio ‒ Die Niederösterreicherin Anna Kiesenhofer hat am Sonntag für die große Sensation bei den Olympischen Spielen in Tokio gesorgt. Als Außenseiterin eroberte die 30-Jährige die Goldmedaille im Rad-Straßenrennen der Frauen, das erste Edelmetall des ÖOC-Teams in Japan. Gleich nach dem Start initiierte sie eine fünfköpfige Spitzengruppe, ließ in der Folge die Mitstreiterinnen auf der 137-km-Strecke zurück und triumphierte nach einer 41-km-Solofahrt.

"Ich konnte es nicht glauben"

"Es fühlt sich unglaublich an. Ich konnte es nicht glauben. Selbst als ich die Ziellinie überquert habe, habe ich mir gedacht: Ist es wirklich aus? Muss ich noch weiterfahren?" sagte die Olympiasiegerin nach dem Rennen.

Die gebürtige Weinviertlerin holte das erste Rad-Olympia-Gold für Österreich seit Adolf Schmal 1896 im Zwölf-Stunden-Rennen in Athen und die erste Goldene seit den zwei Siegen durch Triathletin Kate Allen und den Tornado-Segler Roman Hagara/Hans Peter Steinacher 2004 in Athen. Im Ziel auf dem Fuji-Speedway triumphierte sie mit mehr als einer Minute Vorsprung vor der Niederländerin Annemiek van Vleuten.

Gold im Rad-Straßenrennen: Anna Kiesenhofer jubelt nach langer Solofahrt über ihren Olympiasieg.
© MICHAEL STEELE

Asse verrechneten sich nach früher Attacke der Mathematikerin

Die Mathematikerin Kiesenhofer düpierte mit dem frühen Angriff und dem Durchhalten bis ins Ziel, das im modernen Radsport seinesgleichen sucht, die von den Niederländerinnen angeführte Konkurrenz. Die Asse wie Rio-Olympiasiegerin Anna van der Breggen und Ex-Weltmeisterin Van Vleuten verrechneten sich, sie hatten die ihnen weitgehend unbekannte Wissenschaftlerin und Rad-"Amateurin" offensichtlich unterschätzt.

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Frauen, Straßenrennen:

🥇 Gold: Anna Kiesenhofer (AUT)

🥈 Silber: Annemiek van Vleuten (NED)

🥉 Bronze: Elisa Longo Borghini (ITA)

Kiesenhofer hatte die 2017 begonnene Profikarriere bei einem belgischen Team noch im gleichen Jahr wieder beendet. "Ich habe gemerkt, dass der Profisport für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist und ich lieber nur Hobbysport mache", betonte sie im Vorfeld der Spiele.

Emotionen pur: Anna Kiesenhofer im Zielgelände nach ihrer Goldfahrt.
© BEN STANSALL

Es folgten zwei Jahre ohne Rennen und ab 2019 ein Neubeginn mit jeweils nur ausgewählten Bewerben. Neben einem internationalen Sieg bei der Ardeche-Rundfahrt 2016 hat sie "nur" Erfolge in der Heimat vorzuweisen, zuletzt drei ÖRV-Titel im Einzelzeitfahren und einen 2019 im Straßenrennen.

Von Beginn an in Führung

Der 55 kg leichten Österreicherin, im Teamauto von Nationaltrainer Klaus Kabasser betreut, fehlt die Erfahrung von großen Straßenrennen. Im engen Pulk fühlt sie sich nicht so wohl. Daher fuhr sie die ersten, neutralen Kilometer bis zum Start auch einige Meter hinter dem Feld. Doch nachdem das Rennen bei 34 Grad Hitze auf dem hügeligen Kurs mit dem Fuji Sanroku (1.451 m) als höchstem Punkt freigegeben war, trat Kiesenhofer gleich voll an.

© MICHAEL STEELE

Im Finish kamen der Wahl-Schweizerin die Qualitäten im Einzelzeitfahren zugute. Für diese Disziplin hatte Österreich aber für die Sommerspiele keinen Quotenplatz erhalten. "Wenn ich tauschen könnte, wäre mir das Einzelzeitfahren lieber", hatte Kiesenhofer vor ihrem Start gemeint. Diese Ansicht hat sie am Sonntag mit einer der größten Überraschungen in diesem Sport wohl revidiert.

Niederländerin jubelte irrtümlich über Sieg

Völlig überrascht war auch die Zweitplatzierte Annemiek van Vleuten: Als sie über die Ziellinie fuhr, jubelte sie ausgelassen. Sie dachte, sie habe das Rennen gewonnen. Dass sie Zweite geworden war, erfuhr die Niederländerin erst, als sie vom Rad stieg. "Wir dachten, wir machen alles richtig. Wir haben die Polin und die Israelin eingeholt und dachten, wir würden um die Goldmedaille fahren", sagte sie später. Auch die Britin Lizzie Deignan sagte im Ziel, sie dachte, van Vleuten habe gewonnen. (TT.com, APA)

💬 Reaktionen zu Olympia-Golf für Anna Kiesenhofer

Anna Kiesenhofer: "Es fühlt sich unglaublich an. Ich konnte es nicht glauben. Selbst als ich die Ziellinie überquert habe, habe ich mir gedacht: Ist es wirklich aus? Muss ich noch weiterfahren? Ich hatte die Attacke bei Kilometer null geplant und war froh, in Führung gehen zu können. Davon konnte ich nicht ausgehen, da ich nicht gut darin bin, im Peloton zu fahren. Ich war froh, dass ich nicht zu nervös war, bin einfach drauflos gefahren. In der Ausreißergruppe haben wir mehr oder weniger zusammengearbeitet – das war hilfreich. Ich habe gemerkt, dass ich am stärksten in der Gruppe war, und wusste, ich habe den Anstieg vor der langen Abfahrt. Ich bin ziemlich gut bei Abfahrten, dann war es wie ein Zeitfahren bis ins Ziel."

Silber-Gewinnerin Annemiek van Vleut (NED): "Wir dachten, wir machen alles richtig. Wir haben die Polin und die Israelin eingeholt und dachten, wir würden um die Goldmedaille fahren. Ich denke nicht, dass wir sie (Kiesenhofer, Anm.) unterschätzt haben. Ich kenne sie nicht. Was kann man falsch einschätzen, wenn man jemanden nicht kennt."

Bronze-Gewinnerin Elisa Longo Borghini (ITA): "Ich dachte, die Niederländerinnen hätten alles in ihren Händen, aber am Ende verlierst du manchmal das Rennen, wenn du zu viel taktierst und denkst, du bist am stärksten. Als Nationalteam wussten wir, dass wir wirklich leiden müssen, um eine Medaille zu machen, und das haben wir getan. Erst als wir die Polin und die andere Fahrerin (Anna Plichta und Omer Shapira; Anm.) eingeholt hatten, haben wir realisiert, dass da noch eine andere vorne war."

ÖRV-Präsident Harald Mayer: "Herzlichen Glückwunsch an Anna Kiesenhofer. Ein historischer Erfolg für den Österreichischen Radsport. Nach 125 Jahren gibt es wieder eine Radsportmedaille. Das ist eine unglaubliche Geschichte. Schön, dass wir diesen Erfolg im Gründungsjahr der Frauen-Radliga feiern dürfen. Von Anfang an wurde diese mit Begeisterung aufgenommen und diese Medaille ist ein weiterer riesiger Schritt für den Österreichischen Frauenradsport. Anna Kiesenhofer wurde heute für eine tolle Fahrt, bei der sie Mut, Kraft und Selbstvertrauen zeigte, mit Gold belohnt."

ÖRV-Sportdirektor Christoph Peprnicek: "Ich bin komplett fertig, ich glaube das noch immer nicht. Ich freue mich so für die Anna und auch für den österreichischen Damenradsport. Was da passiert ist, ist ein Wahnsinn. Wir haben gewusst, dass sie am Berg sehr stark ist. Wir haben auch gewusst, dass eine Chance in der Gruppe besteht, aber mit Gold hat, glaub ich, keiner gerechnet. Wir freuen uns natürlich riesig. Ich bin so stolz auf sie und bin so froh, dass das geklappt, hat. Ich hoffe, dass das einen Hype für den österreichischen Damenradsport auslösen wird und wir so weiterarbeiten."

ÖOC-Präsident Karl Stoss (im ORF): "Das zeigt einmal mehr, was alles machbar und möglich ist im Leben. Ein Frau, die eigentlich ihre Karriere beendet hat. Eine Frau, die einmal Profi war, dann aufgehört zwei Jahre, auch verletzungsbedingt pausiert hat und dann im letzten Jahr nur noch die Straßen-Staatsmeisterschaft gefahren ist, kommt hierher und sagt: Eigentlich wär mir das Einzelzeitfahren lieber. Dann fährt sie auf der Straße zu Gold - weit überlegen. Ich freue mich unglaublich für sie, für den Radsport, für Österreich. Das Olympia-Team ist hoch motiviert, und hoffentlich folgen da noch andere Medaillen."

ÖRV-Nationaltrainer Frauen Klaus Kabasser: "Sensationell, es hat ja doch 125 Jahre gedauert bis zur ersten Straßengoldenen. Ich mache das schon lange, aber an die kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Am Anfang war es natürlich gar nicht so, dass man weiß, ob das aufgeht, aber die Attacke war so früh wie möglich geplant. Nach dem langen Anstieg sind wir dann erstmals nervös geworden. Es waren mehrere Faktoren und die Konstellation war vielleicht auch so, dass die sie trotzdem unterschätzt haben. Und es gehört auch Glück dazu. Sie ist völlig bis ans Limit gegangen, fünf Kilometer weiter hätte es nicht gehen dürfen. In Früh haben wir noch gesagt alles, nur nicht noch einmal ein vierter Platz wie Christiane Söder 2008 in Peking." Über Kiesenhofer: "Sie ist mental extrem stark, sie bereitet sich extrem detailliert und gewissenhaft vor. Wenn sie Ziele hat, dann verfolgt sie sehr konsequent, nicht umsonst ist sie mit 30 schon Professorin der Mathematik."

Peter Mennel (ÖOC-Generalsekretär): "Ich bin sprachlos. Das war ein sporthistorischer Gänsehaut-Moment, wie man ihn nur ganz selten erlebt. Ich kann Anna zu diesem Husarenritt und dem Österreichischen Radsportverband nur gratulieren."

Christoph Sieber (Chef de Mission und ÖOC-Sportdirektor): "Ihre Nominierung wurde lange kontroversiell diskutiert. Es ist schön, dass die Rechnung von Sportdirektor Chris Peprnicek aufgegangen ist."

Sport-Austria-Präsident Hans Niessl: "Nicht nur, dass sie Olympisches Gold gewonnen hat, auch die Art und Weise, wie sie es tat, war einfach sensationell! Im Namen des österreichischen Sports gratuliere ich herzlich zu diesem einzigartigen und historischen Erfolg. Das war ja quasi ein Start-Ziel-Sieg. Gerade in Zeiten wie diesen ist diese Goldmedaille ein wichtiges, starkes Signal des österreichischen Sports."

Schwimmer Felix Auböck: "Ich habe ihren Sieg im Fernsehen mitverfolgt. Das ist wahnsinnig wichtig für die Olympia-Mannschaft. Das nimmt extrem viel Druck von allen anderen Olympia-Kandidaten."

Roman Hagara (zweifacher Olympiasieger im Tornadosegeln): "Liebe Anna, ich ziehe meinen Hut und gratuliere dir ganz herzlich zu dieser außergewöhnlichen Leistung. Olympia hat keine Regeln. Ganz einfach: Der oder die Beste gewinnt - enjoy!"gw

Lukas Weißhaidinger: "Ich hab' die letzten 80 Kilometer mitverfolgt und kann mich vor Annas Leistung nur verneigen. Ihr Mut zum Risiko war einfach unglaublich, ich hoffe, ich kann mir von ihrem Mut ein bisschen abschneiden. Diese Goldene kann man ihr nur vergönnen. Und natürlich ist es jetzt für alle anderen Athletinnen und Athleten aus Österreich ein bisschen leichter. Der Druck, unbedingt eine Medaille zu holen, ist weg."

Oliver Marach und Philipp Oswald: "Das war fast unmenschlich! Wir haben auf unser Match gewartet, ein paar Niederländer haben auf einem großen Screen das Rennen geschaut und uns gesagt, dass eine Österreicherin führt. Wir konnten es kaum glauben. Dann haben wir irgendwie einen Livestream reinbekommen und bis zum Finish geschaut. Die haben uns schon Druck gemacht, dass wir zum Match raus sollen, aber wir wollten unbedingt die Zieleinfahrt sehen. Was für ein Rennen, was für eine Leistung - Gratulation!"

Bundespräsident Alexander Van der Bellen (Twitter): "Anna Kiesenhofer, was für eine Leistung! Ich gratuliere sehr herzlich zu Gold im Radstraßenrennen der Damen. Die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Großartig!"

Bundeskanzler Sebastian Kurz: "Gold für Österreich! Herzliche Gratulation an Anna Kiesenhofer zu dieser großartigen Leistung bei den Olympischen Spielen in Tokio!"

Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler (Twitter): "Bravo Anna Kiesenhofer! Gold beim Rad-Straßenrennen. Ich gratuliere herzlich!"

NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: "Anna Kiesenhofer kam als Außenseiterin zu diesen Olympischen Spielen und hat mit ihrer Leistung heute Sportgeschichte geschrieben. Man muss schon sehr weit in den Annalen der österreichischen Sportgeschichte zurückblättern, um eine vergleichbare Ausnahme-Leistung zu finden. Das war heute eine sensationelle Fahrt, die alle sportbegeisterten Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher mit Stolz erfüllt."


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