Richard III. auf der Perner-Insel: Schaukelpferd im Blutrausch

Da blitzt die Gegenwart durch: Karin Henkel gelingt mit „Richard the Kid & the King“ auf der Perner-Insel ein neuer Blick auf Shakespeares Richard III.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
Ein Königreich für ein Schaukelpferd: Lina Beckmann als Richard III. Die Produktion zieht im September nach Hamburg weiter.
© BARBARA GINDL

Von Barbara Unterthurner

Hallein – Was macht Richard so faszinierend, dass ihm alle verfallen? Frauen, deren Ehemänner er gerade erstochen hat, genauso wie Männer, denen er droht, die Gedärme herauszureißen. Sie alle sind ihm erlegen, einem, der für das reine Böse steht. Es ist, wie er selbst gröhlt, eben „My way or the highway“, den Richard geht und der alle um ihn mitreißt. Also: Friss oder stirb.

Richard III. ist eine der komplexesten Figuren aus Shakespeares Historiendramen. Auch deshalb schon mehrmals Teil der Salzburger Festspiele. Zuletzt 1999 mit „Schlachten!“, einer 12-stündigen Fassung aller Königsdramen. Kürzer, prägnanter gelingt Karin Henkel mit „Richard the Kid & the King“ nun ein neuer Blick auf Richard III. Am Sonntagabend war Premiere auf der Perner-Insel. Ein Abend, der mit tosendem Applaus endete.

Video | „Richard the Kid & the King“ auf der Perner-Insel

Auch weil Henkel diesen Shakespeare zugänglich macht. Sie kocht die Dramen „Richard III.“ und „Heinrich VI.“ ein, schält aus dem eigentlich nötigen Ensemble die wesentlichen Figuren heraus, streut schrille Dialoge, treibende Beats, filmreife Höhepunkte ein und lässt die Erzählung auf die Charakterzüge Richards reduzieren.

Keine Zeit also für Schnickschnack: Alles beginnt, als sich unter Ächzen und Stöhnen jene „Missgeburt“ mit Zähnen auf die Welt quetscht, die sich in den Willen zu herrschen noch am Schaukelpferd verbeißt. Der Blutrausch startet, als sein Gegenpart Heinrich VI. aus dem Hause Lancaster bzw. dessen Frau Margaretha di Napoli (alle gespielt von Kristof Van Boven) Richard die Köpfe seines Vaters, dem Herzog von York, und seines Bruder Ronnie abgeschlagen und in Supermarkttüten verpackt vorbeischickt. Mit seinen Brüdern Eddie (Kate Strong) und George (Bettina Stucky) schwört Richard Rache. Die wird noch blutiger als gedacht: Denn ist die Krone erst einmal auf den Häuptern der Yorks angelangt, so müssen nun auch diese fallen, damit Richard den Thron endlich besteigen kann. Freundlich lächelnd hat er gemordet und die immer wieder kurz aufkeimenden Anfälle von Menschlichkeit im Keim erstickt: Der Mörder zählt bis 20 – und schon spritzt das Blut.

Richard ist bei Shakespeare aber nicht nur kaltblütiger Mörder, sondern gleichzeitig gewitzter Spielmacher und gemobbtes Kind. All diese Facetten vereint Lina Beckmann in ihrem Richard, einer großartigen Interpretation, für die sie zu Recht Standing Ovations erntet. Die Geschlechterfrage wird bei der deutschen Regisseurin übrigens nie gestellt. Richard muss es schaffen, zu verführen, GegenspielerInnen und das Publikum – egal ob Frau oder Mann.

Das gelingt Beckmann und dem ganzen Stück, das besonders im zweiten Teil eindrücklich zeigt, herrschen kann man nicht alleine. Es braucht korrupte Verbündete (Lord Buckingham, gespielt von Paul Herwig) und ein fruchtbares Umfeld, eine Gesellschaft, die nach dem „starken Mann“ ruft. Immer wieder blitzen in diesem Stück, dessen Bühne (Katrin Brack) schon eine schwarze Scheibe ist, die nur von Licht und Nebel belebt wird, die Brücken zur Gegenwart auf: etwa als Richard seine Brutalität mit einem Verweis auf die Natur legitimieren will, welche ähnlich grausam sei, siehe Überschwemmungen oder Seuchen. Und auch bei „Richard the Kid & the King“ sind es toxische Männlichkeit („Grab’em by the pussy!“) und Fake News, die Gesellschaft spalten. Und apropos Gegenwart: Auch die Sprache, die Henkel aus Tom Lanoyes Text extrahiert hat, ein wilder Mix aus Deutsch, Englisch und Denglisch, ist f**king zeitgenössisch.

Ganz ins 2012 und damit aus der Handlung heraus springt die Erzählung am Schluss, wo vom Fund der Gebeine von Richard III. auf einem Parkplatz in Leicester zu hören ist. Er wurde mit 20 (!) Messerstichen getötet, jeder einzelne tödlich. Richards Tun wird zur Geschichte der Gewalt, die sich bis ins Heute weiterschreibt. Nach Salzburg wird diese Produktion ab September am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg begeistern.

Richard the Kid & the King. Bis 5. August, nächste Vorstellung: heute Abend, 19 Uhr.


Kommentieren


Schlagworte