Nach Final-Rückzug: Turn-Star Simone Biles spricht über ihren „Kampf mit Dämonen"

Nach einem Gerät ist Schluss. US-Star Simone Biles bricht den Team-Wettbewerb in Tokio ab. Zunächst wird über den „medizinischen Grund“ gerätselt – ehe Biles über mentale Probleme spricht. Schon nach der Qualifikation sagte sie, dass das Gewicht der Welt auf ihren Schultern laste. Die russischen Turnerinnen gewinnen Mannschafts-Gold.

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Unter Tränen erklärte Simone Biles die Beweggründe für ihren Wettkampfabbruch.
© LOIC VENANCE

Tokio – Spät am Abend in Tokio konnte Simone Biles ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Die viermalige Olympiasiegerin wurde immer wieder von ihren Teamkolleginnen getröstet, als sie über die Gründe ihres Rückzugs aus dem Mannschaftsfinale der Turnerinnen sprach, der die Sportwelt überraschte. „Ich muss mich auf meine psychische Gesundheit konzentrieren. Wir müssen Körper und Geist schützen“, sagte sie. Es gebe mehr im Leben als Turnen. Zuvor hatte die Star-Turnerin nur noch zugeschaut, wie die US-Athletinnen Silber hinter den überglücklichen Russinnen geholt hatten.

„Es nervt einfach, wenn man mit seinem eigenen Kopf kämpft“, sagte die 24 Jahre alte Biles und löste damit auch in den Sozialen Medien eine Welle der Anteilnahme aus. Die, die an Olympischen Spielen teilnehmen, sagte sie, seien „nicht nur Athletinnen und Athleten, am Ende des Tages sind wir Menschen“. Ihr weiteres Antreten in Tokio scheint offen.

Russinnen nutzten personelle Schwächung

Biles hatte bereits nach dem Sprung ihren Wettkampf abgebrochen und wurde von einer Ersatzturnerin vertreten. Die Entscheidung im amerikanisch-russischen Duell fiel mit der viertletzten Übung am Boden, als ein Sturz von Ersatzfrau Jordan Chiles die US-Aufholjagd jäh stoppte. Zuvor hatten die Russinnen mit zwei Stürzen am Schwebebalken ihren am Sprung und Stufenbarren erarbeiteten Vorsprung fast eingebüßt. Somit verpassten die USA mit 166,096 Punkten ihren dritten Olympiasieg nacheinander. Platz drei belegte Großbritannien mit 164,096 Zählern. Die Russinnen (169,528) taten es den Männern gleich und holten erstmals seit 1992 wieder Olympia-Gold, als sie als Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) in Barcelona triumphierten.

Im Fokus stand Biles. Für ihren Sprung hatte die 24-Jährige zuvor die für sie ungewohnt niedrige Wertung von 13,766 Punkten bekommen. Anschließend verließ sie mit dem Mannschaftsarzt der Amerikanerinnen die Halle, in die sie kurze Zeit später mit einer Bandage am rechten Bein zurückkehrte. In den Startlisten wurde sie fortan mit einen „R“ für Reserve geführt, der Turn-Weltverband bestätigte kurz darauf das Aus im Team-Finale.

Am zweiten Gerät, dem Stufenbarren, wurde Biles von der als Ersatzfrau in der Startliste aufgeführten Jordan Chiles ersetzt. Die Ausnahmeturnerin sollte eigentlich an allen vier Geräten antreten. Später gab der US-Verband bekannt, dass Biles sich „aus einem medizinischen Grund“ zurückgezogen habe. „Sie wird täglich untersucht, um die medizinische Freigabe für zukünftige Wettbewerbe zu bestimmen“, hieß es.

Biles hatte die Halle nach einem verpatzten Abgang beim Sprung und anschließenden Diskussionen mit ihrer Trainerin plötzlich verlassen.
© Alberto Estevez via www.imago-images.de

Während der Pressekonferenz, als sie wieder etwas gefasster wirkte, sagte Biles, sie sei nicht verletzt. Ihr Start im Mehrkampf-Finale am Donnerstag ist offen. „Morgen haben wir so etwas wie eine kleine Trainingspause, es ist schön, einen Tag Ruhe für den Kopf zu haben“, sagte sie und sprach weiter über das schwierige Thema möglicher mentaler Probleme. Sie traue sich selbst nicht mehr so, wie sie es mal getan habe, sagte sie. Sie wisse nicht, ob es am Alter liege, aber sie werde nervöser, wenn sie turne: „Ich habe auch das Gefühl, dass ich nicht mehr so viel Freude habe.“

„Olympia ist kein Witz"

Schon in der Qualifikation am vergangenen Sonntag hatte Biles nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen können. Allerdings war sie trotz zahlreicher Schnitzer Beste des Vierkampfes aus Boden, Schwebebalken, Sprung und Stufenbarren gewesen.

Auf Instagram hatte sie sich am Montag über den enormen Druck beklagt. „Es war kein einfacher Tag oder mein Bestes, aber ich bin durchgekommen. Ich fühle mich wahrhaftig als hätte ich zur Zeit die Last der Welt auf meinen Schultern. Ich weiß, ich bürste es ab und lasse es so aussehen, als würde der Druck keinen Einfluss auf mich haben, aber verdammt, manchmal ist es hart.. Olympia ist kein Witz“, schrieb sie.

Offensichtlich schaffte es Biles vorerst nicht, diese Last abzuwerfen. „Es ist wie ein Kampf mit Dämonen", sagte sie am Dienstag. Beim Malheur des Stars ging ein Raunen durch die Halle, denn eine schwächelnde Biles kennt die Turnwelt nicht. Seit die 1,42 m große Amerikanerin 2013 gleich in ihrem ersten Jahr bei der Elite WM-Gold im Mehrkampf und am Boden geholt hat, ist sie der Maßstab. Zum Superstar war Biles 2016 aufgestiegen, als sie neben dem Team und dem Mehrkampf auch noch am Sprung und am Boden Olympia-Gold gewann.

Weiteres Antreten offen

Biles ist aber vor allem noch immer das Aushängeschild des amerikanischen Verbandes, bei dem seit Bekanntwerden des Falls Larry Nassar nach den Sommerspielen in Rio kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Auch sie gehörte zu den mehreren Hundert Missbrauchsopfern des ehemaligen Teamarztes.

Für Biles könnten in den nächsten Tagen fünf weitere Chancen folgen. Ihr nächster Auftritt ist eigentlich beim Mehrkampf-Finale am Donnerstag (12.50 Uhr) geplant. Biles steht aber auch in allen vier Gerätefinals, die zwischen dem 1. und 3. August ausgetragen werden. Noch immer kann sie also zum Superstar von Tokio werden. Sofern sie ihre eigenen Dämonen besiegt. (APA/dpa/sda)


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