Warten auf Geld für Gewaltschutz: „Da habe ich sehr oft Bauchweh“

Gewaltschutz hat viel mit Prävention zu tun, doch fließt wenig Geld in derartige Projekte – etwa was gewaltbereite Männer betrifft.

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Von Irene Rapp

Innsbruck – Eigentlich wäre alles kein Problem. Räumlichkeiten sind vorhanden, auch das entsprechende Personal gibt es. Allein: Es mangelt am Geld. „Rund 100.000 Euro bräuchten wir, dann könnten wir im Herbst in Innsbruck mit einem erweiterten Angebot starten“, berichtet Martin Christandl vom Verein Mannsbilder, der u. a. Männer mit einem Gewaltproblem betreut.

Martin Christandl

Die Notwendigkeit sei jedenfalls mehr als gegeben. So stiegen allein durch Corona die Anfragen von Männern mit Hang zur Aggressivität in Innsbruck um mehr als 23 Prozent. Inzwischen gebe es eine Warteliste, weil man nicht genug Personal für alle Anfragen zur Verfügung hatte. Für Christandl ein besonders bitterer Umstand. „Da melden sich Männer in ihrer Not und wir können nur zwei, drei Telefonate führen. Allerdings braucht es mindestens ein Jahr Anti-Gewalt-Training, um mit der Aggression anders umgehen zu können.“

An die 70 Männer in einem Jahr hätte man deshalb bereits verloren. „Da habe ich sehr oft Bauchweh. Und das ist auch ein Skandal. Denn vielleicht hätte man durch gezielte Betreuung etwas verhindern können. Nicht nur Gewalttaten der Männer an anderen, sondern auch an sich selbst“, sagt der Psychotherapeut.

Es braucht nicht eine neue Gewalt-Kampagne zur Bewusstseinsarbeit. Es braucht mehr Prävention.
Martin Christandl (Verein Mannsbilder)

Dem Bund hätte man jedenfalls bereits mitgeteilt, dass man mehr Geld benötigt. Und nach der Ankündigung der Regierung im Mai, rund 25 Millionen für Opferschutzeinrichtungen und Männerberatungsstellen auszugeben, sei man zuversichtlich gewesen, bald Unterstützung zu bekommen. Nicht nur Gottes Mühlen mahlen langsam, weiß allerdings Christandl nach jahrelanger Arbeit in diesem Bereich. Stichwort: Bürokratie.

Inzwischen ist er auch skeptisch, ob überhaupt etwas von dem Geld nach Tirol kommt. „Es braucht aber nicht schon wieder eine Kampagne zur Bewusstseinsarbeit. Das Thema Gewalt ist nämlich in der Bevölkerung angekommen. Es braucht mehr Prävention. Und da zählt jede Sekunde.“

Auch beim Gewaltschutzzentrum Tirol, einer Einrichtung des Bundes, ist noch kein Geld von den zugesagten Millionen eingelangt. Dort werden u. a. Frauen betreut, über deren gemeinsam in einem Haushalt lebende gewalttätige Ehemänner oder Partner von der Polizei ein Betretungsverbot ausgesprochen worden ist.

„Bis dato gab es in Tirol 600 Betretungsverbote. Ich schätze, wir werden am Ende des Jahres bei 1000 sein“, sagt Geschäftsführerin Eva Pawlata. Zum Vergleich: Im Vorjahr hätte es tirolweit 716 Betretungsverbote gegeben.

Zusätzliches Geld würde man im Gewaltschutzzentrum daher für mehr Personal ausgeben. „Um von den wenigen Stunden pro Klientin herunterzukommen. Mit zwei Vollzeit-Mitarbeitern mehr wäre ich schon sehr glücklich“, sagt Pawlata. Will heißen: Dass man dann für jede Frau, die betreut werden möchte, auch genügend – und nicht nur eine begrenzte – Zeit zur Verfügung hätte.

Eva Pawlata

Ein wenig mehr Geld würde Pawlata zudem in intensivere Präventionsarbeit fließen lassen. Derzeit gehen Mitarbeiter des Gewaltschutzzentrums auf Anfrage etwa an Schulen. „Mehr geht sich allerdings nicht aus“, verweist die Expertin auf fehlende Personalressourcen.

Wir machen auf Anfrage Präventionsarbeit an Schulen. Gewalt gehört aber auf den Lehrplan.
Eva Pawlata (Gewaltschutzzentrum Tirol)

Dass Bewusstseinsarbeit aber bereits bei den Jungen anfängt, weiß auch Christandl aus Erfahrung. „Wir beraten bereits ab 12-Jährige mit Gewaltbereitschaft. Erst vor wenigen Tagen haben sich drei Jugendliche gemeldet, die selbst geschockt waren, wie weit sie in ihrer Wut gegangen sind.“

Insofern ist Pawlatas Forderung verständlich, dass das Thema Gewalt auf den schulischen Lehrplan gehört. Etwas, das sie sich auch als Fortbildungsangebot für Österreichs Richter wünscht. Nicht zuletzt deshalb, weil Pawlata eine schmerzhafte Erfahrung gemacht hat. „Das Verständnis für misshandelte Frauen ist gering.“

Wienerin klagt Republik nach Mordversuch

50-mal stach ihr Freund mit einem Messer auf eine heute 17-Jährige ein. Die Tat wäre zu verhindern gewesen, wenn Polizei und Justiz ihren Job gemacht hätten, sagt ihre Anwältin.

Innsbruck, Wien – Er hat die junge Wienerin verfolgt, ihr aufgelauert und dann mit einem Messer 50-mal auf sie eingestochen. Die heute 17-Jährige überlebte nur knapp. Der gleichaltrige Bursche wurde inzwischen rechtskräftig wegen Mordversuches verurteilt. Das alles wäre zu verhindern gewesen, hätten Polizei und Justiz ihre Arbeit richtig gemacht, sagt Sonja Aziz, Anwältin des Opfers. Deshalb will sie nun die Republik Österreich klagen – und den Fall wenn nötig bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen.

Die Tat ereignete sich vor rund einem Jahr. „14 Tage bevor das alles passierte, hat meine Mandantin ihn angezeigt“, schildert Aziz. Während der ganzen Beziehung habe es gewalttätige Übergriffe gegeben, „an diesem Abend hat er sie allerdings in einem Park bewusstlos geschlagen. Sie ging zu ihrer Mutter und mit ihr zur Polizei in Wien“, sagt die Anwältin. Dort sei aber nichts passiert. „Weder er noch sie wurden befragt, keine Beweise aufgenommen, nicht wie üblich ein Betretungsverbot ausgesprochen.“

Für Aziz, die auf Familienrecht, Opfer- und Gewaltschutz spezialisiert ist, hat die Klage auch gesellschaftspolitische Dimensionen, denn sie zeige auf, was bei den heimischen Strafverfolgungsbehörden alles im Argen liegt. „Sie haben eigentlich die Verpflichtung, Menschenleben zu retten.“ Dennoch werde der juristische Rahmen im Bezug auf Gewalttäter oft nicht ausgenützt, Beweise kaum oder schlampig gesichert, die Untersuchungshaft bei Tatbegehungsgefahr selten ausgesprochen. Bundesweit wurden heuer bereits 17 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet. „Viele Morde könnten verhindert werden“, glaubt Aziz. (bfk)

17 so genannte Femizide gab es heuer bereits in Österreich – im Bild der Fundort der Leiche einer 13-Jährigen in Wien Donaustadt.
© APA

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