„Ring des Nibelungen“: Zeichen und Wunden am Grünen Hügel

Ein ganz spezieller „Ring des Nibelungen“ entzückt und verärgert in Bayreuth.

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Viel Farbgeschütte bei Wagners „Walküre“ in Bayreuth.
© APA/dpa

Von Jörn Florian Fuchs

Bayreuth – Zuerst ein Bekenntnis: Der Rezensent hat getötet – einen Drachen. Dieser wurde ihm mittels Virtual-Reality-Brille auf die Augen und ins Hirn gespielt, und er durfte das Gerät erst abnehmen, nachdem er im virtuellen Festspielhaus den sehr real wirkenden Feuerspeier erledigt hatte. Jay Scheib vom berühmten MIT in den USA hat diese interaktive Fünf-Minuten-Geschichte entwickelt, und sie macht wirklich Spaß. Offenbar auch der Festspielintendantin Katharina Wagner, die Scheib für 2023 einen neuen „Parsifal“ überantwortet hat, das Publikum soll dann im Saal mit VR-Brillen seine Sinne erweitern.

Zuerst folgt jedoch nächsten Sommer ein neuer „Ring des Nibelungen“. Heuer gibt es als Trostpflaster ein spezielles „Ring-Spin-off“, mit besagtem Siegfried-Drachenkampf sowie einer wunderbar luftigen, sehr Selfie-tauglichen Installation der Japanerin Chiharu Shiota. Sie kreierte für den Festspielpark ein Gewebe aus rotem Stoff, das die Schicksalsfäden (in) der „Götterdämmerung“ auf charmante Weise darstellt.

Ebenfalls im Freien gibt es eine Musiktheater-Uraufführung. Komponist Gordon Kampe hat mit Librettist Paulus Hochgatterer ein witzig-bissiges Stündchen geschaffen. „Immer noch Loge“ spielt nach dem Weltenbrand, die Rheintöchter tummeln sich im Festspielteich, Feuer-Halbgott Loge wird der Prozess gemacht. Nikolaus Habjan performt mit und durch eine Erda-Klappmaulpuppe, Loge und die Nixen tauchen als Puppen auf, alle Partien sind aber auch mit echten, sehr guten Sängern besetzt.

Zwischenbilanz: Drei der vier speziellen „Ring“-Teile treffen, doch leider kommt dann eine komplette „Walküre“ im Festspielhaus.

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Hermann Nitsch, der einst radikale Wiener Aktionist, Großmeister von Blut-Ritualen, Orgien mit Gesamtkunstwerk-Anspruch, ist über 80 und seit Längerem eher ein Freund des auch auf dem Kunstmarkt gut Vermittelbaren. Er gestaltet Schüttbilder bzw. lässt schütten, von vielen Mitarbeitern, jetzt – leider – auch in Bayreuth.

Drei Aufzüge lang sehen wir, wie vertikal (auf großen Wänden) und horizontal (auf dem Boden) eimerweise Farben über- und durcheinanderwirbeln. Nitsch sagt, alles passe genau zur Musik. Tatsächlich stellt sich ein Eindruck von völliger Beliebigkeit ein, gelegentlich stört der Farbenmischmasch nicht weiter, oft jedoch lenkt er von allem anderen ab. Dieses andere ist Wagners Oper, die – platsch – ununterbrochen durch das lautstarke Verteilen von Farben und das Zusammenwischen derselben gestört wird.

Siegmund (hatte schon mal eine genauere Intonation: Klaus Florian Vogt) trifft seine Zwillingsschwester Sieglinde (eindringlich, aber mehrfach viel zu laut: Lise Davidsen), die beiden – platsch – verlieben sich. Fricka (ordentlich: Christa Mayer) ärgert sich und überzeugt ihren Gatten Wotan – platsch –, Siegmund zu opfern. Wotan sollte eigentlich Günther Groissböck singen, der kurzfristig feststellte, Wotan liege ihm nicht (mehr). Eingesprungen ist Tomasz Konieczny, der die Partie entweder vokalmäßig fürchterlich zerdehnt oder unfassbar brüllt. Brünnhilde (Iréne Theorin) brüllt passenderweise ebenfalls, sie ist bereits für den kommenden „Ring“ gebucht. Ebenso wie Dirigent Pietari Inkinen, der sich etliche Buhs abholt. Warum? Weil er mal verschleppt, dann wieder rasende Tempi vorgibt, ziemlich grotesk.

Die SängerInnen stehen oder sitzen in schwarzen Gewändern vor den Farbspielereien und sorgen mittels Mimik und ein wenig Herumgehen für eine maximal viertelszenische Aufführung. Gegen Ende – platsch – wird noch ein bisserl gekreuzigt, ein halbnackter Mann trägt eine Monstranz, und Hermann Nitsch versinkt – platsch – in einem Strudel aus Buhs.


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