Schwerkranker von Rosenheimer Gericht ins Gefängnis geschickt

Ein Gewohnheitsbetrüger versteckte sich fünf Jahre in Österreich. Trotz schwerer Erkrankung wurde die Haftfähigkeit medizinisch festgestellt.

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Ein 66-Jähriger soll trotz Krankheit ins Gefängnis. (Symbolfoto)
© Keystone/Schulz

Von Theo Auer

Rosenheim, Kufstein – Ein Bild des Jammers bot der 66-jährige Angeklagte. Tatsächlich leidet er an amyotropher Lateralsklerose, einer Krankheit, die als ALS bekannt ist. Die Anstaltsärztin der JVA Stadelheim bestätigte als Gutachterin, dass bei dem U-Häftling tatsächlich diese unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde. Derzeit sei der Mann haftfähig, müsse aber, wenn sich dessen Zustand wie absehbar verschlechtere, in eine Klinik beziehungsweise Pflegeeinrichtung verlegt werden.

Seit Dezember 2016 wurde der Angeklagte mit Haftbefehl gesucht, war fünf Jahre untergetaucht, erst heuer im März in Kufstein festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert worden.

Hochstapler mit Vorliebe für Doktortitel

Seit 50 Jahren lebt der Angeklagte nahezu ausschließlich von Betrügereien – wenn er nicht gerade in Haft war. Dort hatte er bislang 17 Jahre seines Lebens verbracht. Als Hochstapler benutzte er mit Vorliebe den Doktor-Titel. So soll er auch im Juli 2015 einen Rechtsanwalt in Kitzbühel als „Dr. Meyer“ aus Neubeuern beauftragt haben, den Kaufvertrag für ein hochwertiges Anwesen in Walchsee zu erstellen und diverse Vorbereitungsaufgaben zu erfüllen. Angeblich war er Beauftragter eines international tätigen Erdöl- und Bergbaukonsortiums.

Als er dann seine Kaufabsicht abbrach, weigerte er sich, die entstandenen Kosten der Kanzlei zu tragen, obwohl der Anwalt nur einen um zwei Drittel reduzierten Aufwand in Rechnung stellte. Nachdem der Angeklagte behauptete, er habe den Anwalt zu keiner Zeit wirklich beauftragt, erstattete dieser Anzeige. Immerhin handelte es sich ursprünglich um eine Rechnung von mehr als 13.000 Euro.

Angeklagter legte Berufung ein

Dieser Vorgang folgte einer geradezu identischen Reihe von nahezu einhundert gleichartigen Vergehen, derentwegen der Mann bereits 18-mal verurteilt worden war. Darüber soll er die Taten unter einer noch offenen Bewährung begangen haben. Daher weigerte sich die Staatsanwältin ungeachtet der Erkrankung, eine neuerliche Bewährungsstrafe in Betracht zu ziehen. Sie beantragte eine Gefängnisstrafe von 24 Monaten. Sollte sich der Gesundheitszustand des Mannes rapide verschlechtern, so würde die Strafvollzugsbehörde Haftverschonung veranlassen.

Der Verteidiger des 66-Jährigen berichtete, dass sich der Mann bei ihm vor fünf Jahren telefonisch mit den Worten „Guten Tag, Herr Kollege, hier Dr. Meyer“ gemeldet habe. Sein Mandant sei aber nicht nur umfassend geständig, sondern darüber hinaus derart ernsthaft erkrankt, dass er keine Straftaten mehr begehen könne, also damit eine positive Sozialprognose aufweise. Als Strafmaß erbat der Anwalt eine Bewährungsstrafe.

Nach reiflicher Überlegung erklärte das Schöffengericht Rosenheim, dass eine Bewährungsstrafe nicht in Frage kommen könne. Bei den vielen Vorstrafen, der damaligen enormen Rückfallgeschwindigkeit und der Tat unter offener Bewährung würde dies allen dazu nötigen Kriterien widersprechen. Es verurteilte den Angeklagten wegen Betrugs und mehrfacher unerlaubter Führung von Titeln zu einer – noch nicht rechtskräftigen – Haftstrafe von 16 Monaten. Der 66-Jährige hat Berufung eingelegt.


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