Lange Wartelisten trotz freier Betten: In Tiroler Heimen mangelt es an Personal

In Tiroler Alten- und Pflegeheimen sind mangels Personal Betten leer. Pflegefälle müssen mitunter in der kostenintensiveren Klinikstruktur ausharren.

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Der Personalmangel in der Langzeitpflege ist ein massives Problem, das die Politik in den nächsten Jahren weiterhin voll beschäftigen wird.
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Von Liane Pircher

Innsbruck – Es ist ein Spiel mit der Zeit und den Nerven vieler Angehöriger: Wenn sich die Pflege in den eigenen vier Wänden trotz stundenweiser mobiler Hilfe einfach nicht mehr ausgeht oder ein Patient in die Klinik kommt und danach einen Langzeitpflege-Platz in einem Alten- oder Pflegewohnheim braucht: „Da wird dann herumtelefoniert und in alle Richtungen Druck gemacht, dass der Patient wo unterkommt“, berichten Sozialarbeiter, die im Entlassungsmanagement einer Klinik arbeiten.

Besonders hart ist es dann, wenn kontaktierte Heime zwar ein leeres Bett haben, dieses aber nicht belegen können, weil Personal fehlt. Ein leeres Bett allein betreut und pflegt eben noch keinen Menschen. Diese skurrile Situation führt dazu, dass es einerseits Wartelisten über Monate gibt, gleichzeitig aber in einigen der 94 Tiroler Alten- und Pflegeheimen zig Betten leerstehen. Es mag hart klingen, aber Fakt ist, dass oft erst jemand „raussterben“ muss, damit ein anderer einen Platz im Alten- und Pflegeheim bekommt. Die Mehrzahl der Heime sei zwar gut ausgelastet, aber der Druck von außen in Sachen Langzeitpflege auf die Heime sei tatsächlich groß, bestätigt auch Robert Kaufmann von der ARGE Tiroler Altenheime. Eine von allen 94 Heimen gesammelte Liste mit Wartenden gibt es bis dato trotzdem nicht.

Woher das Personal nehmen, wenn keines zu finden ist?

Die gute Nachricht ist, dass durch die Umsetzung des Strukturplans Pflege und die neuen Tagsätze in bestimmten Heimen durch die Angleichung aller Institutionen ein Aufstocken des Personals möglich wird bzw. wurde.

Nur: Woher nehmen, wenn keines zu finden ist? Es fehlt vor allem an Pflegefachassistenten. An die 180 Stellen müsste man allein in dieser Gruppe jährlich einstellen, um den Bedarf zu decken. So lauten zumindest die Berechnungen vor der Pandemie, jüngere Zahlen fehlen. Regional gesehen ist die Situation dabei im städtischen Bereich besonders hart – wie bekannt steht etwa im Altenheim Pradl ein ganzes Stockwerk mit 30 Zimmern leer. Aber auch in der Peripherie, etwa in Heimen im Oberland oder im Zillertal, gibt es Engpässe. Selbst in einem der vier Osttiroler Heime, etwa in Sillian, sind von 40 Betten seit einem halben Jahr drei Betten leer – nicht, weil es an Bedarf, sondern weil es an Personal fehlt.

Insgesamt gibt es in den 94 Einrichtungen abseits der Tages- und Kurzzeitpflege etwa 6500 Langzeitpflegeplätze. Bis auf sechs sind derzeit alle belegt. Platzsuchende können sich nicht aussuchen, wo sie hinwollen, die Wohnsitzgemeinden führen ihre Listen nach Dringlichkeit und Pflegestufe. Bei einem eventuellen Ausweichen in eine Nachbargemeinde werden Investitionsbeiträge fällig.

ARGE Altenheime will in Werbe-Offensive gehen

Legte die ARGE Tiroler Altenheime in den letzten Jahren vor allem auf das Thema „Tagsatz“ seinen Fokus, soll es ab sofort vorrangig um die Personalsuche gehen. Man wolle hier voll in die Werbe-Offensive gehen. In den letzten Jahren wurde zwar politisch an der Ausbildungsschiene und teils auch an den Arbeitsbedingungen geschraubt, einige Pilotprojekte wie an der Ferrarischule sind im Laufen, dennoch: „Es fischen zu viele im selben Teich, es fehlen aber die Fische, sprich die jungen Leute“, sagt AZW-Pflegedirektorin Waltraud Buchberger. Auch jetzt im Herbst seien etwa in Hall noch Ausbildungsplätze frei.

Ähnlich sieht es Franz Webhofer, der die vier Wohn- und Pflegeheime in Osttirol leitet: „Es fehlen in vielen Branchen Leute. Das Ganze ist auch ein demografisches Problem, es fehlen junge Leute für die Ausbildung, gleichzeitig haben wir eine alternde Gesellschaft und damit viele höhere Pflegestufen, die personell aufwändig sind.“ Und: Anders als erwartet habe die Corona-Krise der Pflege keine Umsteiger aus anderen Berufen gebracht. ISD-Chef Hubert Innerebner, zuständig für acht Heime in Innsbruck, meint: „Man wird auch darüber nachdenken müssen, den Zugang aus dem Ausland zu erleichtern, momentan ist die Nostrifizierung für Österreich viel zu aufwändig“. Anders als in Bayern oder in der Schweiz, wo die Anfragen für Heimplätze wegen Corona-Ängsten bis zu 20 Prozent rückläufig sind, ist zumindest das Vertrauen in Tirols Heime ungebrochen hoch. An Klienten fehlt es nicht. Was fehlt, ist das Personal.

Fragen an: Margit Schäfer, Lehrbeauftragte, Fachhochschule

Margit Schäfer ist Expertin für Personalmanagement in der Altenpflege.

Viele gehen lieber in die Akutpflege. Warum ist die Altenpflege so unattraktiv? Sie ist nicht für alle unattraktiv. Viele junge Absolventen interessieren sich nach der Ausbildung mehr für den Akutbereich, weil sie viele Fachbereiche kennenlernen wollen – das ist nachvollziehbar. Umso wichtiger ist es, bewährte und neue Mitarbeiter zu fördern, die für die Altenpflege „brennen“.

Es fehlen Tausende Pflegekräfte. Worauf müssen wir uns einstellen? Die Gesellschaft hat sich gewandelt und deshalb braucht es innovative Konzepte, die sich allerdings nicht auf die Gratis-Arbeit von Frauen (und auch Männern) verlassen, und nicht darauf, dass die Pflegerinnen und Pfleger ihre Arbeit stillschweigend auch unter mangelhaften Rahmenbedingungen verrichten. Mittel- und langfristig kann vieles getan werden, um die Pflege-Versorgung der Bevölkerung zu sichern. Da gibt es auch bereits sehr kluge Ideen und Vorzeigeprojekte. Dazu braucht es Mut, entsprechende finanzielle Mittel und einen konsequenten, echten Reformwillen.

Die Fragen stellte Liane Pircher


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