19-Jährige muss in Haft: Kleinkind starb, weil Mutter sechs Tage lang feiern ging

Was einem kleinen Mädchen in England widerfahren ist, sorgt für Entsetzen. Sechs Tage wird es von seiner Mutter allein gelassen, bis es qualvoll stirbt. Nun verurteilt ein Gericht die 19-Jährige zu einer Haftstrafe. Ihr schockierendes Verhalten ist kein Einzelfall.

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Von Benedikt von Imhoff, dpa

Lewes – 5 Tage, 21 Stunden und 58 Minuten: Hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein erschreckender Fall in England. Denn für diese Zeit ließ eine junge Mutter ihre 20 Monate alte Tochter alleine in der Wohnung, um selbst tagelang in Ruhe ihren 18. Geburtstag zu feiern. Ein Gericht in der südenglischen Stadt Lewes verurteilte die mittlerweile 19-Jährige deshalb wegen Totschlags zu neun Jahren Haft.

Der Tod der kleinen Asiah, die auf sich allein gestellt verhungerte und verdurstete, wirft aber auch ein Schlaglicht auf soziale Probleme in Großbritannien. Asiah und ihre junge Mutter lebten nämlich in der Hafenstadt Brighton in einer Wohnung, die ihnen vom Sozialamt zugewiesen war. Es gab ein spezielles Mutter-Kind-Programm – doch zum Zeitpunkt von Asiahs Tod war den beiden kein eigener Sozialarbeiter zugewiesen. Und das, obwohl die Mutter minderjährig war und es schon zuvor Berichte über Vernachlässigung gegeben hatte. So soll sie ihre Tochter bereits früher einmal zweieinhalb Tage allein gelassen haben, um in London den Geburtstag einer Freundin zu feiern. Die Behörde teilte mit, die Umstände zu prüfen.

Keine Kraft, um zu schreien

Feier statt Fürsorge: Eine Überwachungskamera zeichnete auf, wie die damals 18-Jährige am Abend des 5. Dezember 2019 ihre Wohnung verließ. Sie fuhr nach London, 85 Kilometer entfernt, und feierte auf einer Party, der DJ gratulierte ihr per Durchsage zur Volljährigkeit. Danach fuhr sie nicht nach Hause, sondern weiter nach Coventry und besuchte dort eine Geburtstagsfeier. Ihren Freunden log sie vor, ihre Mutter kümmere sich um die Kleine. Details zum Kindesvater sind nicht bekannt. Stattdessen war Asiah alleine. Erst nach einem weiteren Stopp in London kehrte sie am 11. Dezember in ihre Wohnung zurück – und fand das Kleinkind leblos.

Es sind erschütternde Umstände, die ein Gutachter im Prozess berichtet. Das kleine Mädchen habe vermutlich anfangs nicht geschrien – weil es gelernt habe, dass auf Bitten ohnehin keine Hilfe erfolge. „Als ihr Leiden zu groß wurde, hatte sie nicht mehr die Kraft zu schreien." Verteidiger Peter Wilcock sprach von einem „tragischen und niederschmetternden Fall". Seine Mandantin sei selbst jung und verletzlich. Richterin Christine Laing betonte, dass die 19-Jährige, die Totschlag eingeräumt hatte, den Tod ihrer Tochter nicht gewollt habe.

Hunderttausende "vergessene Familien"

Der Fall ist erschütternd. Doch kommt es immer wieder vor, dass Mütter – gerade, wenn sie jung sind oder emotional schwer belastet – ihre Kinder vernachlässigen. So wurde 2009 in Chemnitz eine 25-Jährige wegen Totschlags zu langer Haft verurteilt, weil sie ihren kränkelnden Zweijährigen fast drei Tage lang allein zu Hause zurückgelassen hatte, um eine Internet-Bekanntschaft zu besuchen. Auch dieses Kind verhungerte und verdurstete. Andere Fälle endeten glücklich. So ließ eine Mutter ihre vier Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren in der Wohnung zurück, um ein neues Leben zu beginnen. Nach einer Woche fand die Großmutter die Kinder lebend.

Für Mütter wie wie 19-jährige Engländerin gibt es deshalb ein Sicherheitsnetz. Doch dieses Netz versagte – oder die junge Frau rutschte durch, wie die Zeitung The Sun schrieb. So wie ihr geht es vermutlich zahlreichen Menschen. In einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht schreibt die oppositionelle Labour-Partei von Hunderttausenden „vergessenen Familien" im Land, die Quote chronischer Schulschwänzer ist hoch. Viele suchen ihr Heil in Drogen oder Alkohol. Fast jede Woche gibt es Berichte über getötete Jugendliche, die Täter sind meist selbst Teenager, die Bandenkriminalität ist hoch.

Die Regierung habe Sozialeinrichtungen den Geldhahn zugedreht, klagt Labour. In dem Wohnblock, in dem sie mit Asiah lebte, haben auch Sozialarbeiter ein Büro. Doch sie betreten die Wohnungen nicht und führen auch keine Kontrollen durch. Dabei war die 19-Jährige den Behörden bekannt. Seine Tochter sei immer wieder vermisst gewesen, seit sie 14 war, erzählte der Vater britischen Medien Ende Mai. „Mein Herz ist gebrochen."


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