Taliban erobern sechste Provinzhauptstadt: Immer mehr Opfer

In Afghanistan wüten die Taliban unvermindert weiter. Die sechste Provinzhauptstadt fiel den Extremisten in die Hände. Immer mehr Menschen werden durch die Gefechte getötet. Alleine binnen 72 Stunden waren darunter 27 Kinder.

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Immer mehr Menschen müssen in Afghanistan vor den Taliban fliehen.
© NOORULLAH SHIRZADA

Kabul – Die radikalislamischen Taliban haben die sechste afghanische Provinzhauptstadt binnen weniger Tage erobert. Am Montag übernahmen sie die Kontrolle in Aybak in der Provinz Samangan im Norden des Landes. In der afghanischen Hauptstadt ermordeten die Islamisten indes erneut einen Medienvertreter. Die UNO zeigte sich angesichts der prekären Sicherheitslage in Afghanistan "extrem besorgt" und rief wegen der steigenden Opferzahlen zum Schutz der Zivilbevölkerung auf.

Provinzräte und Parlamentarier bestätigten die Einnahme der Stadt Aybak. Die Islamisten hätten die wichtigsten Einrichtungen der Regierung in der Stadt eingenommen, darunter das Polizeihauptquartier, den Gouverneurssitz und das Gefängnis der Stadt. Die Provinzrätin Machboba Rahmat sagte, die Sicherheitskräfte hätten die Stadt mit ihren geschätzt 120.000 Einwohnern einfach verlassen. Davor hätten sie das Verteidigungsministerium um Luftangriffe gebeten, aber dieses habe nicht auf sie gehört. "Sie dachten, wenn die Regierung ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt, werden sie ihr Leben nicht für die Regierung riskieren", so Rahmat. Die Sicherheitskräfte seien auf eine Anhöhe am Rande der Stadt geflohen.

Damit haben die Islamisten binnen vier Tagen sechs von 34 Provinzhauptstädten eingenommen. Am Sonntag fiel die wichtige Stadt Kunduz an sie. Laut einem Taliban-Sprecher rücken die Kämpfer zudem auf Mazar-i-Sharif vor, der größten Stadt im Norden Afghanistans.

📽️ Video | Taliban erobern weitere Städte

27 Kinder getötet, 136 weitere verletzt

In den afghanischen Provinzen Kandahar, Khost and Pakria wurden nach UNICEF-Angaben in den vergangenen drei Tagen mindestens 27 Kinder getötet. 136 weitere Minderjährige seien verletzt worden, teilte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen am Montag mit. "UNICEF ist schockiert von der rapiden Eskalation schwerer Verstöße gegen Kinder", erklärte der für Afghanistan zuständige UNICEF-Repräsentant Hervé Ludovic De Lys. "Die Gräueltaten werden von Tag zu Tag schlimmer.

"Ich bin wegen der sich verschlechternden Situation extrem besorgt", sagte UNO-Nothilfekoordinator Martin Griffiths in einer Stellungnahme des UNO-Nothilfebüros in Genf. Allein im Juli seien mehr als tausend Menschen durch Angriffe in den Konfliktprovinzen Helmand, Kandahar und Herat getötet oder verletzt worden. Griffiths unterstützte die UNO-Forderung nach einem Waffenstillstand. Er forderte zudem Sicherheit und Bewegungsfreiheit für Hilfsorganisationen in dem Land.

Auch die Zahl der Binnenvertriebenen (Internally Displaced People/IDPs) steigt seit Anfang Mai deutlich an. Bis Ende Juli verließen annähernd eine Viertelmillion Menschen in dem Land ihre Dörfer und Städte. Die UNO-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) bezifferte die Zahl am Montag auf mehr als 244.000 - mehr als vier Mal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Der Großteil der Binnenflüchtlinge floh demnach aus Provinzen im Nordosten und Osten vor bewaffneten Kämpfen.

Von Taliban kontrollierte Gebiete seit Mai 2021, jüngst eingenommene Provinzauptstädte.
© APA

30.000 Afghanen flüchten jede Woche

Insgesamt leben in Afghanistan etwa 37 Millionen Menschen. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verlassen jede Woche etwa 30.000 Afghanen ihr Land. Die Schätzungen basieren auf Umfragen bei Migranten und Schleppern.

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan sind auch die Zahlen der Todesopfer und Verletzten in der Zivilbevölkerung deutlich gestiegen. Die UNO warnt, dass 2021 zum Jahr mit der höchsten Zahl an zivilen Opfern werden könnte.

Erneut Medienvertreter ermordet

Nachdem die Taliban am Freitag laut eigenen Angaben den Sprecher der Regierung in Kabul ermordet hatten, töteten sie mit dem Radiojournalisten Tufan Omar am Sonntag in Kabul offenbar erneut einen wichtigen Medienvertreter. In der südlichen Provinz Helmand sei zudem ein Lokaljournalist von den Taliban entführt worden. Ein Taliban-Sprecher sagte am Montag, ihm lägen zu beiden Fällen keine Informationen vor.

Medienvertreter sehen sich in Afghanistan immer wieder Angriffen ausgesetzt. Nach Angaben der Bürgerrechtsgruppe NAI, deren Mitglied der getötete Radiomanager war, wurden allein in diesem Jahr 30 Journalisten und Medienmitarbeiter von militanten Gruppen getötet, verletzt oder verschleppt. Mehrere afghanische Nachrichtenanbieter haben die USA aufgefordert, afghanischen Medienschaffenden Zuflucht zu geben.

Caritas mahnt Prüfung der Lage vor Ort vor Abschiebungen an

In der Diskussion um Abschiebungen von Asylwerbern mit negativem Bescheid meldete sich am Montag erneut die Caritas zu Wort. Es sei notwendig, jeweils die aktuelle Sicherheitslage im Herkunftsland im Zuge eines rechtsstaatlichen Verfahrens und vor jeder Abschiebung "genau und rasch" zu prüfen, sagte Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich, in einem der APA übermittelten Statement. "Aufgrund der drastischen Verschlechterung der aktuellen Sicherheitslage halte ich Abschiebungen nach Afghanistan den aktuellen Medienberichterstattungen zufolge derzeit menschenrechtlich für nicht vertretbar", betonte sie. Österreich sei ein Rechtsstaat und habe sowohl die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) als auch die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) unterzeichnet. Beide verbieten es, jemanden abzuschieben, wenn im Herkunftsland Tod, Folter oder unmenschliche Behandlung drohten, so Parr. Dieser völkerrechtliche Grundsatz der Nichtzurückweisung gelte für alle Menschen und auch für Afghanistan.

Die ÖVP ist in der Frage jedoch kompromisslos und hält trotz der sich täglich verschärfenden Sicherheitslage sowie eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EMGR) über den Stopp einiger Abschiebungen von vergangener Woche an den Rückführungen fest. Das Thema hatte am Freitag auch zu einem diplomatischen Zwist zwischen Wien und Kabul geführt. Nachdem die afghanische Botschafterin in Wien, Manizha Bakhtari, in einem Interview mit dem ORF-Ö1-Radio um die Verlängerung des Abschiebestopps für afghanische Asylwerber mit negativem Bescheid über den Oktober hinaus gebeten hatte, wurde sie in das Wiener Außenministerium einbestellt.

Außenministerium verhängte längst Reisewarnung

Das Außenamt hat bereits vor einiger Zeit eine Reisewarnung für ganz Afghanistan verhängt. Es bestehe das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Raketeneinschlägen, Minen, Terroranschlägen und kriminellen Übergriffen einschließlich Entführungen, Vergewaltigungen und bewaffneter Raubüberfälle im ganzen Land, heißt es auf der Seite des Ministeriums. Vor allen Reisen werde gewarnt, den in Afghanistan lebenden Auslandsösterreichern und Österreichern, die sich aus anderen Gründen in Afghanistan aufhalten, werde "dringend angeraten das Land zu verlassen".

Unterdessen ist nicht nur Europa, sondern auch der Iran wegen einer möglichen, neuen Flüchtlingsbewegung aus Afghanistan besorgt. Der Iran hatte nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 über drei Millionen afghanische Flüchtlinge einreisen lassen. "Für uns ist die Sicherheit Afghanistans enorm wichtig, und daher verfolgen wir auch besorgt die jüngsten Spannungen", sagte Außenamtssprecher Saeed Khatibzadeh. Die politischen Differenzen sollten ohne Einmischung aus dem Ausland, sondern über interne Verhandlungen aller Seiten, auch mit den Taliban, gelöst werden. Teheran sei bereit, im Rahmen einer regionalen Zusammenarbeit mitzuhelfen.

Im Iran gibt es Differenzen, wie die Regierung demnächst mit den Taliban umgehen soll, besonders nach den Spannungen an der gemeinsamen Grenze im Nord- und Südosten des Landes. Einige politische Kreise in Teheran sind der Auffassung, dass die Taliban sich verändert hätten und nicht mehr die islamistische Bewegung der letzten Jahre seien und daher auch nicht mehr als Feind eingestuft werden sollten. Andere jedoch sagen, dass die jüngsten Entwicklungen genau das Gegenteil bewiesen, außerdem bleibe der schiitische Iran für die sunnitischen Taliban stets ein religiöser Erzfeind. (APA, Reuters, dpa)

Pressestimmen zum Vormarsch der Taliban in Afghanistan

Zeitungen schreiben am Montag zum Vormarsch der Taliban in Afghanistan:

De Telegraaf (Amsterdam):

"Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan ist beunruhigend. Die Einnahme von Kunduz, wo auch die Niederlande mit einer Ausbildungsmission aktiv waren, wird als großer Sieg für die muslimischen Extremisten gewertet.

Natürlich konnten die westlichen Truppen nicht ewig in Afghanistan bleiben. Aber wurde nicht zu früh zum Rückzug geblasen? Die afghanische Armee ist noch nicht in der Lage, allein zurechtzukommen und den Taliban nicht gewachsen. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Afghanistan wieder zu einem sicheren Hafen für weltweit operierende Terroristen wird."

De Tijd (Brüssel):

"Ein Sieg der Taliban wäre schlecht für die westliche Welt. Er würde unweigerlich einen Exodus bewirken. Viele Afghanen dürften ihr Glück anderswo suchen – wie es die Syrer taten, als bei ihnen der Bürgerkrieg ausbrach.

Die Migrationsbewegung ist bereits in Gang gekommen, aber der Vormarsch der Taliban wird wohl noch mehr Menschen in die Flucht treiben. Und zwar unweigerlich in Richtung Europa. Zugleich ist die Annahme, dass die Türkei erneut die Rolle einer Pufferzone vor Europa spielen wird, eine Illusion. Afghanistan ist nicht einmal ein Nachbarland der Türkei. Und je länger die Aufnahme der Syrer dauert, desto größer wird dort der Widerstand dagegen.

Letzten Endes kann Afghanistan auch wieder eine Brutstätte für den internationalen Terrorismus werden. Al-Kaida hat dort vor 20 Jahren einen sicheren Hafen gefunden. Ein ähnliches Szenario kann sich erneut entwickeln. Afghanistan steht vor einer hochexplosiven Phase, und wie es scheint, sind jegliche Kontrollmöglichkeiten verloren gegangen."

The Times (London):

"Die internationale Gemeinschaft wird die Folgen unweigerlich zu spüren bekommen. Bisher gibt es zwar kaum Anzeichen dafür, dass das Chaos Terroristen, die den USA und ihren Verbündeten Schaden zufügen wollen, einen sicheren Hafen geboten hat. Westliche Nachrichtendienste gehen jedoch davon aus, dass die Taliban entgegen den Bedingungen des Abkommens, auf dem der Rückzug der USA beruhte, weiterhin Verbindungen zu Al-Kaida unterhalten. In Wahrheit kann man sich kaum ein gastfreundlicheres Umfeld für Terroristen vorstellen als ein von den Taliban kontrolliertes Afghanistan.

Eine neue Flüchtlingskrise, die auch die Grenzen Europas erreicht, ist ebenfalls wahrscheinlich. Afghanistans beste Hoffnung besteht darin, dass die internationale Gemeinschaft sich zusammenfindet und alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel gegenüber den Taliban einsetzt – Entwicklungshilfe, Handel, Sanktionen oder andere Formen der Einflussnahme –, um ihnen Zugeständnisse in Bezug auf die Art und Weise abzuringen, wie sie die Kontrolle über das Land ausüben und mit wem sie ihre Macht teilen."

Wall Street Journal (New York):

"Die Biden-Regierung beharrt weiterhin darauf, dass die Diplomatie die einzige Lösung in Afghanistan sei. Die Taliban haben andere Vorstellungen, während ihr militärischer Vormarsch sich auf ein immer größeres Territorium in Afghanistan erstreckt (...).

Mit Ende der amerikanischen Luftunterstützung Ende August werden weitere Städte fallen, und das Blutbad wird eskalieren. Die Präsenz der Alliierten in Afghanistan hat es nicht geschafft, den Taliban-Aufstand zu beenden. Die Fortsetzung der Luftunterstützung und die Beibehaltung von einigen tausend Soldaten und Auftragnehmern hätte jedoch den strategischen und humanitären Alptraum verhindert, der sich jetzt abspielt und wahrscheinlich weit über Afghanistan hinaus Folgen haben wird.

Extremisten führen keine Kriege, weil sie eine diplomatische Lösung wollen. Sie kämpfen, weil sie gewinnen und dem Verlierer ihre Bedingungen aufzwingen wollen. Das ist, was die Taliban jetzt tun, nachdem Präsident Biden den militärischen Rat ignoriert und sich so leichtsinnig und ohne Plan zur Verhinderung einer Katastrophe zurückgezogen hat."


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