„Alarmstufe rot": Erderwärmung um 1,5 Grad bereits 2030 erreicht

Ein neuer Bericht des Weltklimarates vermittelt Hiobsbotschaften: Bereits gegen 2030 – und damit zehn Jahre früher als noch vor drei Jahren prognostiziert – wird sich die Erde um 1,5 Grad erwärmen. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres rief die „Alarmstufe Rot" aus.

  • Artikel
  • Diskussion (5)
Auch wenn die einzelnen Ereignisse nicht direkt auf den Klimawandel zurückzuführen sind: Katastrophen wie die aktuellen Brände in Südeuropa werden sich bei fortschreitender Erderwärmung immer mehr häufen.
© ANGELOS TZORTZINIS

Genf – Die Erde wird sich bei der derzeitigen Entwicklung bereits gegen 2030 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmen und damit zehn Jahre früher als 2018 prognostiziert. Dies geht aus dem am Montag veröffentlichten Bericht des Weltklimarats IPCC hervor. Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad, mindestens aber deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres rief die „Alarmstufe Rot" aus.

„Die Glocken tönen ohrenbetäubend. Sie müssen das Ende von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen einläuten, bevor diese unsere Erde zerstören." Einige Auswirkungen der Erderwärmung wie der Anstieg der Meeresspiegel und das Schmelzen der Gletscher sind laut Weltklimarat IPCC bereits heute „unumkehrbar". Selbst bei einer drastischen Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen würden die Meeresspiegel weiter ansteigen und „für tausende Jahre erhöht bleiben", heißt es in dem am Montag veröffentlichten Sachstandsbericht des IPCC. Die Meeresspiegel könnten demnach bis zum Jahr 2100 um bis zu einen Meter steigen.

📲 Greta Thunberg auf Instagram: Krise als Krise behandeln

Thunberg von neuem Weltklimarat-Bericht nicht überrascht

Die führende Klimaaktivistin Greta Thunberg ist von den im neuen Bericht des Weltklimarats (IPCC) formulierten Erkenntnissen nicht überrascht. „Der neue IPCC-Bericht enthält keine wirklichen Überraschungen. Er bestätigt, was wir schon aus Tausenden vorherigen Studien und Berichten wissen – dass wir uns in einem Notfall befinden“, schrieb die Schwedin am Montagvormittag auf Twitter und Instagram. Es handele sich um eine solide, aber vorsichtige Zusammenfassung des derzeitigen Wissensstands.

„Es liegt an uns, mutig zu sein und basierend auf den in diesen Berichten bereitgestellten wissenschaftlichen Erkenntnissen Entscheidungen zu treffen“, schrieb Thunberg weiter. Noch könnten die schlimmsten Folgen des Klimawandels vermieden werden, ergänzte die 18-Jährige. „Aber nicht, wenn wir weitermachen wie heute, und nicht, ohne die Krise wie eine Krise zu behandeln.“

Starkniederschläge werden intensiver und häufiger

Der Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) ist der erste seit acht Jahren. Er fasst im Auftrag der knapp 200 UN-Staaten die wissenschaftliche Ergebnisse der vergangenen Jahre zusammen. 2022 soll er noch durch zwei weitere Kapitel ergänzt werden. Die Fakten sind alarmierend: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Episoden mit Starkniederschlägen in den meisten Regionen mit einer weiteren Klimaerwärmung intensiver und häufiger werden", heißt es. Belegt ist auch, dass der Meeresspiegel weiter ansteigt und das Eis weiter schmilzt. „Sehr wahrscheinlich" heißt: mit 90 bis 100-prozentiger Sicherheit.

"Ice Road": 50x2 Karten für den Premieretag gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Selbst, wenn es gelingen sollte, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, dürfte der Meeresspiegel Ende des Jahrhunderts um bis zu 62 Zentimeter höher sein als 1995-2014. Klimaneutralität heißt, dass nur noch höchstens so viel Treibhausgas ausgestoßen wird wie Senken aufnehmen können. „In der Arktis sind Dreiviertel des Meereisvolumens im Sommer schon abgeschmolzen", sagte Mitautor Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. „Wir werden es vermutlich nicht mehr verhindern können, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer zumindest in einzelnen Jahre weitgehend eisfrei sein wird."

Weltklimarat mahnt sehr schnelles Handeln ein

Der Weltklimarat beleuchtete die physikalischen Grundlagen zuletzt 2013. Seitdem hätten sich Unsicherheiten in den Klimamodellen deutlich reduziert. Anders als damals stellt die Wissenschaft jetzt klar fest: Wenn die Treibhausgas-Emissionen nicht sehr schnell heruntergefahren werden, wird das Ziel, die Erwärmung auf unter zwei Grad über vorindustriellem Niveau zu begrenzen, scheitern. Zudem könnten mehr Klimaveränderungen direkt auf den Einfluss des Menschen zurückgeführt werden, sagte Mitautorin Veronika Eyring von der Universität Bremen.

„Es ist zweifelsfrei, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, den Ozean und das Land aufgeheizt hat", heißt es in dem Bericht. „Menschlicher Einfluss hat das Klima so aufgeheizt, wie es seit mindestens 2000 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. (...) 2019 war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren."

Wichtige Strömung im Atlantik fließt bereits langsamer

Der Weltklimarat nennt auch zwei Horrorentwicklungen, die zwar unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen seien. Zum einen ist das ein Anstieg des Meeresspiegels um zwei Meter bis Ende des Jahrhunderts, je nachdem, wie der Eisschild der Antarktis weiter schmilzt. Zum anderen ist das ein Kollaps der Atlantische Umwälzströmung (AMOC), die schon an Fahrt verloren hat. Sie verteilt kaltes und warmes Wasser im Atlantik und beeinflusst etwa den für Milliarden Menschen wichtigen Monsun in Afrika und Asien. Ein Zusammenbruch des Systems, zu dem auch der Golfstrom gehört, hätte auch Auswirkungen auf Europa.

Die globalen Mitteltemperatur liegt nach diesem Bericht für den Zeitraum 2011 bis 2020 knapp 1,1 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900). Laut Pariser Klimaabkommen wollen die Staaten die Erderwärmung unter zwei Grad halten, möglichst bei 1,5 Grad. „Wenn wir die Emissionen nicht schnell genug herunterfahren und bis etwa 2050-2070 netto-null erreicht haben, werden wir beide Pariser Klimaziele verfehlen", sagte Mitautor Douglas Maraun von der Universität Graz.

Bis 2050 muss gesamte Welt klimaneutral sein

Der Weltklimarat entwirft fünf Szenarien. Darunter sind zwei, in denen die Welt etwa 2050 Klimaneutralität erreicht und danach mehr CO2 speichert als ausstößt. Nur damit könnte der Anstieg der Mitteltemperatur Ende dieses Jahrhunderts bei 1,8 Grad oder darunter bleiben.

Bei gleichbleibenden Emissionen bis 2050 würde die Temperatur Ende dieses Jahrhunderts um 2,1 bis 3,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. In zwei weiteren Szenarien mit mindestens der Verdoppelung der CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts wäre ein Anstieg der Temperatur um bis 5,7 Grad möglich.

Emissionen: Prognosen sehen Anstieg, nicht Rückgang

Ein Realitätscheck: Die Energie-Agentur der US-Regierung (EIA) hat 2019 berechnet, dass der CO2-Ausstoß wegen der erst beginnenden Industrialisierung vieler Länder bis 2050 von heute im Jahr rund 36 Milliarden Tonnen auf mehr als 42 Milliarden Tonnen wächst. China produziert zur Zeit das meiste Treibhausgas, etwa ein Viertel der Gesamtmenge, vor den USA mit 18 und der EU mit 17 Prozent. Der Anteil der CO2-Emissionen, die in Senken wie Wäldern oder Ozeanen aufgenommen werden und nicht in der Atmosphäre bleiben, liegt nach dem Bericht bei etwa 44 Prozent.

Der Bericht wurde von mehr als 230 Forschenden aus 66 Ländern verfasst. Die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger wurde von den 195 IPCC-Mitgliedsländern einstimmig abgesegnet. „Die Regierungen sitzen also mit im Boot, keiner kann hinterher sagen: ich habe damit nichts zu tun", sagte Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. (APA, AFP, Reuters, dpa)

Reaktionen auf den Weltklimabericht in Zitaten

"Der Bericht muss die Totenglocke für Kohle und andere fossile Brennstoffe sein, bevor sie unseren Planeten zerstören. Wenn wir unsere Kräfte jetzt bündeln, können wir die Katastrophe abwenden."

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres in New York

"Der heutige IPCC-Bericht ist hoffentlich ein Weckruf für die Welt, jetzt zu handeln, bevor wir uns im November in Glasgow zum entscheidenden COP26-Gipfel treffen werden. Es ist klar, dass die nächste Dekade entscheidend für die Sicherung der Zukunft unseres Planeten sein wird."

Boris Johnson, britischer Premierminister, in London

"Wir befinden uns bereits mitten in einem Jahrhundert der Extremwetterereignisse. Diese Ereignisse hängen direkt mit dem Klimawandel zusammen und werden in den nächsten Jahren weltweit zunehmen - auch hier in Österreich."

Daniel Huppmann, Forscher am IIASA in Laxenburg

"Wenn wir die Emissionen nicht schnell genug herunterfahren und bis etwa 2050-2070 netto-null erreicht haben, werden wir beide Pariser Klimaziele verfehlen."

IPCC-Mitautor Douglas Maraun, Universität Graz

"Der neue IPCC-Bericht enthält keine wirklichen Überraschungen. Er bestätigt, was wir schon aus Tausenden vorherigen Studien und Berichten wissen - dass wir uns in einem Notfall befinden."

Greta Thunberg, schwedische Klimaaktivistin, auf Twitter und Instagram

"Als Jugendliche macht mir der neue Bericht große Angst. Er prophezeit eine Zukunft, vor der man sich fürchten muss. Und trotzdem bleibt die Politik untätig."

Ida Ploner, Schülerin und FFF-Aktivistin in Wien

"Handeln wir nicht und geben wir das Heft aus der Hand, dann sind wir durch globalen Temperaturanstieg, steigenden Meeresspiegel und Extremwetter weiteren irreversiblen Konsequenzen ausgesetzt, mit zahlreichen dramatischen sozialen Folgen."

Werner Kogler, Vizekanzler, Grüne

"Mit dem Beschluss des EAG – des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes – vor wenigen Wochen sind wir am richtigen Weg. Jetzt geht es um die rasche Umsetzung – wir brauchen keine Verzögerung von Verfahren."

Johannes Schmuckenschlager, Umweltsprecher ÖVP

"Der Bericht des IPCC bestätigt auf dramatische Weise, was jeder und jede von uns diesen Sommer beobachten kann: Die Klimakrise bedroht den Fortbestand unserer Zivilisation so wie wir sie kennen."

Lukas Hammer, Klimaschutzsprecher der Grünen und Vorsitzender des Umweltausschusses

"Noch immer haben wir in Österreich kein gesetzliches Klimaziel für das aktuelle Jahr 2021, geschweige denn einen schlüssigen Plan, wie wir den CO2-Ausstoß in den kommenden Jahren und Jahrzehnten effektiv reduzieren wollen."

Julia Herr, SPÖ-Umweltsprecherin

"Die Welt steuert momentan auf eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur von über 3 Grad zu, was eine massive Destabilisierung von Staaten, Gesellschaften, Ökosystemen und Lebensgrundlagen bedeutet."

Michael Bernhard, NEOS-Klima- und Umweltsprecher

"Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Nur so werden wir die notwendigen Investitionsprojekte rechtzeitig realisieren können."

Karlheinz Kopf, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ)

"Ich will nicht von der Energiewende träumen, sondern sie schneller umsetzen und unsere Klima- und Energie-Ziele tatsächlich erreichen. Denn Klimaschutz ist eine der wesentlichsten Aufgaben unserer Generation! Darum brauchen wir schnellere Genehmigungsverfahren in Österreich."

Magnus Brunner, Staatssekretär (ÖVP)


Kommentieren


Schlagworte