Kabul dürfte schon bald an Taliban fallen, Flughafen und Militärbasis gefallen

Nach dem Abzug der internationale Truppen haben die Taliban bereits neun der 34 Provinzhauptstädte erobert. US-Geheimdienstmitarbeiter rechnen mit einem Zusammenbruch Kabuls in ein bis drei Monaten. Indes haben die Taliban den Flughafen und eine große Militärbasis in ihre Gewalt gebracht.

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Die Taliban erobern immer mehr Orte. Hier weht ihre Flagge über Pul-e-Khumri.
© AFP

Washington, Kabul – Im Angesicht des schnellen Vordringens der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan könnte die Hauptstadt Kabul nach einem Zeitungsbericht viel früher in die Hände der Islamisten fallen als bisher von den USA angenommen. Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen passieren, berichtete die Washington Post am Dienstag unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten. Indes haben die Taliban die neunte Provinzhauptstadt erobern können.

Die Taliban eroberten zudem in der Großstadt Kunduz im Norden Afghanistans nun auch den Flughafen und eine große Militärbasis. Das bestätigten Provinzräte und Sicherheitskreise am Mittwoch. Die wichtigsten Regierungseinrichtungen in Kunduz waren bereits am Sonntag von den Taliban erobert worden.

Sicherheitskräfte und lokale Regierungsvertreter flohen daraufhin zum Flughafen und in die Basis des 217. Armeekorps in der Nähe. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Islamisten hätten seit Sonntag die Basis und den Flughafen angegriffen und seien dabei vergleichsweise langsam, aber stetig vorgegangen. Details waren zunächst unklar.

Aus Militärkreisen heißt es, Hunderte Humvees und rund 5.000 Waffen von Kalaschnikow bis zu schweren Maschinengewehren dürften in der Basis sein. Es war unklar, wieviel davon rechtzeitig fortgeschafft wurde.

Präsident Biden verteidigt Abzug der US-Truppen

Im Juni hatten US-Geheimdienstmitarbeiter geschätzt, dass Kabul in einem Zeitraum von einem halben bis einem Jahr nach Abzug des US-Militärs unter Kontrolle der Taliban geraten könnte. Trotz der sich schnell verschlechternden Sicherheitslage verteidigte US-Präsident Joe Biden erneut den Abzug des US-Militärs. Angesichts des jüngsten Vordringens der Taliban nach dem weitgehenden Abzug der internationalen Truppen sagte Biden am Dienstag im Weißen Haus, die Afghanen müssten nun „selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen". Ihre Streitkräfte seien den Taliban militärisch überlegen, auch in Bezug auf die Truppenstärke.

„Ich bedauere meine Entscheidung nicht": Der US-Präsident verteidigt den Abzug seiner Truppen.
© JIM WATSON

USA wird Afghanistan finanziell und militärisch unterstützen

„Aber sie müssen auch kämpfen wollen", sagte Biden. Der US-Präsident appellierte auch an die politische Führung in Kabul, an einem Strang zu ziehen. Wörtlich sagte er: „Ich glaube, sie beginnen zu verstehen, dass sie an der Spitze politisch zusammenkommen müssen." Biden versprach, die USA würden die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin finanziell und militärisch unterstützen. Er werde jeden Tag über die Lage unterrichtet.

Mit Blick auf den von ihm angeordneten Abzug der US-Soldatinnen und Soldaten fügte der Präsident hinzu: „Aber ich bedauere meine Entscheidung nicht." Zum Zeitpunkt der Entscheidung hatten die USA noch rund 2.500 Soldaten in Afghanistan. Inzwischen ist der Abzug nach Militärangaben zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Bis zum Monatsende soll er komplett beendet sein. Das Bundesheer, die deutsche Bundeswehr und die Soldaten anderer NATO-Länder haben Afghanistan bereits verlassen.

Taliban erobern immer mehr Gebiete

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen Anfang Mai haben die Taliban viele Gebiete erobert. Am Dienstag nahmen sie in kurzer Folge die achte Provinzhauptstadt ein. Mit Faizabad sei die Hauptstadt der nordöstlichen Provinz Badakhshan in die Hände der Islamisten gefallen, bestätigten ein Provinzrat und ein Parlamentsvertreter der Provinz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Damit kontrollieren die Taliban nun die Hauptstädte von neun der 34 afghanischen Provinzen.

Nur Stunden vor dem Fall von Faizabad nahmen die Islamisten am Dienstag die Provinzhauptstädte Pul-e-Khumri in der nördlichen Provinz Baghlan und Farah in der gleichnamigen Provinz im Westen des Landes ein. (APA)

Pressestimmen zum Vormarsch der Taliban in Afghanistan

Zum Vormarsch der Taliban in Afghanistan schreiben Zeitungen am Mittwoch:

De Standaard (Brüssel):

"Mehr noch als 2015 gegenüber Flüchtlingen aus Syrien hat der Westen eine Ehrenschuld gegenüber jenen Afghanen, die in den vergangenen 20 Jahren mit unseren Truppen, aber auch mit nichtstaatlichen Hilfsorganisationen zusammengearbeitet haben. Von den Taliban werden sie als Kollaborateure betrachtet, womit sie einer unheilvollen Zukunft entgegensehen. Sie eiskalt im Stich zu lassen, wäre verwerflich.

Einfache Lösungen gibt es nicht. Das Signal auszusenden, dass alle Afghanen willkommen sind, könnte erneut zu einem Menschenstrom führen, der kaum zu beherrschen ist. Aber wir können auch nicht wegschauen. (...) Zweifellos sehen jetzt wieder gewissenlose Menschenschmuggler ihre Chance. Die Politik darf ihnen nicht naiv in die Karten spielen. Aber aus politischer Berechnung jedwedes moralisches Empfinden zu missachten, kann auch keine Option sein."

Neue Zürcher Zeitung:

"Um die Islamisten wenigstens zu minimalen Zugeständnissen zu bewegen, könnte der Westen einzig den Geldhahn zudrehen. Das hätte für die Bevölkerung jedoch verheerende Konsequenzen. Schon heute ist mehr als die Hälfte auf humanitäre Hilfe angewiesen, und mit dem Kampf um dicht besiedelte Ballungszentren wird die Zahl der zivilen Opfer und der Flüchtlinge weiter ansteigen. Hunderttausende sind seit Anfang Jahr vertrieben worden. Wer kann, versucht auf legalem oder illegalem Weg aus dem Land zu kommen. Auch wir in Europa werden das zu spüren bekommen. Bereits heute stellen die Afghanen hinter den Syrern die größte Gruppe von Asylsuchenden dar. In den kommenden Monaten wird der Druck an den Außengrenzen wieder stark zunehmen, und Rückführungen ins Kriegsgebiet werden gleichzeitig nicht mehr möglich sein."

Kommersant (Moskau):

"Vertreter Russlands, Chinas, der USA und Pakistans haben sich einmal mehr getroffen, um eine Deeskalation in Afghanistan zu erreichen. Die Diplomaten stehen vor der äußerst schwierigen Aufgabe, die Taliban, die immer mehr Provinzen erobern, zur Einstellung der Offensive zu bewegen. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani scheint sich unterdessen nicht mehr auf Diplomatie zu verlassen: Laut Medienberichten hält er die Verhandlungen mit den Taliban für 'tot'. Die einzige Chance, das Land vor einer terroristischen Machtübernahme zu bewahren, besteht darin, eine verlässliche Verteidigung Kabuls aufzubauen.

Die seit mehreren Monaten andauernde Offensive der in Russland verbotenen Taliban-Bewegung hat nämlich in der vergangenen Woche an Tempo gewonnen. Seit dem 6. August, als es den Kämpfern gelang, die Stadt Zaranj in der Provinz Nimroz einzunehmen, haben sie die Kontrolle über mehrere andere Verwaltungszentren übernommen."

de Volkskrant (Amsterdam):

"Wer hat Afghanistan verloren? Diese Frage drängt sich auf, da der von Präsident Joe Biden im April angekündigte Rückzug aus Afghanistan immer mehr an Vietnam erinnert - genau das, wovor einige seiner Berater im Frühjahr gewarnt hatten. (...)

Afghanistan als Symbol schwindender Macht der USA in der Welt – das war sicher nicht beabsichtigt. Dies ist umso schmerzlicher, als es eine Alternative gab: den Verbleib einer relativ kleinen Resttruppe, die militärische Luftunterstützung leistet. Dass man sich nicht für einen Rückzug entschieden hat, der strikt an Fortschritte vor Ort und im Friedensprozess gebunden ist, hat Biden zu verantworten. (...)

Die Europäer könnten in nächster Zeit mit den Folgen der in Afghanistan entstandenen Situation zu kämpfen haben, die vielleicht Hunderttausende in die Flucht treibt. Und die USA? Die haben auch den Irak einmal verlassen, um später erzwungenermaßen wieder zurückzukehren. Diese Geschichte ist noch (lange) nicht abgeschlossen."


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