Die große Frage in der Corona-Pandemie: Wie groß muss die Herde sein?

Seit Jänner ist die Lage an den Spitälern stabil. Das werde auch trotz Delta-Variante im Herbst so bleiben. Dennoch überlegt Minister Mückstein, die Maskenpflicht auszudehnen.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion (4)
55 Prozent der Gesamtbevölkerung sind geimpft, dazu kommen sieben Prozent offiziell Genesene und eine Dunkelziffer. Damit läge die Herdenimmunität jenseits der 70 Prozent.
© iStock

Innsbruck, Wien – Zwar rufen die meisten Politiker und viele Wissenschafter dazu auf, sich impfen zu lassen, aber welches Ziel es zu erreichen gilt, nennt die Bundesregierung nicht. 70, 80 oder gar 90 Prozent? Zur Herdenimmunität zählen die Geimpften, aber auch die Genesenen. Von denen es offiziell rund 650.000 in Österreich gibt und deren Dunkelziffer auf bis zu doppelt so viele, also 1,2 Millionen Immunisierte reicht.

Wie hoch die Rate sein muss, unterscheidet sich, medizinisch betrachtet, auch je nach Krankheit. Bei den hochansteckenden Masern etwa gelten 95 Prozent als Schwellenwert. Bei Corona bezifferten Experten den Anteil seit dem Frühjahr 2020 zunächst auf etwa zwei Drittel der Bevölkerung. Zugrunde lag die Annahme, dass ein Infizierter im Schnitt drei Menschen ansteckt, wenn keine Maßnahmen in Kraft sind und niemand immun ist.

Die Politik tat sich mit Festlegungen schwer. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach zu Beginn von 70 Prozent, jetzt nennt sie auch keine Zahl mehr. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein von den Grünen will die Impfrate weiter ankurbeln. Je mehr, desto besser, so die Devise. Mückstein überlegt, die Maskenpflicht wieder auszuweiten.

Denn die Zahl der positiv Getesteten steigt weiter. Innen- und Gesundheitsministerium meldeten am Donnerstag 850 Neuinfektionen in den vergangenen 24 Stunden. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 50,7 Fälle pro 100.000 Einwohner. 200 Covid-19-Erkrankte liegen im Spital, 51 auf der Intensivstation. Vor einer Woche waren es 36, im November 709.

Österreich stehe am Beginn der vierten Coronavirus-Welle, meinen Experten. „Die nächste Welle wird eine Welle unter den Ungeimpften sein“, sagte der Epidemiologe Gerald Gartlehner am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal. Die Bundesagentur AGES will künftig ausweisen, wie viele Geimpfte und Nicht-Geimpfte auf den Intensivstationen landen. Klar ist auch, dass eine Impfung nicht zur Gänze vor einer Ansteckung schützt. Die Zahl der Impfdurchbrüche, als solche werden nur Menschen mit Symptomen bezeichnet, liegt in Österreich bei 0,6 Prozent.

📽️ Video | Zahl der Neuinfektionen steigt

Gartlehner hält ebenso wie der Komplexitätsforscher Peter Klimek eine Überlastung der Intensivstationen für sehr unwahrscheinlich. Großflächige Schließungen werden im Herbst nicht erforderlich sein, sagten die Experten. Schutzmaßnahmen wie Maskentragen und Abstandhalten werden aber weiterhin notwendig sein.

Klimek kann sich Einschränkungen etwa bei Chören, Indoor-Sport oder der Nachtgastronomie vorstellen. Auch eine Ausweitung der 2-G-Regel sei denkbar. Generelle Schulschließungen sind epidemiologisch nicht notwendig, sagte der Forscher. Beide Experten gehen davon aus, dass die Zahl der von einer Coronavirus-Infektion genesenen Menschen – mehr als 650.000 hatten sich nachweislich angesteckt –, doppelt so hoch ist. (TT, APA)

Wo die vierte Welle wieder Beschränkungen bringt

Während Dänemark trotz hoher Infektionszahlen seine Corona-Regeln lockert, verschärfen sie andere Staaten wieder.

Die Delta-Variante des Coronavirus greift um sich. So manch Region und teilweise auch ganze Staaten werden von einer vierten Welle erfasst. Wie gehen andere Länder mit den steigenden Infektionszahlen und dem sehr viel langsamer wachsenden Anteil der Geimpften um. Ein Rundblick:

📍 Deutschland. Die Sieben-Tages-Inzidenz beim nördlichen Nachbarn lag gestern bei 27,6, Tendenz steigend. Um die Impfquote zu erhöhen, haben Bund und Länder beschlossen, dass Nicht-Geimpfte ab Herbst mit Nachteilen rechnen müssen. So sind Tests nur noch bis 10. Oktober gratis. Vorschrieben sind sie in Spitälern, Altersheimen, der Innengastronomie, bei Veranstaltungen und Festen, Friseuren, Kosmetikstudios sowie Fitnessstudios, Schwimmbäder und Sporthallen. Die Maskenpflicht bleibt für alle aufrecht.

📍 Italien. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren sind zwar zumindest einmal gegen Covid-19 geimpft. Doch die Infektionszahlen steigen weiter. Seit einer Woche gilt für Restaurants im Innenbereich, in Museen, Fitnessstudios und Schwimmbädern der 3G-Nachweis mittels Grünem Pass. Ab 1. September ist dieser auch in Fernzügen, sowie an Unis und für LehrerInnen verpflichtend.

📍 Frankreich. Präsident Emmanuel Macron hat die Lage in seinem Land gestern als „schwierig“ bezeichnet. Die Regierung kündigte strengere Regeln für Südfrankreich, Korsika und die Überseegebiete ab. In den dortigen Krankenhäusern wurden bereits Notfallpläne aktiviert, Corona-Test werden ab Mitte Oktober kostenpflichtig.

📍 England. Dank stagnierender Infektionszahlen will die Regierung ab kommender Woche die Pflicht zur Selbst­isolation für Geimpfte bei Kontakt mit Infizierten aufheben. Dann werden zweifach geimpfte Erwachsene und Minderjährige lediglich dazu aufgefordert, einen Test zu machen, sollten sie Kontaktperson sein. 75 Prozent der Briten sind bereits vollständig geimpft.

📍 Dänemark. Trotz vergleichsweiser hoher Infektionszahlen hat Dänemark schon vergangenen Sonntag Regeln gelockert. So gibt es in Öffis keine Kapazitätsgrenzen mehr. Die Pflicht zu zwei Tests pro Woche für Schüler und Studenten wird in eine Empfehlung geändert. Theater und Kinos mit weniger als 500 Zuschauern sowie Museen, Vergnügungsparks und Zoos müssen keinen Impfnachweis oder Test mehr für den Eintritt verlangen. Am 1. September fallen auch Beschränkungen fürs Nachtleben.

📍 Israel hingegen dehnt angesichts stark steigender Infektionszahlen die Pflicht für den Grünen Pass auf fast alle Bereiche aus. Schon für Dreijährige muss am Mittwoch eine Bescheinigung gezeigt werden, dass sie geimpft, genesen oder negativ getestet sind. Gästezahlen werden wieder eingeschränkt.

📍 Australien geht ganz rigoros mit Infektionen um. Nach Melbourne und Sydney müssen auch die Bewohner der australischen Hauptstadt Canberra mindestens sieben Tage lang in einen Lockdown. Denn in der Stadt ist erstmals seit einem Jahr ein Corona-Fall bestätigt worden.

📍 USA. Immer mehr US-Unternehmen führen angesichts der vierten Welle eine Impfpflicht für ihre Mitarbeiter ein – zuletzt der Fast-Food-Konzern McDonald‘s für seine Büroangestellten. (TT, dpa)


Kommentieren


Schlagworte