Gnadenlose Gegenwart: „Fettes Schwein“ bei den Volksschauspielen Telfs

Regisseur Peter Lorenz setzt Neil LaButes Tragikomödie „Fettes Schwein“ bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs sehr einfühlsam in Szene, wenn er dem Publikum eine zynische Welt vor Augen führt, in der das Äußere zählt und der Charakter zur situationselastischen Übung verkommt.

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Charakter als situationselastische Übung: „Fettes Schwein“ hatte am Samstagabend im Telfer Rathaussaal Premiere.
© Malyshev

Telfs – Sie wäre mit ihrem Aussehen zufrieden, meint die übergewichtige Helen, als sie Tom in einem Fastfood-Lokal während einer Mittagspause kennen lernt. Nicht ganz ohne Sarkasmus fügt sie hinzu, dass sie davon nur ihre Mitmenschen überzeugen müsste. Damit ist schon die gesellschaftliche Problematik im Stück „Fettes Schwein“ des amerikanischen Autors Neil LaBute angesprochen. Man kann sich zwar mittels kosmetischer Eingriffe bis zur Grimasse entstellen, aber „dick sein“ geht gar nicht. Obwohl es zwischen Helen und Tom funkt, wird nichts aus dem Liebesglück. Entsprechende Kommentare seiner Arbeitskollegen, allen voran des mit einer geradezu paranoiden Fettphobie ausgestatteten Zynikers Artur, und einer vom Schlankheitswahn befallenen Zicke Jenny bereiten dem Glück ein jähes Ende.

Regisseur Peter Lorenz setzt das Stück sehr einfühlsam in Szene, wenn er dem Publikum eine zynische Welt vor Augen führt, in der das Äußere zählt und der Charakter zur situationselastischen Übung verkommt.

Das Stück ins Tirolerische zu übertragen war so etwas wie eine Fleißaufgabe, zumal die Akteure ständig zwischen Dialekt und Schriftsprache wechseln. Spaß, auch den gibt’s, und Nachdenklichkeit wohlabgewogen, führt Lorenz ein Gesellschaftsbild vor Augen, das leider nur zu sehr der Realität entspricht.

An der Schwäche des Stückes, nur bedingte Auseinandersetzung mit der Problematik von Übergewicht, vermag auch Lorenz nichts zu ändern. Anna Lena Bucher überzeugt als Helen, die ihre Fülle scheints mit Selbstironie trägt, deren Selbstsicherheit und Souveränität sich letztlich aber als äußerst fragil erweisen. Eindringlich vermittelt sie, dass man mit vorgetäuschter Heiterkeit einer gnadenlosen Gesellschaft nicht die Stirn bieten kann. Josef Mohamed in der Rolle des Tom hat die Qual der Wahl zwischen Helen und seinen Freunden und er geht den leichteren Weg. Bemerkenswert, wie er sich, sukzessive den Mut verlierend, sich selbst täuschend und verleugnend aus der Affäre schleicht. Jakob Egger gibt den selbstgerechten Kotzbrocken Artur, bar jeglicher empathischer Qualitäten, „hassenswert“ gut. Nicht weniger nuancenreich zeigt sich Katarina Hauser im Part der Jenny. Ganz auf hyperaktive Karrierefrau getrimmt, chic und sexy, ohne innere Schönheit, bezieht sie ihre Kraft aus der Vernichtung anderer.

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Eine ideale Bühne für diese Geschichte über Oberflächlichkeit und Feigheit bietet Rubén San Roman Gámez. Restaurant, Liebesnest, Büro, alles nebeneinander garantiert reibungslosen Ablauf. Bürotische aus gepressten Plastikflaschen zeugen vom verbalen Müll, der in so manchen Büros produziert wird, ein großer Vexierspiegel führt eigene Unzulänglichkeiten vor Augen. Begeisterter Applaus. (hau)

Fettes Schwein. Bis 25. 8.; Nächste Vorstellung: Di., 17. 8.; www.volksschauspiele.at


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