Tiroler vor seinen achten Paralympics: „Keine Fans? Wir sind das gewöhnt“

Martin Legner fährt zu seinen bereits achten Paralympics – warum der 59-Jährige nie ans Aufhören denkt, man für die Freude am Leben keine Beine braucht und er das Fahnentragen lieber anderen überlässt.

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Paralympics-Rekordmann Martin Legner – mit 59 Jahren bestens in Schwung. Neben dem Schläger gilt es auch den Rollstuhl zu beherrschen.
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Innsbruck – 1992 schon, bei seinen ersten Paralympics in Barcelona, stellte man ihm die Frage erstmals, bis heute hat Martin Legner aber keine Antwort darauf: „Ich spiele Tennis, solange es mir Spaß macht, solange es mir taugt. Vielleicht ist morgen schon Schluss, vielleicht auch nicht.“ Selbst der Umstand, dass er im Dezember 60 Jahre alt wird, ändert daran nichts: „Ich lebe in den Tag hinein, was kommt, das kommt. Oft ist schneller Schluss, als man selbst glaubt.“

33 Jahre sind seit seinem Unfall beim Paragleiten inzwischen vergangen, seit damals sitzt Legner im Rollstuhl – das Ende seiner großen Leidenschaft Fußball. „Eine spezielle Herausforderung“, wie er heute sagt. Man falle in ein Loch, wolle es nicht wahrhaben. „Es braucht seine Zeit, bis man zu dem Schluss kommt, dass es nicht entscheidend ist, ob man die 100 Meter rollt oder geht, sondern dass man diese 100 Meter lebt und auch genießt. Die Freude hat man im Kopf, das Leben spielt sich nicht in den Beinen ab.“

Heute, sagt der Milser, könne er leichter darüber reden, auch lasse sich das Unterbewusstsein schulen, das alles anzunehmen: „Manche kriegen einen Bauch vom Biertrinken, hocken rum und sind für die Gesellschaft nicht mehr tragbar. Um am Gesellschaftsleben teilnehmen zu können, muss aber jeder Einzelne was dafür tun, und da hilft einem regelmäßiger Sport eben sehr.“

Zum Tennis kam Legner eher zufällig, viele Sportarten hatte er unter anderem im Rehazentrum ausprobiert, 1992 war er sogar im Riesentorlauf für die Winter-Paralympics qualifiziert gewesen, zwei Wochen davor aber derart schwer gestürzt, dass er in Albertville nicht antreten konnte. Anfangs versuchte er, zweigleisig zu fahren, schnell aber ging es sich zeitlich nicht mehr aus.

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Wie bei den „Fußgängern“ ist auch Wheelchair-Tennis ein Ganzjahressport und im Gegensatz zu anderen Sportarten sind die Handicap-Spieler im Tennis-Weltverband ITF organisiert. Außer dass der Ball zweimal aufkommen darf und der Zugang rollstuhlgerecht sein muss, unterscheidet sich auch nichts: Rund 170 Turniere umfasst die weltweite Tour – mit den gleichen traditionellen Grand-Slam-Turnieren. Die Organisation ist professionell, die Spieler ohnehin, die Faszination aber unabhängig davon.

„Tennis vereint einfach alles: Kraft, Technik, Ausdauer. Man muss den Rollstuhl gut bewegen, den Ball fokussieren, die unterschiedlichen Schläge beherrschen. Dazu kommt die spannende Zählweise und nicht zuletzt sieht man von den Profis bis hinunter zu den Hobbysportlern, was der Kopf auf dem Tennisplatz ausmacht.“

Nervenstärke bewies Legner von Anfang an: Die ITF-Übersicht weist für ihn im Single 70 Prozent und im Doppel gar 80 Prozent Gewinnquote aus, 1310 bzw. 1241 Siege feierte er bislang auf der Tour, darunter mehr als 80 Single- und über 260 Doppel-Titel. 15 Jahre hielt er sich in den Top 15 der Weltrangliste, 2004 war er im Einzel die Nummer drei der Welt, 1999 im Doppel bereits Erster – inklusive Grand-Slam-Titeln und drei Masters-Siegen.

Mit Barcelona 1992, seinen ersten Paralympics, habe er damals gar nicht gerechnet, dass er sich jetzt zum achten Mal in Folge (!) qualifizierte, war hingegen „gar nicht so easy“. Legner schaffte es erneut unter die Top-56-Spieler und dürfte als Rekordteilnehmer keine Konkurrenz für die Rolle des Fahnenträgers haben. Doch er winkt ab und lächelt: „Da werden sie wohl einen Schöneren als mich finden.“

Was ihn jetzt aber besonders freut: Erstmals stellt Österreich gleich vier Tennisspieler. „Jahrelang war ich Einzelkämpfer oder wir waren zu zweit, jetzt haben wir sogar zwei Doppel am Start.“ Legner wird mit Josef Riegler (NÖ/46 Jahre) spielen, das andere Duo bilden Nico Langmann (W/24) und Thomas Flax (Vlbg./37). „Wir haben es altersmäßig aufgeteilt“, sagt Legner und lacht.

Von Medaillen will er heute nicht sprechen. 2000 war er im Single als Vierter nur knapp daran vorbeigeschrammt. „Über die Jahre hinweg hat sich einiges verändert“, sagt Legner, „unser Sport ist sehr viel athletischer geworden.“ Selbst wenn er sich noch täglich am Treppengeländer in seinem Milser Haus hochhangelt, anstatt den Lift zu benutzen, setzt er inzwischen auf Routine und hofft auf eine gute Auslosung: „Ich gebe immer mein Bestes und versuche zu gewinnen, aber wenn man nicht zu den 16 Gesetzten zählt, braucht es auch ein bisschen Glück.“ Im Doppel sei jedenfalls mehr drin, da falle es auch leichter, den Platz abzudecken.

Legner gibt sich jedenfalls gelassen, auch die Corona-Auflagen oder dass nun in Tokio keine Zuschauer zugelassen sein werden, bringt ihn nicht aus der Ruhe. „Keine Fans? Wir sind das ohnehin gewöhnt. Es ist zwar schon so, dass wir alle vier Jahre wieder etwas in den Blickpunkt rücken, aber ansonsten hält sich der Andrang zu unseren Spielen ja in Grenzen“, sagt er und lächelt. Dabei sind es ausgerechnet die Zuschauer, die für ihn die Spiele in Rio und London so besonders machten: „Das Interesse war enorm, das war schon sehr schön.“ Von der Stimmung erinnert er sich aber auch gerne an Sydney, die vielen Freiwilligen seien dort besonders freundlich gewesen.

Ein anderes Andenken kam ihm hingegen unlängst nur zufällig wieder unter. Seine vier Enkelkinder hatten mit einem alten Tennisball im Wohnzimmer herumgespielt, wie Legner schmunzelnd erzählt: „Ich habe erst später entdeckt, dass ,Sydney‘ draufstand, den dürften sie wohl irgendwo in einem Schrank gefunden haben.“


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