Beobachtungen im Almtal: Wärme bescherte Graugänsen mehr Nachwuchs

Eine einzigartige Langzeitstudie über Graugänse zeigt den Einfluss des Klimas auf ihr Verhalten. Wärmeres Klima sorgte für mehr Nachwuchs. Die Forschungsstelle wurde ausgebaut.

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Allgemein wärmere Winter verursachen bei Gänsen eine frühere Eiablage.
© Josef Hemetsberger

Grünau im Almtal – Seit 1973 leben Graugänse in Grünau im Almtal. Damals wurden sie vom Nobelpreisträger Konrad Lorenz angesiedelt. Seither steht die heute über 150 Tiere zählende Schar unter wissenschaftlicher Beobachtung. In den vergangenen drei Jahrzehnten stieg die Temperatur im Tal im Schnitt um zwei Grad Celsius. Den Gänsen beschert diese Entwicklung einen messbar größeren Bruterfolg, wie ein Team der Konrad Lorenz Forschungsstelle (KLF) im Fachblatt in Scientific Reports berichtet.

Die zur Universität Wien gehörende Forschungsstelle im oberösterreichischen Salzkammergut hat international hohe Reputation. Vor kurzem hat sie infrastrukturell einen Sprung nach vorne gemacht. Anfang Juni ging die Eröffnung des Neubaus unmittelbar neben dem dortigen Wildpark über die Bühne. Das einst bezogene alte Gebäude platzte seit langem aus allen Nähten. Ermöglicht wurde der rund drei Millionen Euro teure Neubau, der um die 1.000 Quadratmeter Fläche bietet, auf Initiative des "Betreibervereins des Cumberland Wildpark Grünau" mit Unterstützung des Landes Oberösterreich, der Uni Wien und der "Herzog von Cumberland Stiftung".

Studie als einzigartiges Projekt

Die vor allem ab Beginn der 1990er Jahre engmaschige wissenschaftliche Langzeitdokumentation des Lebens der Tiere ist weltweit einzigartig, erklärten Wissenschafter der KLF bei einem Besuch der APA in Grünau. Von den Graugänsen und ihren Beziehungs- und familiären Geflechten weiß man seit Anbeginn der Forschung im Almtal mehr oder weniger alles, so der Ornithologe Josef Hemetsberger, der sich seit 30 Jahren um die Beobachtung des Brutgeschehens kümmert. Seit 1990 wird zusätzlich auch noch unter anderem "jedes Ei gewogen und vermessen". So kann die Fortpflanzungsgeschichte der über die Zeit hinweg über 1.000 Individuen exakt nachgezeichnet werden. Die älteste Almtaler Graugans wurde 27 Jahre alt.

Ein derartiges Projekt gebe es weltweit kein zweites Mal: "Diese Langzeitdaten sind in der heutigen Zeit extrem begehrt", betonte Hemetsberger. Nicht zuletzt, weil sich so Aussagen über mittelfristige Veränderungen treffen lassen. "Hier im Tal spielt offensichtlich schon der Klimawandel eine Rolle", so der Forscher. Die durchschnittlich höheren Temperaturen und die in manchen Jahren reduzierte Zeit mit Schneebedeckung machen sich bemerkbar, "wie die Daten wunderschön zeigen".

Wärmere Temperaturen sorgen für mehr Gänsenachwuchs

Obwohl es zwischen 1990 und 2018 auch immer wieder Jahre mit viel Schnee und weniger Bruterfolg gab, zeigte sich in der neuen Analyse klar, dass eine höhere durchschnittliche Jahrestemperatur mit einer höheren Anzahl an flüggen jungen Gänsen einhergeht. Die Tiere legen ihre Eier nun vielfach früher, was zu einem erweiterten Zeitfenster für Brut und Pflege insgesamt führt. Im Schnitt der vergangenen Jahre "haben immer mehr Weibchen die Chance gehabt, erfolgreich zu brüten. Anfang der 1990er Jahre waren es im Durchschnitt weniger Familien, das merkt man auch, wenn man mit den Gänsen arbeitet", sagte Didone Frigerio, Senior Scientist am KLF und Erstautorin der Arbeit.

Einflüsse des Klimas ließen sich anekdotisch auch bei den Waldrappen oder Raben – zwei weitere Vogelarten, mit denen man sich im Almtal intensiv auseinandersetzt – schon beobachten, sagte die Verhaltensbiologin Sonia Kleindorfer, die das KLF seit 2018 leitet.

Neben der immer exakteren Aufarbeitung der Langzeitdaten öffne das neue Gebäude der Forschung viele zusätzliche neue Türen. So etwa habe man neue Möglichkeiten zum Einfrieren von Proben oder mehr Platz für Laboratorien. "Das alleine erweitert das Spektrum von dem, was wir sammeln und auswerten können", so Kleindorfer. Darüber hinaus könne man nun mehr Seminare in der Forschungsstelle abhalten, die alljährlich von zahlreichen Studenten und Jungforschern aus aller Welt aufgesucht wird. Auch für das jährlich stattfindende "Biologicum Almtal" habe man nun mehr Platz. Die Zusammenarbeit mit dem angrenzenden Wildpark eröffne auch viele Chancen, um die Sichtweise und Gedanken von Besuchern in die Forschungsarbeit zu integrieren. "Dadurch haben wir wieder neue Ideen."

Neue Ansätze: Gänse-Gespräche, Alterungsprozess, ...

Mit den jungen Leuten kommen auch neue Ansätze und methodische Herangehensweisen, etwa zur Auswertung von Audio- und Videodaten. Die Frage der Dokumentation und Aufarbeitung der Beobachtungsdaten beschäftigt die Wissenschafter seit langem. Zur Zeit werden die ersten Graugänse mit markanten Halsbändern statt mit farbigen Ringen an den Beinen ausgestattet. Das erleichtert es auch ungeübteren Mitarbeitern Aufzeichnungen anzufertigen. Die ersten so identifizierbaren Tiere streifen schon durch den Wildpark.

In näherer Zukunft rückt die Kommunikation der Tiere weiter in den Vordergrund. Mit einer akustischen Kamera, die in Kombination mit Video eine "Heatmap" produziert, mit der die Lautäußerungen der Tiere in ihrer Reihenfolge abgebildet werden können, "werden wir erstmals Diskussionen zwischen den Tieren in freier Wildbahn aufnehmen können", freute sich Kleindorfer. Mit neuen Methoden zur Messung des Stoffwechsels und des Hormonspiegels der Gänse könne man auch Frage zum Alterungsprozess beantworten. Letztlich gehe es auch weiter darum, herauszufinden, wie es um die kognitiven Fähigkeiten der Raben und Gänse bestellt ist, erklärten die KLF-Forscher.

Bei den Waldrappen geht das Programm zu ihrer Auswilderung im internationalen Forschungsverbund weiter. Ein zusätzlicher Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau von "Citizen Science", also die Einbindung von Laien in die wissenschaftliche Arbeit und in pädagogische Konzepte zur Beziehung zur Natur. "Da haben wir Pläne für das alte KLF", sagte Kleindorfer. (APA)


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