Nach der Machtübernahme: Werden die Taliban international salonfähig?

Während der ersten Auflage ihres Regimes waren die Taliban weltweit geächtet. Nach der erneuten Machtübernahme in Afghanistan suchen sie nun nach Anerkennung.

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Die Taliban wollen ihr Emirat errichten, aber gleichzeitig international nicht geächtet werden.
© Imago/Darwish

Von Can Merey, Michael Fischer und Ansgar Haase/dpa

Kabul – Als der damalige US-Außenminister Mike Pompeo im November in Doha mit Taliban-Vizechef Mullah Ghani Baradar zusammenkam, ging es um Friedensverhandlungen in Afghanistan. Keine neun Monate später sind solche Verhandlungen obsolet: Die Taliban sind zurück an der Macht, die von den USA gestützte Regierung ist vertrieben, der internationale Einsatz gescheitert. Baradar - mit dem Pompeo damals in Doha für die Kameras posierte – wird als möglicher Regierungschef gehandelt.

Eine der vielen Fragen, die die Rückkehr der Taliban an die Macht aufwirft: Werden die Islamisten dieses Mal auf dem internationalen Parkett salonfähig?

Die erste Taliban-Regierung in Afghanistan war international fast gänzlich isoliert. Das Regime, das von 1996 an in Kabul herrschte, ließ angebliche Ehebrecherinnen steinigen, Dieben die Hand abhacken, und das ist nur eine Auswahl der Grausamkeiten. Anerkannt wurde die Regierung in Kabul damals lediglich von drei Staaten: von Saudi-Arabien, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Den selbst ernannten Gotteskriegern wurde schließlich zum Verhängnis, dass sie Al-Kaida-Chef Osama bin Laden Schutz boten. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem US-geführten Einmarsch in Afghanistan stürzte das Regime Ende 2001.

📽️ Video | Pinter (UNHCR) über Lage in Afghanistan

Taliban als Verhandlungspartner?

Trotz des stetigen Wiedererstarkens der Taliban galt es über Jahre hinweg als tabu, Verhandlungen mit den Islamisten auch nur öffentlich zu erwägen. Der damalige SPD-Chef Kurt Beck holte sich vor 14 Jahren eine blutige Nase mit seinem Vorstoß, gemäßigte Taliban einzubeziehen. Im vergangenen Jahr unterzeichnete die Regierung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump in Doha dann eine Vereinbarung mit den Taliban, die eigentlich zu einer politischen Lösung des Konflikts führen sollte. Spätestens mit diesem Abkommen werteten die Amerikaner die Taliban zu Verhandlungspartnern auf.

An das Abkommen hielten sich die Taliban nicht. Statt zu verhandeln, starteten sie einen beispiellosen Siegeszug. Angesichts von Gräueltaten wie der willkürlichen Tötung von Zivilisten drohten EU-Spitzenvertreter den Taliban noch zu Monatsbeginn mit internationaler Verfolgung. Keine Woche ist es her, dass Repräsentanten der USA, der EU, Deutschlands und anderer Staaten eine scharfe Warnung an die Taliban richteten. Nach einem Treffen in Doha erklärten sie: "Die Teilnehmer bekräftigten, dass sie keine Regierung in Afghanistan anerkennen werden, die durch den Einsatz von militärischer Gewalt durchgesetzt wird."

Tiefes Misstrauen im Westen

Seit ihrer Rückkehr an die Macht versuchen die Taliban, sich als moderate Kraft zu präsentieren. Bei seiner ersten Pressekonferenz versicherte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid in Kabul, die neue Regierung sei nicht auf Rache aus, bisherige Gegner hätten nichts zu befürchten. Human Rights Watch berichtete allerdings am Mittwoch, die Organisation habe Informationen, wonach die Taliban Sicherheitskräfte der Regierung in Gefangenschaft getötet hätten. Die Menschenrechtler verwiesen zudem darauf, dass Mudschahid zwar Frauenrechte zugesichert hat – aber nur im Rahmen der Scharia, dem von den Taliban extrem streng ausgelegten islamischen Recht.

Ob in Washington, Brüssel oder Berlin – überall herrscht tiefes Misstrauen gegenüber den Taliban, überall ist der Tenor der gleiche: Man werde die Taliban an ihren Taten messen. US-Vizeaußenministerin Wendy Sherman sagte am Mittwoch: "Die Taliban hoffen darauf, eine Regierung in Afghanistan zu bilden. Sie streben Legitimität an. Wir alle beobachten ihre Handlungen." Den Taliban geht es um internationale Anerkennung – die für sie vor allem deswegen wichtig ist, weil das bitterarme Afghanistan auch unter ihrer Herrschaft auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sein wird.

"Die Taliban haben den Krieg gewonnen"

Die USA, die EU und Deutschland stehen vor demselben Dilemma: Sie wollen die afghanische Bevölkerung nicht im Stich lassen, der sie genau das 20 Jahre lang immer wieder versprochen haben. Der Bevölkerung helfen können sie jetzt aber nur noch, indem sie mit denjenigen sprechen und womöglich sogar kooperieren, vor denen sie die Menschen zwei Jahrzehnte lang beschützen wollten. Für Deutschland war Afghanistan bisher Empfängerland Nummer eins der Entwicklungshilfe. Jetzt sind die Hilfszahlungen von insgesamt 430 Millionen Euro, die für dieses Jahr zugesagt waren, weitgehend eingefroren - bis auf die humanitäre Hilfe.

"Die Taliban haben den Krieg gewonnen, also werden wir mit ihnen reden müssen", befand der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell nüchtern nach Beratungen mit den Außenministern der Mitgliedstaaten. Es gehe darum, eine mögliche Migrationskatastrophe, eine humanitäre Krise und eine Rückkehr internationaler Terroristen nach Afghanistan zu verhindern. Schon jetzt haben Vertreter der USA keine andere Wahl, als mit den neuen Machthabern zu sprechen: Sie verhandeln mit den Taliban darüber, dass die eigenen Bürger und afghanische Ortskräfte ausgeflogen werden dürfen. Das wollen auch die Deutschen. Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour sagt: "Wir sind jetzt erpressbar durch die Taliban, wenn wir die Leute dort befreien wollen."

"Politischer Gewinn für Moskau und Peking"

Während die USA und andere westliche Staaten ihre Diplomaten aus Kabul ausfliegen, wird in den Botschaften Russlands und Chinas ungerührt weitergearbeitet. Taliban-Vize Baradar wurde erst im vergangenen Monat in den Hauptstädten der beiden wichtigsten Kontrahenten der Vereinigten Staaten empfangen. Das Online-Magazin "The Diplomat" meint: "Ein möglichst desaströser Abzug Washingtons aus Afghanistan ist ein politischer Gewinn für Moskau und Peking."

Nach dem schmählichen Abzug der Roten Armee aus Afghanistan 1989 hat Russland spätestens durch das Scheitern der USA am Hindukusch wieder an Selbstbewusstsein und Einfluss gewonnen. China wiederum will zu den Vereinigten Staaten als einziger Supermacht aufschließen – und sie langfristig überflügeln. Spannend ist die Frage, wie Moskau und Peking mit dem künftigen Taliban-Regime umgehen werden. "The Diplomat" schreibt: "Können die Vereinigten Staaten ein von den Taliban geführtes Afghanistan isolieren, wenn es dazu kommt? Die Antwort ist jetzt, im Jahr 2021, weniger klar, als sie es 1996 war."

Die führenden Männer der Taliban

Nach dem Abzug der westlichen Truppen haben die militant-islamistischen Taliban in Afghanistan die Macht übernommen. Wer sind die wichtigsten Männer?

HAIBATULLAH ACHUNDSADA: Nachdem Vorgänger Mullah Mansur 2016 bei einem US-Angriff getötet wurde, trifft Achundsada als "Anführer der Gläubigen" die endgültigen Entscheidungen über politische, religiöse und militärische Angelegenheiten der Taliban. Der religiöse Hardliner gehört zur Gründergeneration der Bewegung. Inzwischen ist er etwa 60 Jahre alt.

SIRADSCHUDDIN HAKKANI: Das einflussreiche Oberhaupt des Hakkani-Netzwerkes ist einer von Achundsadas Stellvertretern. Das Netzwerk, das Washington unter anderem wegen Angriffen auf US-Bürger und Verbindungen zu Al-Kaida als Terrororganisation einstuft, wird für einige der grausamsten Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht. Hakkani soll Mitte 40 sein. Die USA haben ein Kopfgeld in siebenstelliger Höhe auf ihn ausgesetzt.

MULLAH JAKUB: Der älteste Sohn des langjährigen, verstorbenen Taliban-Chefs Mullah Omar ist ein weiterer Stellvertreter. Mit ihm soll der Mythos Omars als identitätsstiftendes Bindeglied am Leben gehalten werden. Er soll etwa Mitte 30 sein und die Milizen steuern.

MULLAH ABDUL GHANI BARADAR: Der Mitbegründer und Vizechef der Islamisten wurde 2010 in Pakistan festgenommen - 2018 auf Druck der USA aber wieder freigelassen. Als Leiter des politischen Büros der Taliban in Katar war er wichtiger Ansprechpartner in den Verhandlungen mit den USA - mit dem damaligen Präsidenten Donald Trump sprach er am Telefon, Außenminister Mike Pompeo traf er persönlich. Im Februar 2020 unterzeichnete er dann das Abkommen über ein Ende des US-geführten Militäreinsatzes. Nach Interpol-Angaben ist er Jahrgang 1968.

AMIR CHAN MOTAKI: Der 1970 geborene Motaki zählt ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern. Er war Bildungs- und Informationsminister während der Taliban-Herrschaft 1996 bis 2001. Später lebte er in Pakistan und wurde Teil der Rahbari-Schura, des Führungsrats der Taliban. Er gilt als eine der versöhnlichsten Figuren innerhalb der Bewegung und soll afghanische Politiker auch direkt aus dem politischen Doha-Büro kontaktiert haben. Aktuell leitet er die Versöhnungskommission. Es soll Achundsada sehr nahe stehen.

SCHER MOHAMMED ABBAS STANEKSAI: Als Chefunterhändler führte er die Taliban-Delegationen bei den Verhandlungen mit den USA und der afghanischen Regierung an. Der fast 60-Jährige ist leicht erkennbar an seinen markanten Brillen im 70er-Jahre-Stil. In der Taliban-Regierung bis 2001 war er stellvertretender Außen- und Gesundheitsminister. Er gilt als Hardliner.


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