Jewish Welcome Service: Gedenkkultur seit 40 Jahren

Seit vier Jahrzehnten organisiert das JWS Besuchsprogramme für vertriebene Wiener Jüdinnen und Juden. Zum Jubiläum ist einiges geplant.

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Holocaust-Überlebende Alice Malcolm besuchte 2018 im Rahmen des JWS Österreich. Ein Jahr zuvor wurde das „Mahnmal Aspangbahnhof“ eröffnet.
© Bundesheer/Karlovits, APA

Von Serdar Sahin

Wien – Mehr als 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Über 130.000 Menschen wurden vertrieben. Am früheren Aspangbahnhof in Wien steht seit September 2017 ein Mahnmal für die Zehntausenden Jüdinnen und Juden, die die Nazis von hier aus in Ghettos und Vernichtungslager deportiert haben. Die Gedenkstätte steht im Leon-Zelman-Park.

Leon Zelman war einer der Holocaust-Überlebenden. Er reiste nach dem Krieg unter anderem in die USA und nach Israel, um mit jenen zu sprechen, die fliehen mussten, vertrieben wurden oder nicht mehr in ihrer Heimat bleiben wollten. Er habe gesehen, dass es „trotz aller schrecklichen Erfahrungen eine große Bindung zu Österreich und Sehnsucht nach der alten Heimat gibt“, erzählt die Leiterin des Jewish Welcome Service in Wien, Susanne Trauneck, im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Die Erlebnisse Zelmans haben den Grundstein für die Gründung des Jewish Welcome Service (JWS) gelegt. Gemeinsam mit dem damaligen Wiener Bürgermeister Leopold Gratz und dem Stadtrat Heinz Nittel hat Zelman Ende 1980 die Organisation gegründet, offiziell gestartet ist das JWS Anfang 1981. Der Beginn von Nittels Tätigkeit war ein dramatischer: Er wurde am 1. Mai von einem palästinensischen Terroristen ermordet.

Seit 40 Jahren organisiert nun das Jewish Welcome Service Besuchsprogramme für vertriebene Wiener Jüdinnen und Juden sowie deren Nachkommen, Studienreisen für die jüngere Generation und unterstützt Gedenk- und Erinnerungsinitiativen. Zudem wird jährlich der Leon-Zelman-Preis für Dialog und Verständigung vergeben – auch diese Veranstaltung organisiert das JWS.

So konnten bisher Tausende vertriebene Jüdinnen und Juden dank der Arbeit des Jewish Welcome Service nach Wien eingeladen werden. Mittlerweile richtet sich das Programm immer mehr an die zweite und dritte Generation der Holocaust-Überlebenden.

Leon Zelman: Mitgründer des JWS in Wien.
© Heribert Corn

Für ihr 40-Jahr-Jubiläum, das eben heuer begangen wird, hat das Jewish Welcome Service einiges geplant. Gearbeitet wird derzeit an einer TV-Dokumentation, die im November auf ORF III ausgestrahlt werden soll. Darin zeigt man die vergangenen vier Jahrzehnte. Besonders ist die Doku auch, weil die Protagonisten darin die Kinder von Leo Luster sind, wie Trauneck erzählt. Der Wiener Leo Luster hat die Vernichtungslager Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Luster war der Initiator des Mahnmals auf den Aspanggründen, weil er einer der fast 50.000 Wiener Jüdinnen und Juden war, die von diesem Bahnhof deportiert worden sind.

Leon Zelman führte bis zu seinem Tod im Jahr 2007 das Jewish Welcome Service. Danach übernahm Trauneck die Agenden. Doch nicht erst seit dem Ableben ihres Förderers ist sie dazugestoßen. Seit mittlerweile 25 Jahren ist Trauneck dort tätig. Danach gefragt, welches Ereignis ihr in dieser Zeit besonders erinnerlich ist, muss sie eine Weile überlegen. Einige gebe es da, sagt sie.

Was sie sehr bewegt habe, sei eine Zusammenkunft im Jahre 1998 gewesen, zu 60 Jahren Novemberpogrome, sagt Trauneck. „Da sind Menschen zusammengekommen, die als Kinder und Jugendliche nach Theresienstadt, nach Riga und später so wie Leo Luster nach Auschwitz deportiert wurden. Die meisten sind nach ihrer Befreiung nach Amerika oder nach Israel ausgewandert, aber einige sind auch nach Wien zurückgekehrt.“

Dieses Wiedersehen habe man verbunden mit einer Gedenkfeier am damaligen Aspangbahnhof, so Trauneck. „Da stand nur ein schäbiger Gedenkstein.“ Es sei der große Wunsch von Leo Luster gewesen, dass dort ein entsprechendes Mahnmal entsteht. „Das ist dann rund 20 Jahre später entstanden. Er hat es leider nicht mehr erlebt.“

Zum 40er entsteht gerade auch eine Festschrift mit einer Übersicht über die verschiedenen Aktivitäten und Projekte des JWS sowie exemplarischen Lebensgeschichten. Besonders ist heuer zudem, dass nicht ein Leon-Zelman-Preis vergeben wird, sondern zwei. Die Gewinner stehen fest, die Verleihung geht am 13. September im Wiener Rathaus über die Bühne. Geehrt wird Likrat – ein Dialog- und Jugendprojekt der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Das Ziel der Schülerinnen und Schüler ist es, Antisemitismus nachhaltig entgegenzuwirken. Jüdische Jugendliche besuchen seit 2015 in Wien und mittlerweile auch in mehreren anderen Bundesländern Schulklassen oder Jugendzentren. Laut Webseite befindet sich Tirol nicht darunter.

Der zweite Preisträger ist die zivilgesellschaftliche Initiative des „Republikanischen Clubs – Neues Österreich“, die sich seit 35 Jahren gegen Xenophobie, Antisemitismus, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit einsetzt.

Die Besuchsprogramme mit größeren Gruppen habe das JWS wegen der Pandemie aussetzen müssen, erklärt Trauneck. Nun gebe es die individuellen „Vienna Trips“, die im Oktober beginnen und über 2022 hinaus laufen. „Ich hoffe, dass wir im Mai 2022 wieder mit unseren Gruppenreisen starten können.“


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