US-Regierung: Gefahr eines IS-Anschlags am Flughafen Kabul ist „akut“

Am Flughafen in Kabul hoffen noch Tausende Menschen auf Rettung. Sieben Zivilisten starben beim Gedränge in der Menge. Die USA warnen eindringlich vor einem Anschlag des IS auf dem Gelände.

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Soldaten sichern die Evakuierung von Flüchtlingen aus Kabul.
© TAYLOR CRUL

Kabul – Die US-Regierung hat Medienberichte über die Gefahr eines Anschlags der Terrormiliz Daesh (IS) am Flughafen Kabul oder in der Umgebung bestätigt. „Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend“, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Sonntag im Sender CNN. Eine Woche nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan versuchen die Taliban, das Chaos um den Kabuler Flughafen nach wie vor in den Griff zu bekommen.

„Wir arbeiten intensiv mit unseren Geheimdiensten zusammen, um herauszufinden, woher ein Angriff kommen könnte“, sagte Sullivan. Man nehme die Warnungen „absolut todernst“. Die militant-islamistischen Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

Sieben Menschen im Gedränge gestorben

In Kabul waren zuvor im Gedränge rund um den Flughafen nach Angaben der britischen Regierung sieben Menschen ums Leben gekommen. Am Sonntag versammelten sich laut britischem Verteidigungsministerium erneut Tausende Menschen vor dem Flughafen in der afghanischen Hauptstadt, um das Land nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban zu verlassen. Ein Sprecher bezeichnete die Bedingungen vor Ort als "nach wie vor äußerst schwierig".

"Unsere Gedanken sind bei den Familien von sieben afghanischen Zivilisten, die tragischerweise in der Menge in Kabul gestorben sind", hieß es am Sonntag in einem Statement des Verteidigungsministeriums. Zuvor hatte bereits ein Korrespondent des britischen Senders Sky News von chaotischen Szenen vor den Toren des Flughafens berichtet, bei denen Menschen am Samstag "gequetscht" worden seien. Viele seien dehydriert und verzweifelt gewesen. Seinem Bericht zufolge konnten Sanitäter bei mehreren Menschen keine Lebenszeichen mehr feststellen, woraufhin diese in weiße Tücher gehüllt wurden.

Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan versuchen täglich zahlreiche Afghanen und ausländische Staatsbürger, sich Zutritt zum Flughafen der Hauptstadt zu verschaffen, um mit einem der Evakuierungsflüge dem Land zu entkommen. Die deutsche und die amerikanische Botschaft in Kabul rieten ihren Staatsbürgern am Samstag von Versuchen ab, den Flughafen zu erreichen.

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G7-Staaten treffen sich zu Krisengipfel am Dienstag

Der angekündigte Sondergipfel der G7-Staaten zur brisanten Lage in Afghanistan soll an diesem Dienstag stattfinden. "Ich werde die Staats- und Regierungschefs der G7 am Dienstag zu dringenden Gesprächen über die Lage in Afghanistan einberufen", twitterte der britische Premierminister Boris Johnson am Sonntag. Großbritannien hat derzeit den Vorsitz in der Runde der führenden westlichen Industrienationen inne.

Neben Deutschland und Großbritannien gehören auch Frankreich, Italien, Kanada, Japan und die USA dazu. Angesichts der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan wollen die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten in der kommenden Woche bei einer Videokonferenz über das weitere Vorgehen beraten. Es sei entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeite, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, schrieb Johnson.

US-Präsident Joe Biden versprach allen ausreisewilligen Amerikanern in Afghanistan die Ausreise aus dem Land versprochen. An ihre Adresse sagte Biden am Freitag im Weißen Haus: "Wir werden Sie nach Hause bringen." Auf Nachfrage sagte der US-Präsident, die Zusage gelte auch für Afghanen, die den US-Einsatz in Afghanistan unterstützt hätten. Seit dem Start der Mission vor etwa einer Woche seien rund 13.000 Menschen evakuiert worden. Allein am Donnerstag seien es 5700 gewesen.

Die USA versuchten außerdem, so viele gefährdete Afghanen wie möglich in Sicherheit zu bringen, die beispielsweise für Hilfsorganisationen gearbeitet hätten.

UNO-Hilfsorganisation warnt vor "absoluter Katastrophe"

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen warnt indes angesichts der Entwicklung in Afghanistan vor einer "humanitären Katastrophe". Die "ohnehin schon schreckliche Situation" könnte sich zu einer "absoluten Katastrophe" entwickeln, sagte die Afghanistan-Direktorin des Programms, Mary-Ellen McGroarty, der britischen Sonntagszeitung The Observer. Ein Großteil der humanitären Hilfsorganisationen will seine Arbeit in dem krisengebeutelten Land jedenfalls fortsetzen.

Alle Organisationen der Vereinten Nationen, wie etwa das Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR), wollen nach Informationen der "Welt am Sonntag" ihre Arbeit in Afghanistan fortsetzen. Nach Angaben des UNO-Informationsbüros in Genf handle es sich dabei um etwa 300 ausländische und rund 3.000 einheimische Mitarbeiter.

Taliban bitten Helfer teilweise um Verbleib im Land

"In vielen Provinzen wurden wir von den Taliban gebeten, dass wir bleiben und unsere nachweislich erfolgreiche Arbeit für Kinder fortsetzen", so das Kinderhilfswerk UNICEF gegenüber der "WamS". Laut Einschätzung des UNO-Büros in Kabul in dem Bericht wollen auch die meisten der über 150 nicht-staatlichen Hilfsorganisationen (NGOs) vor Ort bleiben. Dies betreffe mehrere Tausend Mitarbeiter.

Die Hilfe wird auch dringend benötigt. Das WFP schätzt, dass von den etwa 38 Millionen Menschen in Afghanistan heute schon 14 Millionen nicht genug zu essen haben. Das Land wird auch von einer schweren Dürre geplagt. McGroarty forderte eine enge Abstimmung innerhalb der internationalen Gemeinschaft. "Wir müssen Unterstützung ins Land bringen - nicht nur Nahrung, auch medizinische Unterstützung und Schutz. Wir brauchen Geld, und wir brauchen es jetzt", appellierte sie. Falls nicht innerhalb von sechs oder sieben Wochen Hilfe eintreffe, werde es zu spät sein - viele Straßen seien dann durch Schnee nicht mehr passierbar.

Mehr als zehn Millionen Kinder benötigen Hilfe

Nach Angaben von UNICEF benötigen – unabhängig von den politischen Entwicklungen – bereits fast zehn Millionen Mädchen und Buben in Afghanistan humanitäre Hilfe. Das Welternährungsprogramm habe alleine in dieser Woche 80.000 Menschen mit Essen versorgen können. Insgesamt konnten 400.000 Flüchtlinge innerhalb des Landes verpflegt werden, so die Organisation. Aktivitäten der Organisation mussten in einigen Gegenden kurzzeitig wegen Kämpfen und Gewalt unterbrochen werden. Die Hilfslieferungen sollen nach Angaben einer Sprecherin kommende Woche wieder fortgesetzt werden. (TT.com, APA, dpa, Reuters)


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