Deutschland vollzieht Wende: Inzidenzwerte werden abgeschafft

In Deutschland sollen künftig die Hospitalisierungszahlen neuer wesentlicher Indikator für die Belastung des Gesundheitssystems sein. Tirols Landeshauptmann Günther Platter begrüßt die Änderung.

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Deutschland will sich bei Maßnahmen jetzt an der Anzahl der Spitals- und Intensivpatienten orientieren, nicht mehr an den Infektionszahlen.
© Jens Büttner

Berlin, Innsbruck – Das Corona-Kabinett der deutschen Bundesregierung ist sich nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters einig, die Infektions-Inzidenzwerte abzuschaffen. Man habe sich darauf verständigt, dass künftig neuer wesentlicher Indikator für die Belastung des Gesundheitssystems sein soll, wie hoch die Hospitalisierung sei, hieß es am Montag in Regierungskreisen.

Die Zahlenwerte bei den Sieben-Tage-Inzidenzen wie 35, 50 oder 100, die bisher über Einschränkungen des öffentlichen Lebens bestimmten, sollen dagegen ganz wegfallen. Die Inzidenz verliert aber wegen der steigenden Impfquote an Aussagekraft. Nun soll ermittelt werden, wie viele Corona-Infizierte pro 100.000 Einwohner in einer Woche ins Krankenhaus müssen. Derzeit liegt der Wert nach Angaben eines Sprechers des Gesundheitsministerium bei 1,3. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle betrug er zehn bis zwölf. Von diesen Patienten landet dann wiederum ein Teil mit schweren Krankheitsverläufen auf den Intensivstationen.

Erneute Belastung der Ärzte und Pfleger vermeiden

Man wolle eine erneute Belastung der Ärzte und Pfleger wie im Winter auf jeden Fall vermeiden, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Wo der neue Hospitalisierungs-Grenzwert liegen soll, ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums noch unklar, weil für ländliche und städtische Gebiete die Belastung des Gesundheitssystems unterschiedlich sei. Seibert sprach am Montag von einer "Pandemie der Ungeimpften". Mittlerweile seien laut Robert-Koch-Institut 90 Prozent der in Krankenhäuser eingewiesenen Corona-Patienten nicht geimpft. Der Anteil der Ungeimpften auf den Intensivstationen mache sogar 94 Prozent aus. Am Montag wurden 769 Corona-Patienten auf Intensivstationen in Krankenhäusern gemeldet. Der Wert ist noch deutlich niedriger als bei früheren Corona-Wellen, steigt aber kontinuierlich und schnell an. Am Montag vor einer Woche wurden noch 541 Menschen auf Intensivstationen behandelt.

In Österreich hat die reine Sieben-Tages-Inzidenz bereits in den vergangenen Monaten eine geringere Rolle als in Deutschland gespielt, betonte das Gesundheitsministerium in einer Reaktion. Einerseits werde in Österreich schon seit September 2020 die sogenannte risikoadjustierte Sieben-Tages-Inzidenz zur wöchentlichen Risikoeinstufung durch die Corona-Kommission verwendet, andererseits würden die Maßnahmen unter anderem auch anhand der Hospitalisierungszahlen gesetzt. Als wichtiger Parameter, um bereits möglichst früh Entwicklungen bei den Infektionen erkennen zu können, werde die Sieben-Tages-Inzidenz in Österreich aber weiterhin dienen, versicherte das Ministerium.

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Platter zufrieden über neue deutsche Corona-Politik

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) begrüßt die Entscheidung Berlins. „Durch die voranschreitenden Impfungen muss unser Hauptfokus auf der Spitalsbelastung liegen.“ Vor allem für das Tourismusland Tirol und die Menschen in Tirol und Bayern, die an der Grenze leben, sei das ein­e gute Nachricht. „Die Pandemie muss insbesondere für geimpfte Personen vorbei sein. Es darf keine Einschränkungen mehr bei der Reise­freiheit oder beim Grenzverkehr geben“, betonte der Landeschef.

Italien erwägt indes die Einführung eines Impfzwanges, sollte zu Herbstbeginn mit der Impfung nicht eine Herdenimmunität von 80 Prozent erreicht worden sein. „Dies ist der letzte Aufruf zu Impfungen. Wenn wir bis zum 15. September die Schwelle von 80 Prozent nicht überschritten haben, müssen wir eine Form der Impfpflicht in Betracht ziehen“, sagte Gesundheitsstaatssekretär Pierpaolo Siler.

Die griechische Regierung hat erneut deutlich gemacht, dass im Herbst beim Krisenmanagement keine Rücksicht auf Ungeimpfte genommen werden soll. Ihnen könnte der Zugang zu geschlossenen Räumen im Freizeitbereich verwehrt werden. (TT, APA/Reuters)


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