Grenzübergreifenden Sommergespräche: „Demokratie nicht selbstverständlich“

Die grenzübergreifenden Sommergespräche, die die aus Lienz stammende Forscherin Daniela Ingruber in einem Dolomiti Live-Projekt in Osttirol wissenschaftlich begleitet, lassen die Teilnehmer nicht mehr los.

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Noch Stunden nach dem offiziellen Ende der Sommergespräche zur Demokratie waren die Teilnehmer in ihre Themen vertieft.
© Daniela Ingruber

Von Christoph Blassnig

Hopfgarten i. Def. – Mit seinem Ausweis der Hitlerjugend nahm ein Mann, deutlich älter als 80 Jahre, mit einer Handvoll anderer am Tisch Platz. Jeder, der aktuell an den Sommergesprächen für das Dolomiti Live-Projekt des Regionsmanagements (RMO) teilnehmen möchte, ist nämlich eingeladen, einen Gegenstand mitzubringen, der für ihn zum Thema Demokratie hohe Symbolkraft hat. Am vergangenen Wochenende trafen zur ersten Veranstaltung in Osttirol zwei Dutzend Interessierte in Hopfgarten i. Def. aufeinander. „Wir waren erfreut und zutiefst beeindruckt, wie angeregt und fruchtbar die Gespräche verliefen“, berichtet Gina Streit vom RMO. Obwohl die Moderatoren an den einzelnen Tischen schließlich zum Abschluss drängten und den Nachmittag bei einer kleinen Jause ausklingen lassen wollten, waren die Teilnehmer auch Stunden nach dem Ende der Veranstaltung in ihre Diskussionen vertieft. An ein Auseinandergehen war lange nicht zu denken.

Denn was Demokratie denn überhaupt ist, das lässt sich gar nicht leicht mit wenigen Worten beschreiben. „Demokratie spielt in unserem Leben direkt und indirekt eine Rolle, niemand kann und sollte sich völlig entziehen – ganz im Gegenteil, wir sollten unsere Möglichkeiten nutzen“, meint die aus Lienz stammende und in Wien lebende Demokratieforscherin Daniela Ingruber. „Unsere Zugänge zur Demokratie sind beinahe so vielfältig wie wir selbst. Es ist jedenfalls von größter Bedeutung, dass wir alle uns unserer Verantwortung bewusst sind und uns als Teil des Ganzen begreifen. Das Recht auf freie Wahlen ist nicht selbstverständlich, auch nicht bei uns.“

So berichtete der alte Mann aus einer Zeit ohne Demokratie, nämlich seinen Kindheits- und Jugendtagen im Nationalsozialismus in Osttirol. Einen völlig anderen Horizont brachten wieder die jungen Teilnehmer ins Gespräch mit ein, für die, wie für die allermeisten, ein Leben in einer Diktatur nur schwer vorstellbar ist. Eine ältere Frau meinte zu Beginn, sie könne bestimmt gar nichts beitragen – ein Irrtum, wie sich schnell herausstellte, schließlich schöpfte sie aus dem Schatz ihrer Lebenserfahrung. „Es geht jedenfalls um Bildung“, lautete der Tenor der Gespräche an den Tischen. „Nur wer seine Rechte kennt, sich interessiert, mit anderen diskutiert, seinem Gegenüber auf der Sachebene begegnet und eine andere Meinung gelten lassen kann, bringt die nötigen Voraussetzungen mit.“ Große Bedeutung komme heute der eigenen Medienkompetenz zu, um in der Flut an Nachrichten, die aus allen Kanälen drängt, nicht die Orientierung zu verlieren. Bildung beginne daheim, im Kindergarten, in der Schule. Darüber, dass die Pressefreiheit von unschätzbarem Wert sei, bestand Einigkeit. Politische Bildung sollte ein verpflichtendes Schulfach sein, lautete eine Einschätzung. „Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte“, so verabschiedeten sich viele.

Morgen treffen sich Teilnehmer um 15 Uhr beim Gemeindeamt in Leisach, am Samstag um 14 Uhr in Abfaltersbach. Für die Organisation ist eine Anmeldung erbeten unter daniela.ingruber@donau-uni.ac.at (0664/2243823) oder g.streit@rmo.at (04852/72820-572).

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