Den Taliban fehlt Geld, um ihre Herrschaft zu sichern

Der Westen hofft, die Taliban mit einem Abkommen zügeln zu können. Doch es bleiben viele Fragezeichen. Auch Jihadisten wollen mitmischen.

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Vollverschleierte Frauen auf einem Markt in Kabul. Noch ist offen, was die Beteuerungen der Taliban-Führung wert sind.
© AFP/Kohsar

Von Floo Weißmann

Kabul – Viel schneller als erwartet haben die Taliban die Kontrolle über Afghanistan übernommen. Doch ihre Herrschaft ist noch nicht gesichert. Um sich an der Macht zu halten, könnten Taliban-Führer zu Kompromissen mit dem Westen gezwungen sein. Offen bleibt, ob sie diese auch intern durchsetzen können.

Afghanistan leidet unter bitterer Armut. Schon vor der aktuellen Krise war die Hälfte der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dazu kamen die Pandemie und eine verheerende Dürre vor allem im Süden des Landes. Nun hat die Kriegssituation auch die Wirtschaft in den Städten fast zum Erliegen gebracht.

Hunderttausende Afghanen, darunter fast alle Angestellten der öffentlichen Hand, wagen sich seit Tagen kaum an ihre Arbeitsplätze. Es gibt kein frisches Bargeld, die Preise steigen rasch.

Um ihre Herrschaft zu konsolidieren, müssen die Taliban also die Menschen versorgen und das Land wieder in Gang bringen. Doch dafür fehlt es an Vertrauen der Afghanen, an Know-how und an Geld. Zuletzt finanzierten ausländische Geber etwa 80 Prozent des Staatshaushalts. 9 Mrd. Dollar an Devisenreserven liegen größtenteils in den USA und in der Schweiz, wie der Spiegel berichtete.

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Darin sieht der Westen nun eine Chance, auf die Taliban einzuwirken. Für internationale Anerkennung und Zugang zu Ressourcen könnten die Taliban in einem Abkommen zu Zugeständnissen genötigt werden, so die Überlegung. Der Westen fordert vor allem, dass die Taliban auch in Zukunft Menschen ausreisen lassen, dass sie sich mäßigen – besonders gegenüber Frauen – und dass sie Jihadisten in Zukunft von Anschlägen auf den Westen abhalten.

Die Rhetorik der Taliban-Führer passt dazu, aber es bleiben Fragezeichen. Zeigen sie ein anderes Gesicht, wenn die westlichen Soldaten abgezogen sind? Kann sich die vergleichsweise gemäßigte Fraktion innerhalb der Taliban, die aus dem Sturz vor zwanzig Jahren gelernt hat, gegen radikalere Fraktionen durchsetzen? Und kann die ältere Führung die jungen Kämpfer auf Linie bringen?

Experten bezweifeln auch, dass die Taliban über genügend Mann verfügen, um das ganze Land zu kontrollieren. Im schwer zugänglichen Pandschir-Tal gibt es ein Widerstandsnest von Anhängern der abgesetzten Regierung – darunter Ex-Vizepräsident Amrullah Saleh, der sich weiterhin als legitimes Staatsoberhaupt gibt.

Zugleich warnen Experten, dass der Durchmarsch der Taliban auch Jihadistengruppen wie Al-Kaida und IS gestärkt habe – nicht zuletzt deshalb, weil die Taliban Dutzende Gefängnisse geöffnet haben. Es zeichne sich ein Szenario wie in Libyen ab, „wo wir eine total chaotische, unkontrollierte Situation“ haben, meinte der Terrorismus-Experte Peter Neumann gestern im Ö1-Mittagsjournal.

Wohl auch deshalb versuchen die Taliban derzeit, ihre Regierung breiter aufzustellen. Im Hintergrund laufen Gespräche u. a. mit Ex-Präsident Hamid Karsai sowie den Ex-Premiers Abdullah Abdullah und Gulbuddin Hekmatyar, wie die New York Times berichtete. Ein Deal mit den einstigen Gegnern solle den Taliban dabei helfen, Afghanistan zu kontrollieren und ihren internationalen Paria-Status loszuwerden, hieß es.


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