Kabul nach dem Terroranschlag: Die Angst vor der schwarzen Fahne

In dem Chaos und den tiefgreifenden Umwälzungen in Afghanistan in den vergangenen Wochen war die Terrormiliz Islamischer Staat fast in Vergessenheit geraten. Menschen in Kabul sprachen am Tag nach dem verheerenden Anschlag von der schlimmsten Zeit ihres Lebens.

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Der Anschlag am Flughafen in Kabul am Donnerstag forderte an die hundert Todesopfer.
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Von Veronika Eschbacher, dpa

Kabul – An vielen Orten in Afghanistans Hauptstadt Kabul hängen sie noch, die schwarz-rot-grünen Nationalflaggen. An den Fahnenmasten der sogenannten 40-Meter-Straße etwa, erzählt der Teppichhändler Jama am Telefon. Seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban wichen sie allerdings vermehrt der weißen Fahne der Islamisten - und die wenigsten Menschen hätten sich bereits daran gewöhnt. Doch nun, nach dem verheerenden Anschlag am Flughafen Kabul mit Dutzenden, ja vielleicht mehr als 100 Toten, gehe eine neue Angst in der Stadt um. „Was, wenn wir morgen aufwachen und die schwarze Fahne des Islamischen Staats weht über unserer Stadt?“

In den vergangenen Wochen, in denen die Taliban einen Bezirk nach dem anderen eroberten, danach eine Provinzhauptstadt nach der anderen, der Präsident türmte und die Islamisten schließlich auch Kabul einnahmen, hatten die meisten Afghanen den IS fast vergessen. Der letzte große Anschlag, den die Terrormiliz Islamischer Staat in Afghanistan für sich reklamierte - im Mai nahe einer Mädchenschule - schien eine Ewigkeit zurückzuliegen. Doch die Bilder des Blutbades an dem Wassergraben vor dem Flughafengate am Donnerstag riefen die Gräueltaten dieser Extremisten schockartig wieder in Erinnerung.

Angst vor Taliban und dem IS

Mit den Worten „Leere“ oder „schlimmste Zeit meines Lebens“ beschreiben Bewohner die Stimmung in Kabul. Jama sagt, keiner, der am Freitag nicht für dringende Erledigungen aus dem Haus musste, setze einen Schritt vor die Tür. Viele fürchteten sich vor den Taliban, die sie weiter nicht wirklich einschätzen könnten. Die Angst vor dem IS aber sei viel größer.

Die Terrormiliz war erstmals Anfang 2015 in Afghanistan aufgetaucht. Seitdem will sie dort sowie auf pakistanischem Gebiet eine „Provinz“ namens IS-Khorasan etablieren. Sie konnte sich vor allem im Osten des Landes eine Zeitlang in mehreren Gebieten festsetzen. Die USA, die afghanische Armee und die Taliban bekämpften sie von Anfang an. In Kabul griffen ihre Kämpfer immer wieder vor allem sogenannte weiche Ziele an - wenig gesicherte Einrichtungen wie Bildungszentren oder auch Sportklubs, bevorzugt in schiitischen Gebieten der Stadt.

Während der Islamische Staat vergleichsweise schnell den Anschlag am Flughafen für sich reklamierte, diskutierten am Freitag Menschen in Kabul, wer dafür verantwortlich sei, dass es zu einer derartigen Tragödie kommen konnte. Manche gaben die Schuld für den Anschlag jenen, die aus dem Land flüchten wollten. Andere beschuldigten den Westen, weil sie ihnen die Flucht ermöglichten. Und wieder andere sahen die Verantwortung bei den Taliban, die während ihres Eroberungszuges mutmaßlich versehentlich auch IS-Mitglieder aus den Gefängnissen entließen und den Flughafen nicht gut genug absicherten.

Taliban-Kontrollen sehr ungenau

Der Teppichhändler Jama erzählt, in den vergangenen Tagen hätten die Taliban viele Kontrollposten in der Stadt wieder aufgelassen. Ohnehin hätten sie sich seit ihrer Ankunft zumeist zurückgehalten und bei Kontrollen nur gefragt, woher man komme und wohin man fahre. Wer er sei, ob er Dokumente habe oder etwa Waffen, danach sei er nie gefragt worden.

Am Freitag teilten Pro-Taliban-Nutzer in sozialen Medien eiligst Videos und Bilder, die wohl den Anschein erwecken sollten, dass die Islamisten in der Stadt viele Sicherheitskontrollen durchführten. Auch drei Männer, angeblich Mitarbeiter des afghanischen Geheimdienstes NDS, seien verhaftet worden, hieß es. Sie hätten sich als Taliban-Mitglieder ausgegeben und seien „an der sich verschlechternden Rechts- und Ordnungslage“ in der Stadt Kabul beteiligt, schrieb einer der Taliban-Sprecher auf Twitter.

Konkurrenzkampf zwischen Taliban und IS

Ob die Taliban bereits über genügend Informationen in Kabul verfügen, um gezielt nach IS-Zellen zu suchen, blieb unklar. Bislang gibt es vor allem Berichte, dass sie Häuser von ehemaligen Regierungsangestellten und Sicherheitskräften durchsuchten, manche auch mehrmals. Man kann den Taliban aber nicht vorwerfen, dass sie den IS in der Vergangenheit nicht bekämpft hätten.

„Die Taliban und der IS waren Konkurrenten um die Dominanz im Kampf gegen die von ihnen als Okkupation betrachtete US-Präsenz in Afghanistan“, sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Die Taliban hätten den IS dabei „brutal“ marginalisiert. Er habe sich aber offenbar trotzdem die Fähigkeit bewahrt, aus dem Untergrund Anschläge durchzuführen.

Zuletzt berichteten die UN, im ersten Halbjahr seien die zivilen Opfer durch IS-Angriffe in Afghanistan um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. 124 Menschen seien dabei getötet und 315 verletzt worden, darunter etwa Impfhelferinnen oder Minenräumer.

Durch die brutale Marginalisierung, sagt Ruttig, habe der IS mit den Taliban eine Rechnung offen. Strategisch spiele der IS aber keine Rolle mehr, und es sei zu bezweifeln, dass das auf absehbare Zeit wieder der Fall werden könnte. Der IS habe seine lokale territoriale Basis in den salafistischen Gemeinden im Osten des Landes verloren.

Dort habe er erst Unterstützung gegen die Taliban erhalten - doch später seien ihm die Anhänger abhanden gekommen. Sie seien von seiner brutalen Herrschaft mit Zwangsverheiratungen und Hinrichtungen von Stammesältesten so abgestoßen gewesen, dass sie 2019 die Taliban gegen den IS zur Hilfe gerufen hätten.

Wie die Taliban im Land künftig für Sicherheit sorgen wollen, ob sie wie versprochen tatsächlich andere politische Kräfte in ihre Regierung nehmen wollen, ist weiter weitgehend unklar. Die Führung lässt sich weiter kaum blicken. Zur Regierungsbildung sagte Taliban Vize-Chef Mullah Jakub diese Woche, es seien ernsthafte Beratungen im Gange. Die Verzögerung liege daran, dass man sehr präzise sein wolle.


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