Farce in Belgien: Verstappen Sieger ohne echtes Rennen

Nach einer Startverzögerung von mehr als drei Stunden wegen starken Regens wurden am Abend nur zwei Rennrunden hinter dem Safety Car abgespult, um ein Ergebnis in die Wertung zu bringen. Verstappen gewann und sackte dafür halbe WM-Punkte ein. Das Rennen dürfte noch für Diskussionen sorgen.

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Sieg hinter dem Safety Car: Max Verstappen.
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Spa-Francorchamps – Red-Bull-Pilot Max Verstappen hat am Sonntag einen kuriosen Grand Prix von Belgien gewonnen und dafür halbe WM-Punkte eingesackt. Das Rennen, das eigentlich gar keines war, wird allerdings noch für einige Diskussionen sorgen. Nach einer Startverzögerung von mehr als drei Stunden wegen anhaltend starken Regens wurden am Abend vor Einbruch der Dunkelheit nur zwei Runden hinter dem Safety Car abgespult, um ein Ergebnis in die Wertung zu bringen.

Verstappen wurde in Spa-Francorchamps vor Williams-Überraschungsmann George Russell und Serienweltmeister Lewis Hamilton im Mercedes zum Sieger erklärt – das genaue Resultat des Qualifyings vom Vortag. In der WM-Wertung verkürzte der Niederländer, der erstmals in seinem Geburtsland Belgien gewann, seinen Rückstand auf Spitzenreiter Hamilton nach 12 von 22 geplanten Saisonrennen um fünf Zähler auf drei Punkte.

Mit zwei Runden bzw. 14 Kilometern war es das bisher kürzeste Rennen der Formel-1-Geschichte. Erstmals seit Malaysia 2009, als sintflutartiger Regen kurz nach Rennhälfte für einen Abbruch gesorgt hatte, wurden halbe Punkte vergeben. Für volle Zähler hätten mindestens 75 Prozent der ursprünglichen GP-Distanz von 308 km zurückgelegt werden müssen. Das war im Verlauf des langen Nachmittages in den belgischen Ardennen immer unrealistischer geworden.

Start mit drei Stunden Verspätung

Der ursprüngliche Rennstart war für 15.00 Uhr angesetzt. Eigentlich ist im F1-Reglement vorgeschrieben, dass eine Veranstaltung danach nicht länger als drei Stunden dauern darf. Diese Regel wurde aber wegen „höherer Gewalt“ außer Kraft gesetzt. Die Uhr wurde eine Stunde vor ihrem Ablauf gestoppt. Das ermöglichte um 18.17 Uhr einen Start aus der Boxengasse.

Ein kompetitives Rennen gab es vor 75.000 zum Großteil völlig durchnässten Zuschauern aber nicht zu sehen. Nach zwei Runden, die für die Wertung mit halben Punkten das Mindestmaß sind, wurde erneut die Rote Flagge gezeigt. Das war schon beim ersten Startversuch hinter dem Safety Car um 15.25 Uhr der Fall gewesen. Das erste Startprozedere wurde abgebrochen, noch bevor das Rennen offiziell begonnen hatte. Für die Piloten ging es für fast drei Stunden zurück an die Box.

Anhaltender Regen und nur 13 Grad: Das Rennen war für Teams wie Zuschauer eine Herausforderung.
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Anhaltender Regen und lediglich 13 Grad Celsius in den belgischen Ardennen stellten Teams wie Zuschauer vor Herausforderungen. Die Boxencrews vertrieben sich die Zeit mit Teetrinken und Kartenspielen, die Streckenposten mit Boccia ins Kiesbett. Unterdessen versuchten die Organisatoren die Strecke sogar mit dem Kehrwagen fahrtauglich zu machen – am Ende nur mit bedingtem Erfolg.

Verstappen klatschte nach dem endgültigen Abbruch mit seinem Team ab. Am Ende gab es auch die niederländische Hymne zu hören. „Es ist ein Sieg, aber so willst du ihn eigentlich nicht“, sagte der 23-Jährige. „Im Nachhinein war die Pole Position sehr wichtig. Es ist aber natürlich schade, dass wir hier keine Rennrunden drehen konnten.“ Die Fahrerstrecke in Spa gilt als sein Lieblingskurs.

Wolff: „Das hätten wir uns eigentlich sparen können“

In der WM-Wertung schob sich der Red-Bull-Herausforderer allerdings wieder ein Stück näher an Hamilton heran. Ein Umstand, der Mercedes-Teamchef Toto Wolff etwas sauer aufstieß. „Die halben Punkte sind ärgerlich, aber so ist das Reglement“, erklärte der Wiener im ORF. „Das Prozedere hinter dem Safety Car hätten wir uns eigentlich sparen können.“

Wirklich fahrbar war die Strecke nämlich auch aus Sicht von Hamilton den ganzen Tag über nicht gewesen. „Man sieht keine fünf Meter aus dem Auto nach vorne. Man hat nicht einmal mehr die Rücklichter gesehen“, schilderte der siebenfache Weltmeister. „Es waren nicht die Bedingungen, dass man hier ein Rennen hätte starten können. Die Leute da draußen tun mir echt leid. Sie waren unglaublich.“

Auch Russell, der nächstes Jahr Hamiltons Teamkollege bei Mercedes sein dürfte, bedauerte nach dem ersten Podestplatz seiner F1-Karriere die Fans, die so lange an der Strecke ausgeharrt hatten. Mehr Action schien aber zu gefährlich – insbesondere durch Passagen wie Eau Rouge, die schon im Trockenen zu den gefährlichsten im Rennkalender zählen. Wolff: „Wenn du da im Blindflug unterwegs bist, gibt es da oben vielleicht noch ein Ping-Pong und am Ende tut sich noch jemand weh.“

Im Qualifying am Samstag war Lando Norris in Eau Rouge abgeflogen und hatte seinen McLaren völlig zerstört. Der Engländer blieb bis auf eine Ellbogenprellung unverletzt und wurde im Rennen als 14. gewertet. Auf den ersten acht Plätzen landeten Fahrer aus acht verschiedenen Teams. Vierter wurde Norris‘ Teamkollege Daniel Ricciardo, Fünfter Ex-Weltmeister Sebastian Vettel im Aston Martin. Valtteri Bottas, den Russell 2022 bei Mercedes ablösen dürfte, kam nicht über Rang zwölf hinaus.

Verstappen gewann erstmals in seinem Geburtsland Belgien.
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Keine WM-Punkte holte auch Sergio Perez im zweiten Red Bull. Der Mexikaner war auf dem Weg zur Startaufstellung in die Streckenbegrenzung gekracht und hatte sich die rechte Vorderradaufhängung zerstört. Bis zum ersten Startversuch wäre es sich nicht ausgegangen, beim zweiten konnte Perez nach einigen Diskussionen mit der Rennleitung, ob dies überhaupt erlaubt sei, antreten. „Eine unglaubliche Leistung unserer Mechaniker“, meinte Red Bulls Motorsportchef Helmut Marko. Die Bedingungen bezeichnete der Steirer im ORF als „grenzwertig“. Er sagte aber auch: „Das sind hoch bezahlte Profis, die besten Fahrer der Welt.“

Das erste Rennen nach der vierwöchigen Sommerpause der Formel 1 auf Montag zu verschieben stand nie wirklich zur Diskussion. Die Logistik wäre laut Marko nicht das Problem gewesen, geht der nächste Grand Prix doch bereits nächsten Sonntag in Zandvoort in den Niederlanden über die Bühne. Offenbar spielten aber auch kommerzielle Interessen der Rechteinhaber eine Rolle, das Rennen nicht an einen Wochentag zu verlegen. (APA)

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