„Westen zur Rolle des Beobachters verurteilt": Presse zu Afghanistan

Die Lage in Afghanistan ist katastrophal. Die USA lecken nach dem tödlichen Anschlag ihre Wunden, indes gehen Evakuierungen weiter. In Europa zieht indes ein Egoismus auf, was die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft, schreibt die internationale Presse – auch mit Blick auf Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz.

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US-Präsident Joe Biden mit seiner Ehefrau Jill, als die Särge der in Kabul bei einem IS-Anschlag getöteten US-Soldaten ausgeladen werden.
© imago/White House/Schultz

Kabul – Über die Rolle der USA in Afghanistan und über mögliche Perspektiven nach der Machtübernahme der Taliban schreiben Zeitungen am Montag:

El País (Madrid):

„Die Versuchung, die Grenzen völlig abzuschirmen, ist inzwischen mehr als das: In Ländern wie Griechenland werden bereits Zäune hochgezogen. Das ist aber nicht das einzige, was derzeit wächst. Auch ein Egoismus, der mit der besten europäischen Tradition unvereinbar ist, nimmt zu. (Der französische Präsident) Emmanuel Macron hat eine frühe und sehr besorgniserregende Einschätzung abgegeben und die Flüchtlinge als Bedrohung bezeichnet. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz war noch egoistischer und radikaler: In seinem Land gebe es für niemanden mehr Platz, behauptete er. Angela Merkel zeigte sich dagegen bereit, den Mitarbeitern der internationalen Truppen und Organisationen Asyl zu gewähren. Das ist der Anfang des korrekten Weges. Die EU kann und darf nicht ganze Familien im Stich lassen, die aus Afghanistan fliehen, weil sie jahrelang den Aufbau eines Systems von Werten, Rechten und Freiheiten nach westlichen Standards unterstützt haben."

Neue Zürcher Zeitung:

„Wohlwissend, dass die westlichen Staaten auf die Rechte der Frauen und Mädchen pochen, ließ ein Taliban-Kommandant sich nach der Machtübernahme von einer Journalistin interviewen. Die Bilder wurden verbreitet, während gleichzeitig Berichte auftauchten, wonach afghanischen TV-Moderatorinnen der Zugang zu ihren Arbeitsplätzen verweigert wird.

Wie aus einem Leitfaden für die Beantragung westlicher Hilfsgelder klang der Satz, den der Taliban-Sprecher Sabihullah Mujahid an einer ersten Pressekonferenz nach der Machtübernahme sagte: 'Wir wollen auch, dass Frauen arbeiten: Bei der Polizei, im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen, wir brauchen die Frauen dort, denn sie sind Teil unserer Gesellschaft.'

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Politikerinnen, Richterinnen, Journalistinnen, Frauenrechtlerinnen und all jene, die zur Zielscheibe von Taliban-Anschlägen geworden sind, dürften Mühe haben, dies zu glauben. Zumal die Taliban einschränken, dass dies nur gelte, solange das Verhalten der Frauen mit dem Islam vereinbar sei – und dessen Auslegung bestimmen sie."

Wedomosti (Moskau):

„Mehrfach hatten die (früheren) Präsidenten George Bush und Barack Obama ein Ende des Feldzugs gegen die Taliban erklärt. Das letzte Mal verkündete das Weiße Haus 2014 lautstark seinen Sieg (...). Doch es zeigte sich, dass die Taliban sieben Jahre nach dem "Sieg" die Kontrolle über einen Großteil Afghanistans zurückerlangt haben. Die Amerikaner haben zwei Möglichkeiten: Sie können sich entweder zurückziehen (was wie eine Niederlage aussähe) oder versuchen, die Taliban noch einmal zu zerschlagen. (...)

Es ist nicht auszuschließen, dass Bidens Regierung im Jähzorn in Afghanistan zuschlägt. Doch weil Vorstellungen sowohl über Ziel als auch über Mittel fehlen, würde ein solcher Angriff die USA in einem Krieg nicht zum Sieg bringen.

Die Amerikaner haben in Afghanistan die Fehler des British Empire wiederholt, dass die anglo-afghanischen Kriege drei Mal verlor. Und der Hauptgrund war nicht militärischer, sondern politischer Natur: Das afghanische Volk hat eine ihm auferzwungene Regierung nicht angenommen und die Amerikaner – wie auch zuvor die Briten – haben die Afghanen nicht überzeugen können, sie anzunehmen."

Lidove noviny (Prag):

„Für die weitere Entwicklung der Sicherheitslage in Afghanistan wird entscheidend sein, ob die Taliban die Terroristen auf ihrem Gebiet langfristig in Schach halten können. Der Westen ist zur Rolle des Beobachters verurteilt. Falls das Land nicht zu einer Basis für den internationalen Terrorismus werden sollte, wird niemand eine neuerliche Militärintervention wagen. Zudem haben unsere Fehler und Fehleinschätzungen dazu geführt, dass den Taliban ein riesiges Arsenal an moderner Ausrüstung in die Hände gefallen ist. Wer würde den Kampf mit einem Gegner aufnehmen wollen, der über Militärtechnik auf vergleichbarem Niveau verfügt?"


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