Anri Sala in Bregenz: Kratzen, wo es nicht juckt

Der Albaner Anri Sala transformiert das Bregenzer Kunsthaus mit der Installation „If and Only If“ von 2018 in ein klingendes Hybrid.

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Anri Salas Installation „If and Only If“ von 2018 im Bregenzer Kunsthaus.
© Anri Sala, Bildrecht Wien 2021/Markus Tretter

Von Edith Schlocker

Bregenz – „In meinen Augen sollte das Schaffen von Kunst eine Möglichkeit sein, dort zu kratzen, wo es nicht juckt“, sagt der albanische Künstler Anri Sala. Wie der 47-Jährige, der heute in Berlin lebt, das Kunsthaus bespielt, „juckt“ allerdings wohl jeden, der sein hier zelebriertes, gesamtkunstwerklich zwischen pompöser Opulenz und visuellem Minimalismus lavierendes Happening in vier Kapiteln erlebt. Raffiniert konterkariert durch feine Überarbeitungen kleinformatiger Radierungen von Landkarten des 18. Jahrhunderts. Deren Umrisse durch Salas Hand zu denen dort heimischer Tiere werden.

Um Transformation einer anderen Art geht es aber auch in der Installation „All of a Tremble“, in der anhand einer historischen Walze die Formbarkeit von Materie mit der Materialität von Tönen rätselhaft in Beziehung gesetzt wird. Einfacher macht es Sala dem Besucher mit seiner knapp zehnminütigen Videoinstallation „If and Only If“ ein Geschoß höher. Wo man fasziniert beobachtet, wie eine Weinbergschnecke unbeirrt in ihrem Tempo den Bogen einer Bratsche während des Spiels von Strawinskys „Elegie für Viola Solo“ bekriecht. Zelebriert als schräger Pas de deux zweier sehr ungleicher, die „normale“ musikalische Aufführungspraxis reizvoll auf den Haufen werfender Partner.

Das zweite Obergeschoß wird dagegen zum Sockel für das dritte, wo per computergesteuerter Videoinstallation ein altertümlicher Plattenspieler in den Weltraum gebeamt wird, um von hier aus zu Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ von 1940 zu beobachten, wie auf der Erde die Sonne auf- bzw. untergeht. Das alles scheint, ohne jede menschliche Präsenz zu passieren, in einem luftleeren, von der Schwerkraft befreiten Raum, in dem der Tonarm des Plattenspielers zum „Dirigenten“ eines Stücks Musik wird, das während Messiaens Gefangenschaft in einem deutschen Lager entstanden und 1941 vor Mitgefangenen und deren Aufsehern uraufgeführt worden ist.

Zeitgleich dazu läuft einen Stock tiefer die Installation „Day Still Night Again“. Wo im Rhythmus der Musik die Wände scheinbar durchlässig zu werden beginnen. Ist die Musik leise, werden sie unscharf, wird sie lauter, werden sie zunehmend scharf.

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz; bis 10. Oktober, Di–So 10–18 Uhr


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