Der Auwald am Brennerleweg wurde gerodet

Ein Geschieberückhaltebecken war über die vergangenen Jahrzehnte zugewachsen und musste nun ausgeräumt werden. Naturschützer wünschen sich einen sorgsameren Umgang.

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Dicht bewaldet und voll mit Sträuchern präsentierte sich dieses Ablagerungsbecken bis zur Rodung.
© Blassnig

Von Christoph Blassnig

Lienz – Unser Überleben steht oder fällt in Zeiten des mittlerweile immer rascher voranschreitenden Klimawandels tatsächlich mit den Bäumen – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Das sagt Renate Hölzl, Ökologin und Obfrau des Vereines Osttirol Natur. Angesichts von umfangreichen Rodungen, welche die Stadtgemeinde Lienz kürzlich im Bereich Brennerleweg vorgenommen hat, richtet der Naturschutzverein einen eindringlichen Appell sowohl an die Bevölkerung als auch an die Verantwortlichen: „Bitte bei zukünftigen Maßnahmen keine weiteren Altbäume oder Altbaumbestände im Nahbereich von Wohngebieten mehr fällen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist und die Sachlage von Experten zuvor auf Alternativen geprüft werden konnte.“

Vereinsmitglieder würden sich jederzeit als Berater und Vermittler einbringen. „Experten haben wir in Osttirol genug, man muss ihnen nur Gehör schenken.“ Am Brennerleweg sei zuletzt ein Auwald und Naherholungsgebiet dem Erdboden gleichgemacht worden, zeigt sich Hölzl enttäuscht. „Das hätte nach unserer Einschätzung vermutlich nicht in diesem Umfang sein müssen.“

Der Grafenbach sammelt Quell- und Oberflächenwässer von den Hängen unterhalb des Zettersfeldes und kann vom Rinnsal zur Bedrohung für Siedlungen anwachsen. Nach Murgängen im Jahr 1882, weiteren in den Jahren 1920 bis 1929, 1961 sowie 1966 hat man am Bachlauf umfangreiche Regulierungen vorgenommen. Allein seit dem Jahr 1970 sind Schutzbauten für die Gemeinden Gaimberg und Lienz um 3,4 Millionen Euro errichtet worden. Im Oberlauf hat man aufgeforstet und die Hänge entwässert, eine Sperrenstaffelung im Mittellauf soll die Entstehung von katastrophalen Murgängen verhindern. Ufer- und Einfangdämme sollen Wasser und Geschiebe im Notfall zumindest von den Siedlungen fernhalten. Zentrales Element auf dem Gemeindegebiet von Lienz ist ein Geschiebeablagerungsbecken direkt oberhalb einer Befestigungsmauer am Brennerleweg. Rund 8000 Quadratmeter groß ist dieses Becken. Allerdings war der Bereich über die vergangenen Jahrzehnte stark zugewachsen. Dichte Sträucher und sogar Bäume mit einem Stammdurchmesser von einem halben Meter ließen im sumpfigen Boden einen kleinen Auwald entstehen. Der eigentliche Zweck der Anlage war kaum noch zu erkennen.

„Die Bedrohung für die Siedlungen am Brennerleweg ist nicht akut, aber jedenfalls gegeben. Wir mussten jetzt in Abstimmung mit der Lawinen- und Wildbachverbauung das Becken ausräumen“, erklärt Martin König, Abteilungsleiter im Forst- und Gartenamt der Stadt, den Grund für die umfangreichen Rodungen. Nicht nur im Becken selbst, sondern im Bachlauf nach Norden sind Tausende Quadratmeter Fläche von Pflanzen befreit worden. Bisher habe man in den Bewuchs vielleicht etwas zu zögerlich eingegriffen, räumt König ein. Die Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) werde aus dem Ablagerungsbecken auch noch verbliebene Wurzelstöcke entfernen.

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Hanspeter Pussnig von der Wildbach erläutert, dass die großen Regenmengen im vergangenen Juli einen Hang im Mittellauf des Grafenbaches in Bewegung gesetzt hatten. „Über zusätzliche Entwässerungen konnten wir die Bewegung nach drei bis vier Wochen beinahe stoppen. Starke und andauernde Niederschläge könnten den Hang aber wieder gefährlich werden lassen. Dieses zusätzliche Geschiebe birgt eine Gefahr.“ Auch die Sperren im Mittellauf und oberhalb der Egger-Brücke in Gaimberg würden regelmäßig ausgeräumt, um im Bedarfsfall ihre Funktion erfüllen zu können.

Renate Hölzl hat sowohl mit Hanspeter Pussnig als auch mit Martin König bereits gesprochen. Für morgen hat die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik alle Beteiligten zu einem Treffen geladen. Denn Hölzl bleibt – „bei allem Verständnis für die Sicherheit der Bevölkerung und die Funktion eines solchen Bauwerkes“ – bei ihrer grundsätzlichen Kritik: „Wäre es nicht möglich gewesen zu warten und die Pflegemaßnahmen erst im Herbst durchzuführen, wenn die Bäume ihr Laub verlieren? Wäre es nicht möglich gewesen, die Pflegemaßnahmen schrittweise durchzuführen und zumindest einige der großen Bäume stehen zu lassen? Inwieweit hätten auch die großen Bäume dazu beitragen können, Schwemmmaterial aufzuhalten?“

Eine der wichtigsten Maßnahmen für den Klimaschutz sei es künftig, Grünraum, insbesondere Bäume und Wälder, zu erhalten. Hölzl: „Wir können nicht alle anderen Länder zum Umdenken bewegen, aber wir können in unserem Verantwortungsbereich Vorbild sein.“


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