Arbeitslosigkeit sinkt: Im August noch 347.312 Österreicher ohne Job

Österreichweit sind die Arbeitslosenzahlen weiter gesunken. Im Gegensatz zum Vormonat gab es im August 75.598 Menschen weniger ohne Beschäftigung. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen schnellte jedoch in die Höhe. Eine Arbeitsmarktreform möchte Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) bis Dezember diskutieren.

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Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP).
© APA/Fohringer

Wien – Die Arbeitslosenzahlen sind weiterhin rückläufig, im August waren 347.312 Personen auf Jobsuche, das sind um 75.598 Personen weniger als im Vorjahresmonat. Rechnet man die Arbeitssuchenden in Schulung weg, so sind derzeit 286.277 Personen arbeitslos gemeldet, ein Minus von 23 Prozent, wobei der Rückgang bei den Frauen etwas geringer war als bei den Männern. Das größte Minus verzeichnete Salzburg mit 32,5 Prozent, Schlusslichter sind Vorarlberg und Wien mit minus 20 Prozent.

Schlechte Nachrichten gibt es im Bereich Langzeitarbeitslosigkeit: Die Zahl jener, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind, schnellte um 14,4 Prozent auf 75.014 Personen hoch, das sind um 9467 Menschen mehr als vor einem Jahr.

Bei den In- wie Ausländern hielt sich der Rückgang die Waage (minus 22,5 bzw. 24,1 Prozent), nach Schulabschluss aufgeschlüsselt sinken die Rückgänge mit steigender Ausbildung. Nach Altersklassen dürfen sich die Jungen über den stärksten Rückgang im Jahresvergleich freuen (minus 31,7 Prozent), bei 25 bis 49 Jahren waren es 24,7 Prozent, bei den Älteren nur 16,7 Prozent. Auffällig ist auch das vergleichsweise geringe Minus bei Menschen mit Behinderung (minus 9,3 Prozent).

Gastronomie nimmt wieder Schwung auf

Ein Blick auf die einzelnen Branchen zeigt: Die Gastronomie und Hotellerie hat wieder Schwung aufgenommen, hier gab es den stärksten Rückgang bei den gemeldeten Arbeitslosen (41,3 Prozent), gefolgt von Verkehr und Logistik (29,8 Prozent). Im Gesundheits- und Sozialwesen gab es hingegen nur einen Rückgang von 5,7 Prozent.

Ein deutliches Plus gibt es bei den Schulungsteilnehmern, deren Zahl erhöhte sich um 10.018 auf 61.035. Hier sticht Tirol mit einem Zuwachs von 37,8 Prozent hervor. Die Arbeitslosenquote nach nationaler Berechnung liegt aktuell bei 6,9 Prozent (minus zwei Prozentpunkte gegenüber August 2020). Die Zahl der unselbstständig Beschäftigten erhöhte sich um zwei Prozent auf 3,869 Millionen Arbeitskräfte.

Niedrigste Arbeitslosenrate in Tirol

Im Bundesländervergleich hat Tirol mit 3,6 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote. Gegenüber dem August des Vorjahres sind rund 5000 Personen weniger arbeitslos. "Insbesondere die Entwicklung im Tourismus, wo die Arbeitslosigkeit bereits wieder auf das Vorkrisenniveau gesunken ist, lässt uns für die kommenden Monate zuversichtlich sein", freut sich LH Günther Platter (ÖVP) über die Entwicklung. Weitere Maßnahmen zur Senkung der verbleibenden 13.183 Arbeitslosen – besonders der Langzeitarbeitslosen – sollen gesetzt werden.

Arbeitslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) kündigte für die nächsten Wochen einen Kampagnenschwerpunkt über Angebote der Arbeitsmarktförderung an: "Vom Bildungsgeld-Update über Ausbildungsbeihilfen bis hin zum Weiterbildungsbonus gibt es zahlreiche finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für all jene, die eine Umschulung oder Aus- bzw. Weiterbildung machen möchten.“

📽️ Video | Arbeitslosigkeit sinkt weiter: Kocher plant Reformpaket

"Der Arbeitsmarkt hat sich über den Sommer hinweg weitestgehend erholt. Mit nur mehr 7000 Arbeitslosen mehr als 2019 und aktuell unter 50.000 Anmeldungen zur Kurzarbeit ist mittlerweile fast das Vorkrisenniveau am Arbeitsmarkt erreicht", so Arbeitsminister Martin Kocher heute bei der Präsentation der Arbeitslosenzahlen. Die Arbeitslosigkeit liegte nur noch bei rund 7000 Personen über dem Vorkrisenniveau von 2019 und bereits im langjährigen Schnitt. "Im Juli lag die Arbeitslosigkeit noch um 10.900 Personen über dem Niveau von 2019", rechnete Kocher vor.

Die Anmeldungen zur Kurzarbeit würden derzeit bei 49.935 Menschen liegen und damit weit unter den ursprünglichen Erwartungen. Zudem liege die Zahl der offenen Stellen auf einem Rekordniveau. Derzeit würden rund 114.000 offene Stellen verzeichnet, mit Lehrstellen sogar über 123.000.

Arbeitslosigkeit in Eurozone und EU im Juli zurückgegangen

Brüssel – In der Eurozone und der Europäischen Union ist die Arbeitslosigkeit im Juli im Vergleich zum Vormonat um jeweils 0,2 Prozentpunkte zurückgegangen. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone lag damit in dem Sommermonat bei 7,6 Prozent und in der EU bei 6,9 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat am Mittwoch mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ging in der Eurozone die Arbeitslosigkeit um 0,8 Prozentpunkte und in der EU um 0,7 Prozentpunkte zurück.

Im Juli waren in der EU 14,613 Millionen Menschen arbeitslos, davon 12,334 Millionen im Euroraum. Gegenüber Juni sank die Zahl in der EU um 430.000 und in der Eurozone um 350.000. Im Vergleich zum Vorjahresmonat wurde in der EU ein Minus bei den arbeitslosen Personen von 1,521 Millionen und in der Eurozone um 1,336 Millionen verzeichnet.

Einen deutlicheren Rückgang gab es bei der Jugendarbeitslosigkeit. Im Juli sank die Anzahl der arbeitslosen Personen unter 25 Jahren sowohl in der EU als auch in der Eurozone im Vergleich zum Vormonat um 0,7 Prozentpunkte auf 16,2 Prozent bzw. 16,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahresmonat ging die Zahl in der EU um 420.000 und in der Eurozone um 360.000 zurück.

Bei den Frauen lag die Arbeitslosenquote im Juli in der EU bei 7,3 Prozent, ein Rückgang gegenüber 7,5 Prozent im Juni. Die Arbeitslosenquote für Männer verzeichnete ein Minus um 0,2 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent. In der Eurozone sank die Arbeitslosenquote im Vormonatsvergleich bei Frauen um 0,2 Prozentpunkte auf 8,1 Prozent, während bei den Männern die Arbeitslosenquote von 7,3 Prozent auf 7,1 Prozent zurückging.

Die geringste Arbeitslosenquote in der EU verzeichnete nach internationaler Erhebungsmethode erneut Tschechien mit 2,8 Prozent, die höchste Griechenland mit 14,6 Prozent. Österreich lag mit 6,2 Prozent im Mittelfeld. (APA)

Kocher will Arbeitsmarktreform bis Dezember diskutieren

Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) will bis Dezember die anvisierte "Arbeitslosenversicherung Neu" diskutieren. Die Ausarbeitung der Gesetzesänderungen soll nächstes Jahr im ersten Quartal erfolgen, ein Inkrafttreten der Arbeitsmarktreform ist dann noch für 2022 oder dann 2023 geplant. "Das Ziel wäre ein Reformpaket, das gut austariert ist", sagte Kocher am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Eine Abschaffung der Notstandshilfe schloss der Arbeitsminister aus.

Kocher will in den nächsten Monaten einen "Reformdialog" unter anderem zur Höhe der Arbeitslosenversicherung, Zuverdienstmöglichkeiten und Zumutbarkeitsbestimmungen führen. Auf konkret geplante Änderungen wollte sich der Arbeitsminister heute bei der Präsentation der Arbeitslosenzahlen im Bundeskanzleramt nicht festlegen. "Es macht keinen Sinn am Anfang einige Punkte herauszugreifen, ohne den Gesamtkontext zu sehen", sagte Kocher. "Es geht um ein Gesamtpaket." Ein degressives Arbeitslosengeld - zuerst mehr und dann weniger Geld - werde "Teil der Diskussion sein".

Abfuhr von Mückstein für Verschärfungen beim Arbeitlosengeld

Sozialminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hatte in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" (Mittwochsausgabe) Plänen zu Verschärfungen beim Arbeitslosengeld eine Abfuhr erteilt. Mückstein will generell keine Verschlechterungen für Arbeitslose. Ein degressives Modell und Einschränkung des Nebenverdiensts für Arbeitslose kann er sich nicht vorstellen. AMS-Vorstand Johannes Kopf hatte sich kürzlich für eine Abschaffung des Dazuverdienens für Arbeitslose oder zumindest eine massive Einschränkung ausgesprochen.

Derzeit ist für Arbeitslosengeld- und Notstandshilfebezieher eine geringfügige Beschäftigung - maximal 475,86 Euro pro Monat - erlaubt und es erfolgt keine Anrechnung auf das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe. "Eine Reform, kann nicht dazu führen, dass die Armutsgefährdung steigt. Das wäre sicher nicht das Ziel", sagte Kocher am Mittwoch im "Ö1"-Mittagsjournal des ORF-Radio. Bei manchen Arbeitslosen sei die geringfügige Beschäftigung möglicherweise ein Hemmnis einen Vollzeit- oder Teilzeit-Job anzunehmen, bei anderen Gruppen sei es Armutsvermeidung.

Im türkis-grünen Regierungsprogramm ist eine Arbeitsmarktreform nur angedeutet. Im Hinblick auf das Arbeitsmarktservice (AMS) heißt es: "Überprüfung und Überarbeitung der Instrumente im Hinblick auf Effizienz, Beschäftigungsanreize". Die Arbeitsmarktziele seien "auf nachhaltige Senkung der Arbeitslosigkeit zu fokussieren".

Weil die coronabedingt hohen Arbeitslosenzahlen nun deutlich gesunken sind, will Kocher über eine Arbeitsmarktreform diskutieren. "Daher ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einen breiten, fakten-und evidenzbasierten Reformdialog über die Gestaltung der Arbeitslosenversicherung Neu zu starten", sagte der Arbeitsminister. Ziel sei es "im Rahmen eines umfassenden Prozesses ein Modell zu erarbeiten, das die Vermittlung verbessert und gleichzeitig die Einkommen arbeitslos gewordener Personen besser absichert." In den nächsten Monaten will Kocher unter anderem Gespräche mit den Sozialpartnern, Parlamentsparteien, Wissenschaftern und Experten sowie Arbeitslosen führen. Auch die Arbeitslosenversicherung in anderen europäischen Ländern soll genau unter die Lupe genommen werden, etwa in Schweden.

SPÖ-Sozialsprecher Josef Muchitsch forderte eine Pflegeoffensive sowie mehr Engagement gegen Langzeitarbeitslosigkeit und warnte davor, Zuverdienstmöglichkeiten zu streichen. "Ein paar hundert Euro Zuverdienst halten niemanden vom Arbeiten ab. Sie sind aber oft die einzige Möglichkeit - gerade für Menschen mit Handicaps - nicht komplett zu verarmen", so Muchitsch in einer Aussendung. "Die Zuverdienstmöglichkeit zu streichen schafft keinen einzigen Arbeitsplatz. Es ist nur der nächste Schritt in die Armutsfalle." Die FPÖ drängt auf eine Offensive für mehr neue Arbeitsplätze und lehnt Verschärfungen für Arbeitslose ab. "Diese schwarz-grüne Regierung und insbesondere der Arbeitsminister haben die Verpflichtung, die Lebenssituation der arbeitenden Menschen in unserem Land zu verbessern", so FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch. Arbeitnehmer dürften nicht "noch mehr unter Druck" gesetzt werden. ÖVP-Klubobmann und Sozialsprecher August Wöginger und der ÖVP-Wirtschaftsbund begrüßten die anvisierte Reform der Arbeitslosenversicherung.

Die Gewerkschaft will mit Kocher über Reformen am Arbeitsmarkt diskutieren. "Kürzungen wird es mit uns aber sicher keine geben, denn Arbeitslose müssen vor Armut geschützt werden", so ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian. Die Gewerkschafter fordern eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes auf 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Derzeit liegt die Nettoersatzrate ohne Familienzuschläge bei 55 Prozent. Die Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung lobten den geplanten Arbeitsmarkt-"Reformdialog". "Umso wichtiger ist es für den Arbeitsmarkt, dass sich dieser Schwung fortsetzt und nicht durch den zunehmenden Fachkräftemangel gebremst wird", sagte WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf. "Um im Bereich der Arbeitslosigkeit wieder in das europäische Spitzenfeld aufzuschließen - wo wir schon waren -, wird es einer umfassenden Arbeitsmarktreform bedürfen", so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. (APA)


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