„Operation Arche“: Stellte London Tiere über Menschen?

Tagelang rang ein britischer Ex-Soldat darum, die Hunde und Katzen aus seinem Kabuler Tierheim auszufliegen – mit Erfolg: Mit Hilfe des britischen Militärs gelangten die Tiere nach England. Aber zahlreiche afghanische Ortskräfte blieben zurück. Das sorgt für Kritik.

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Die britischen Soldaten haben Afghanistan verlassen. Zahlreiche Menschen, die als Ortskräfte für Großbritannien gearbeitet haben, blieben in Afghanistan zurück.
© SAMANTHA HOLDEN

Von Benedikt von Imhoff, dpa

Kabul – Es war der wohl ungewöhnlichste Rettungsflug aus dem Chaos von Kabul: Mehr als 150 Hunde und Katzen aus dem Tierheim eines britischen Ex-Soldaten brachte eine Chartermaschine in Sicherheit. Doch die Kritik an der „Operation Arche“, die von britischen Soldaten unterstützt wurde, reißt nicht ab. „Großbritannien schätzt Hunde mehr als Afghanen“, kommentierte die Kolumnistin Gaby Hinsliff in der Zeitung The Guardian.

Mehrfach räumte die Regierung ein, dass zahlreiche Menschen, die als Ortskräfte für Großbritannien gearbeitet haben, in Afghanistan zurückbleiben mussten. Auch eine „niedrige dreistellige“ Zahl an Briten befinde sich noch im Land, sagte Außenminister Dominic Raab dem Sender Sky News. Die Tiere aber haben es fast alle geschafft: Am Montag erreichte die „fliegende Arche“ den Londoner Flughafen Heathrow, seitdem befinden sich die Tiere in England in Quarantäne. Allerdings überlebten fünf Katzen den Transport nicht.

Ex-Soldat im Fokus

Im Fokus steht vor allem der britische Ex-Soldat Paul Farthing, genannt Pen. Der 52-Jährige, der einst selbst in Afghanistan im Einsatz war, kehrte nach seinem Austritt aus der Armee 2009 in das Land zurück und baute eine Hilfsorganisationen für Straßentiere auf. Nun kämpfte er tagelang für Tiere und Mitarbeiter um Plätze in einer Rettungsmaschine. In einem Konvoi schafften es alle zum Kabuler Flughafen – doch aufgrund geänderter Bestimmungen wurde die Schar zurückgewiesen. Seine Mitarbeiter hätten ihn gedrängt, alleine einen weiteren Versuch zu unternehmen, sagte Pen der Zeitung Daily Mail. Schließlich hatte er Erfolg.

In Großbritannien ist die Stimmung gespalten. Einige Briten kritisieren die Rettungsaktion, die mit einer privat gemieteten Maschine durchgeführt wurde, als Schande. Doch viele halten Pen für einen Helden. Der Fall spiegelt die teils extreme Tierliebe vieler Briten wider.

Jüngst veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Yougov eine Umfrage, wonach nur knapp die Hälfte der Briten (49 Prozent) der Meinung ist, dass Menschenleben mehr zählen als das von Tieren, und 40 Prozent halten die Leben von Menschen und Tieren für gleich wertvoll. Yougov befragte am 27. August 3.291 Erwachsene in Großbritannien.

Streit um Alpaka Geronimo

Tagelang erregte zuletzt der Streit um das Alpaka Geronimo die Gemüter in Großbritannien. Fast 150.000 Menschen unterzeichneten eine Petition, die Geronimos Überleben forderte – das Tier wurde schließlich aber eingeschläfert, weil es an der tödlichen und ansteckenden Rindertuberkulose erkrankt gewesen sei. Wegen der Corona-Krise ist zudem das Bedürfnis nach tierischen Begleitern deutlich gestiegen: Seit dem Beginn der Pandemie haben sich 3,2 Millionen britische Haushalte ein Haustier zugelegt, wie der Verband der Tierfutterhersteller ermittelt hat.

Alpaka Geronimo sorgte jüngst für erhitzte Gemüter.
© TOLGA AKMEN

Tierschützer Pen weist Kritik an der Kabuler Rettungsmission zurück. Die Tiere seien im Laderaum einer Cargo-Maschine ausgeflogen worden, in dem keine Menschen hätten befördert werden können. Er fühle sich nur schuldig, weil er Menschen zurücklassen musste, sagte Farthing der Daily Mail. Die Schuld dafür gab er den USA, die kurzfristig Bestimmungen geändert hätten.

„Operation Arche“ bleibt brisant

Doch der Fall bleibt auch für die britische Regierung brisant. So änderte etwa Verteidigungsminister Ben Wallace binnen Tagen seine Meinung. Nachdem er zunächst klargemacht hatte, dass ein nur mit Tieren gefülltes Flugzeug den Platz für eine Passagiermaschine wegnehme und die nötigen Dokumente wertvolle Arbeitszeit von Soldaten und Diplomaten kosteten, hatten ihn Tierschützer kritisiert. Schon wird gemunkelt, dass der Befehl zur „Operation Arche“ von ganz oben gekommen sein müsse: von Premierminister Boris Johnson. Dessen Frau Carrie Johnson gilt als engagierte Tierschützerin.


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