440 Schulabmeldungen in Tirol, Faßmann will strengere Regeln

In der Pandemie steigen die Zahlen, in Tirol verdoppeln sie sich. Das Bildungsministerium antwortet mit Beratung und mehr Überprüfungen.

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Lernen in der Schule: Die Zahl jener Eltern, die ihr Kind davon abmelden, ist in der Pandemie gestiegen.
© APA/Schneider

Wien, Innsbruck – Wer sein Kind von der Schule ab- und zum häuslichen Unterricht anmelden will, braucht das nicht zu begründen. „Das ist nur anzeigepflichtig“, sagt der Tiroler Bildungsdirektor Paul Gappmaier. Im kommenden Schuljahr erwartet er einen neuen Höchststand an Kindern, deren Eltern diese Möglichkeit nutzen. Der aktuelle Stand der Anmeldungen liegt bei 440. In den Jahren zuvor waren es jeweils rund 220. Glücklich sind die Bildungsbehörden mit dieser Entwicklung nicht. Sie wollen gegensteuern.

Der Aufwärtstrend ist in ganz Österreich zu beobachten. In Oberösterreich hat sich die Zahl im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie verfünffacht, in Salzburg vervierfacht. Österreichweit werden es in diesem Jahr 5600 oder mehr sein.

Gappmaier will die Sorgen der Eltern ernst nehmen, die zur Abmeldung von der Schule führen. Oft seien es die Pandemie und ihre Folgen, meint er.

Der Bildungsdirektor hält aber auch ganz klar fest: „Das ist nicht das, was wir wollen. Im Gegenteil. Die Kinder und Jugendlichen brauchen ihre sozialen Kontakte und dürfen nicht in Isolation geraten.“

Beratung bei Abmeldungen

Bei künftigen Abmeldungen sollen die Schulqualitätsmanager Beratung anbieten, kündigt Gappmaier an. Er geht davon aus, dass viele Menschen schlicht falsche Vorstellungen hätten: „Der häusliche Unterricht ist ganz anders als das Home-Schooling während der Pandemie.“ Unterstützung durch die Schule und die Klassenlehrerin etwa finde nicht statt, die Eltern müssten den Lehrstoff stattdessen eigenständig mit den Kindern erarbeiten. Eine Externistenprüfung ist Pflicht. Wer diese nicht besteht, muss wieder in eine normale Schule wechseln.

Im Bildungsministerium von ÖVP-Ressortchef Werner Faßmann gibt es Ideen, die weiter gehen. Das Ziel lautet auch hier, die Zahl der Abmeldungen wieder nach unten zu treiben. Künftig soll es schon am Ende des Wintersemesters eine erste Prüfung geben. Außerdem sollen sich die Eltern nicht mehr aussuchen können, an welcher Schule die Prüfungen stattfinden.

Untersagen kann die Behörde den häuslichen Unterricht nur dann, „wenn mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die .... Gleichwertigkeit des Unterrichtes nicht gegeben ist“. In der Praxis ist das schwer, berichtet Bildungsdirektor Gappmaier. Seine Behörde hat es zuletzt in einigen Fällen versucht – und ist vor dem Bundesverwaltungsgericht gescheitert.

Diese Fälle betreffen so genannte „Lerngemeinschaften“. Die Eltern begeben sich damit in eine rechtliche „Grauzone“, sagt der Bildungsdirektor. Bei der Abmeldung vom Schulunterricht müssen die Eltern angeben, wer den Unterricht hält. Meist kommt diese Person aus dem familiären Umfeld. „Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass das auch eine andere Person sein kann.“

Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Uni Wien hält den Weg des Ministeriums für falsch. Auch er findet den häuslichen Unterricht nur gut, weil den Kindern und Jugendlichen das soziale Lernen abgeht.

Das Bildungsministerium wähle aber die „billigere Methode“, kritisierte der Experte gestern im Ö1-Mittagsjournal. Die Frage sei doch vielmehr, warum immer mehr Eltern der Schule nicht mehr vertrauen und was in der Schule schieflaufe.

Ein größeres Problem sieht Hopmann auch in der steigenden Zahl der Schul-Abmeldungen nicht. Denn in der Mehrzahl der Fälle handle es sich um Eltern, die großes Interesse an der Bildung ihrer Kinder haben. (sabl, TT)


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