Deja-vu in Haifa: ÖFB-Teamchef Foda nach Desaster gezeichnet

Abwehrschwächen und mangelnde Effizienz: Das ÖFB-Team kam in Israel mit 2:5 deutlich unter die Räder. Platz eins in der WM-Qualifikationsgruppe rückt damit in weite Ferne. Ein sichtlich gezeichneter Teamchef Franco Foda verzichtete auf öffentliche Kritik seiner Spieler, am System sah er kein Problem.

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Fünf Mal versenkten die Israelis den Ball im Tor von Daniel Bachmann (l.).
© JACK GUEZ

Haifa – Franco Foda hat mit der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft zum zweiten Mal im Sammy Ofer Stadium von Haifa Prügel bezogen. Dem 2:4 im März 2019 folgte am Samstag in der WM-Qualifikation nach einem ähnlichen Spielverlauf ein 2:5, womit die Chance auf Rang eins in Gruppe F und damit das Direkt-Ticket für die Endrunde 2022 in Katar nur noch in der Theorie besteht.

Bei acht Punkten Rückstand auf Dänemark und fünf ausstehenden Partien geht es lediglich um Platz zwei, wie auch der Teamchef eingestehen musste. "Der erste Platz ist leider Gottes in weite Ferne gerückt. Es wird sehr schwierig, so realistisch muss man sein." Im Kampf um den zweiten Rang fehlen derzeit drei Punkte auf Israel und einer auf den kommenden Gegner Schottland. "Deshalb müssen wir am Dienstag unbedingt gewinnen."

Mit einem Auftritt wie gegen die von Ex-ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner betreuten Israelis wird dies aber nicht möglich sein. Die Österreicher leisteten sich in Haifa wie schon vor zweieinhalb Jahren haarsträubende Patzer in der Abwehr und ließen außerdem zahlreiche Topchancen liegen.

Teamchef Foda: "Es lag nicht am System"

Danach wirkte Foda einigermaßen gezeichnet. "Wir waren von Beginn an sehr gut im Spiel, sind aus dem Nichts 0:1 in Rückstand geraten, hatten viele Möglichkeiten, um 2:1 oder 3:1 in Führung zu gehen und haben dann zweimal in der Defensive nicht aufgepasst", erklärte der Deutsche.

Dennoch wäre eine Wende noch möglich gewesen, betonte der 55-Jährige. "Die Mannschaft hat an sich geglaubt, wir waren eigentlich auch dran, das 3:3 zu erzielen. Man hat gespürt, dass wir Übergewicht hatten. Doch genau in dieser Phase haben wir nach einem Fehler im Spielaufbau das 2:4 bekommen und dann war es schwierig, zurückzukommen, obwohl die Mannschaft alles versucht hat."

Mit mehr Konzentration im Abwehrverhalten und beim Torabschluss wäre das Match in eine andere Richtung gelaufen, so Foda. "Aber Wenn und Aber gibt es im Fußball nicht." Seiner Meinung nach gab es für die Niederlage viele Gründe - etwa auch die Ausfälle von Marcel Sabitzer, Stefan Lainer, Sasa Kalajdzic, Xaver Schlager und Julian Baumgartlinger -, die Umstellung auf eine Dreierkette zählte der Coach jedoch nicht dazu. "Es lag nicht am System. Jeder hat gesehen, wie gut wir vor allem in der ersten Hälfte nach vorne gespielt haben."

Interne Fehlersuche

Auf öffentliche Kritik an seinen Spielern verzichtete Foda. "Ich bin verantwortlich für das Team. Es hat jetzt keinen Sinn, Schuldzuweisungen zu machen oder über Qualität zu sprechen. Letztlich bin ich der Trainer, ich habe die Mannschaft einberufen. Alles andere werden wir intern besprechen."

Man könne "über alles diskutieren, doch wir hätten 3:1 führen können, dann läuft das Spiel in eine andere Richtung. Aber wenn man fünf Tore kassiert, hat man etwas nicht richtig gemacht", sagte Foda.

Der Nationalcoach bezeichnete die Partie mit Blick auf jene im März 2019 ebenfalls im Sammy Ofer Stadium als "Deja-vu. Damals waren wir in Führung und hatten nach dem Ausgleich viele Möglichkeiten, und auch damals haben wir nicht gut verteidigt."

Damals gab es auch heftige Kritik von ÖFB-Präsident Leo Windtner, der dem ÖFB-Team "Schülermannschafts-Charakter" attestierte, diesmal aber zumindest vorerst keine öffentlichen Aussagen tätigte. Windtner verabschiedet sich am 17. Oktober, über seinen Nachfolger berät der Wahlausschuss am Montag. Spätestens am kommenden Samstag sollte es ein Ergebnis geben. Als Kandidaten gelten derzeit Ex-Rapid-Präsident Michael Krammer, Ex-Rapid-Präsidentschaftskandidat Roland Schmid und Burgenlands Verbandschef Gerhard Milletich.

ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel hatte bereits im Juli erklärt, dass Foda auch bei einer Teilnahme am WM-Play-off im März 2022 als Teamchef fungiert. Dort wird Österreich unabhängig vom Quali-Abschneiden als Nations-League-Gruppensieger des Vorjahres dabei sein, wenn vier Teams aus dem Quintett Frankreich, Belgien, Italien, Spanien und Wales ihre Quali-Gruppe auf Rang eins oder zwei beenden. Ob in diesem Fall aber wirklich Foda auf der Bank sitzt, wird wohl auch vom neuen ÖFB-Boss und den Resultaten in den letzten fünf Herbst-Länderspielen abhängig sein.

Viel Selbstkritik nach "katastrophalem" Auftritt

Der laut Goalie Daniel Bachmann "katastrophale" Auftritt von Österreich beim 2:5 in Israel hat am Samstag tief enttäuschte ÖFB-Kicker zurückgelassen. Gerade angesichts eines guten Starts und mehrerer Einschussmöglichkeiten konnten David Alaba und Co. die Niederlage im WM-Qualispiel in Haifa nur schwer fassen. "Sehr bitter", urteilte der Kapitän über einen Auftritt, den man nicht zuletzt mit Abwehrschnitzern vergeigte. Gegen Schottland gilt am Dienstag quasi Siegzwang.

Ähnlich wie Teamchef Franco Foda sah Alaba gerade vor der Pause eine prinzipiell gute Leistung seiner Truppe, die mit Xaver Schlager, Julian Baumgartlinger, Stefan Lainer, Sasa Kalajdzic und Marcel Sabitzer namhafte Ausfälle kompensieren musste. "Ich glaube, dass wir in der ersten Halbzeit ein sehr gutes Spiel gemacht haben", meinte der Real-Madrid-Legionär, der im Gegensatz zum 2:0 über Moldau am Mittwoch diesmal wieder von Beginn an spielte. "Wenn man mit 2:5 nach Hause geht und in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft ist, stimmt etwas nicht", war Alaba überzeugt. "Wir müssen eigentlich mit einer Führung in die Halbzeit gehen."

⚽ WM-Qualifikation, Gruppe F

Israel - Österreich 5:2 (3:1)

  • Haifa, Sammy Ofer Stadium, 15.000, SR Zwayer (GER)
  • Tore: 1:0 (5.) Solomon, 2:0 (20.) Dabbur, 3:0 (33.) Zahavi, 3:1 (42.) Baumgartner, 3:2 (55.) Arnautovic, 4:2 (59.) Weissman, 5:2 (90.) Zahavi
  • Israel: Marciano - Dasa, Dgani, Tibi (46. Glazer), Elhamed, Menachem (74. Davidzada) - Bitton, Natcho (57. Abu Fani), Solomon (86. Haziza) - Zahavi, Dabbur (57. Weissman)
  • Österreich: Bachmann - Posch, Dragovic (46. Schaub), Hinteregger - Mwene, Laimer (79. Kainz), Grillitsch (79. Ilsanker), Alaba - Schöpf (68. Demir), Baumgartner (79. Kara) - Arnautovic
  • Gelbe Karten: Weissman, Elhamed, Abu Fani bzw. Bachmann, Grillitsch

Schottland - Moldau 1:0 (1:0)

  • Tor: Dykes (14.)

Färöer - Dänemark 0:1 (0:0)

  • Tor: Wind (85.)
  • Gelb-rote Karte: Jönsen (84./Färöer)

Vorentscheidung nach guter halben Stunde

Manor Solomon (5.), Munas Dabbur (20.) und Eran Zahavi (33.) hatten schon nach einer guten halben Stunde die Vorentscheidung herbeigeführt. Die vom ehemaligen ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner betreuten Israelis profitieren dabei stets von defensiven Schwächen nicht nur individueller Natur. "Hinten machen wir zu viele Fehler defensiv", stellte Alaba klar. "Ich glaube, dass wir in der Konterabsicherung nicht zu 100 Prozent agiert haben", meinte dazu Team-Debütant Philipp Mwene. "Sie haben sich mit zwei, drei Pässen von hinten gelöst und waren dann schon bei uns im Sechzehner. Da haben wir zu viele Zweikämpfe verloren."

Österreich, das gerade in der ersten Hälfte mit viel Pressing immer wieder Ballgewinne verzeichnete, war von Foda diesmal mit Dreierkette aufs Feld geschickt worden. "Das System hat heute keine Rolle gespielt. Wir waren in der ersten Halbzeit besser als in der zweiten, sind besser ins Pressing gekommen. Wir haben aber die Chancen liegen gelassen", sagte Alaba in Sachen Systemfrage. Der große Unterschied sei die Abgebrühtheit vor dem Tor gewesen. "Die Chancenverwertung hat Israel heute viel besser gemacht. Sie haben uns eiskalt bestraft." Man habe mit dem Wechsel in der Pause auf Viererkette "noch etwas probieren wollen", erklärte Alaba, allein habe dies "nicht so gegriffen, wie wir uns das vorgestellt haben".

Bachmann bedauerte nicht nur das frühe Gegentor in der ersten Hälfte, sondern gerade auch das 4:2 durch Ex-WAC-Goalgetter Shon Weissman - nur vier Minuten nach dem Anschlusstreffer von Marko Arnautovic (55.). "In der Pause habe ich gedacht, dass wir mit einem relativ frühen Tor das Spiel noch gewinnen. Das haben wir dann gemacht und dann doch wieder das vierte Gegentor bekommen", meinte Bachmann etwas fassungslos. Ausfälle wollte er als Ausrede nicht gelten lassen: "Unser Kader ist groß und gut genug, um Ausfälle zu kompensieren."

"Wurscht wie schlecht, fünf Tore dürfen wir gegen Israel nicht bekommen"

Selbst wenn er den höchst effizienten Gastgebern, die im Finish durch Zahavi neuerlich trafen, "ein paar Wundertore" attestierte, war Bachmann nach seinem achten A-Teameinsatz höchst verärgert. "Wurscht wie schlecht, fünf Tore dürfen wir gegen Israel nicht bekommen. Es hat einiges gefehlt heute. (...) Wir wissen, dass das katastrophal war", stellte der Watford-Legionär unumwunden fest. Der 27-Jährige erwartete nicht zuletzt medialen Gegenwind. "Wir sind alle Profis, wir wissen jetzt, was aus den Medien in Österreich kommt. Wenn es etwas Gutes zu Schreiben gibt, kommt das ganz, ganz kurz und klein. Und wenn es einmal nicht läuft, dann wird wieder richtig groß geschrieben und geschrien", sagte er - fügte freilich auch an: "Aber das ist okay, wir haben uns das heute nach der Leistung verdient."

Alaba musste gut zwei Monate nach der EM eingestehen, dass man Schritte zurückgemacht hat. "Man ist länger zusammen (bei der EM, Anm.), man bereitet sich auf ein Turnier vor. Wir haben es in den letzten Tagen nicht geschafft, die Atmosphäre aufzubauen, wie wir sie vor ein paar Monaten hatten", gab der zweifache Champions-League-Sieger zur Protokoll. Dennoch übte er sich in Optimismus: "Wir wissen, dass wir enormes Potenzial haben, dass wir erfolgreicher spielen können als heute. Das haben wir schon öfter bewiesen." Auch Bachmann gelobte Besserung: "Wir müssen schauen, dass wir das am Dienstag zurechtrichten und trotzdem noch Zweiter werden."

Nur Rang eins in Gruppe F bedeutet das Ticket für die Endrunde in Katar, der Zweite tritt im Play-off an. Dänemark liegt zur "Halbzeit" mit 15 Punkten vor Israel (10) und Schottland (8) in Front, Österreich ist mit 7 Zählern Vierter. (APA)

Ruttensteiner nach 5:2 euphorisiert: "Unglaublicher Auftritt"

Seinen bisher größten Erfolg als israelischer Teamchef hat Willi Ruttensteiner ausgerechnet gegen die Auswahl seines Heimatlandes gefeiert. Mit dem 5:2 am Samstag im Sammy Ofer Stadium gegen Österreich festigte die Nummer 81 der FIFA-Weltrangliste zur Halbzeit der WM-Qualifikation Rang zwei in Gruppe F und sorgte für einen "großen Tag für den israelischen Fußball", wie der seit Juli 2020 amtierende Oberösterreicher danach zu Protokoll gab.

Beim 4:2 der Israelis gegen das ÖFB-Team vor zweieinhalb Jahren ebenfalls in Haifa hatte Ruttensteiner als Sportchef fungiert. Diesmal durfte er sogar einen noch höheren Sieg bejubeln. "Es war ein unglaublicher Auftritt meiner Mannschaft. Ich hätte mir nie gedacht, dass wir fünf Mal gegen Österreich treffen", gestand der 57-Jährige.

Ruttensteiner arbeitete von 1999 bis zu seinem wenig freundschaftlich verlaufenen Abschied 2017 beim ÖFB, die letzten 16 Jahre davon als Sportdirektor. "Es war sehr emotional. Als die österreichische Hymne gespielt wurde, wollte ich schon mitsingen, aber ich wollte objektiv bleiben und die Emotionen kontrollieren", erzählte Ruttensteiner.

Am Ende durfte der ehemalige österreichische U21-Teamchef seinen Emotionen freien Lauf lassen, war aber auch bemüht, keine allzu überzogenen Erwartungen für die kommenden Partien aufkommen zu lassen. "Es ist nur ein Spiel und es sind nur drei Punkte. Wir müssen von Spiel zu Spiel denken." Am Dienstag geht es auswärts gegen den überlegenen Spitzenreiter Dänemark, der in fünf Partien noch keine Punkte abgegeben und keinen Gegentreffer kassiert hat.

Zumindest mit einem Torerfolg könnte es gegen den EM-Semifinalisten klappen, nimmt man die jüngsten drei Bewerbspartien der Israelis als Maßstab, in denen sie nicht weniger als 13 Tore erzielten. Sechs davon gingen auf das Konto von Samstag-Doppeltorschütze Eran Zahavi, immerhin drei auf jenes von Munas Dabbur.

Dennoch ist der frühere Salzburg-Goalgetter für die israelischen Fans ein Rotes Tuch - der nunmehrige Hoffenheim-Profi wurde am Samstag in Haifa selbst nach seinem Tor zum zwischenzeitlichen 2:0 vom heimischen Publikum bei jeder Ballberührung ausgepfiffen, weil er im vergangenen Frühjahr während der Unruhen auf dem Tempelberg auf Instagram das Koran-Zitat "Gott wird sich an den Sündern rächen" gepostet hatte.

Ruttensteiner sagte Dabbur Unterstützung zu. "Wir halten zusammen, jeder hilft ihm. Wir sind eine Einheit", betonte der Oberösterreicher. Sollte sein Team Rang zwei halten und sich dann im März 2022 auch noch im Play-off durchsetzen, wäre Israel zum insgesamt zweiten Mal bei einer WM. Zuvor nahm man lediglich an der WM 1970 teil, damals wurde das Ticket allerdings noch als Mitglied des asiatischen Kontinentalverbandes gelöst.


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