Theatergruppe FrauenART mit „Der Richtsaal“: „Mahnung für uns alle“

Die Dölsacher Theatergruppe FrauenART widmet dem einzigen Roman des aus Lienz stammenden Autors Gerold Foidl ein Bühnenstück.

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Die Klageschrift im Buch ihres Enkels will die Großmutter nicht hören. Es spielen Martha Klocker, Irmgard Semrajc und Eva Meissl (v. l.).
© Blassnig

Von Christoph Blassnig

Dölsach – Den Kindern stets das Wort verboten, sie mit Niederbrüllen zum Schweigen erzogen, um nach außen hin den Anschein der eigenen Güte und Fürsorglichkeit tragen zu können – nur ein Kind, der Gerold, hatte sich nicht gefügt und wurde seiner Großmutter deshalb zum Feindbild, bis über seinen frühen Tod hinaus. „Mitten durchs Fenster hinaus auf die Straße“ seien falsche Heiligenscheine präsentiert worden, geschehen sei dies alles in einer Kleinstadt wie Lienz. Und wohl nicht nur in der einen Familie, in dem einen Haus, aus dem Gerold Foidl in seinem einzigen veröffentlichten Roman „Der Richtsaal“ so detailliert berichtet, dass die Präzision seiner Worte seinen Schmerz fühlen lässt. Das Wohnzimmer der Großmutter sei der Familie ein gefürchteter Richtsaal gewesen, darum der Titel des mutmaßlich autobiografischen Werkes. In einer Bearbeitung der Autorin Silvia Ebner bringt die Theatergruppe FrauenART Foidls Einblick hinter die Kulissen einer vermeintlich heilen Welt noch zweimal im Kulturhaus Sinnron in Dölsach auf die Kleinkunstbühne.

Gerold Foidl hat als Siebenjähriger die grausamen Massenhinrichtungen der Kosaken an der Drau bei Lienz mitangesehen. Diese Bilder haben den Jungen noch im Erwachsenenalter bis in den Schlaf verfolgt. Mit 14 Jahren wurde das „schwierige Kind“ auf das Betreiben seiner Großmutter hin in eine psychiatrische Anstalt verbracht. Rosenkranz und Schläge, eine Zelle ohne Ecken, der Autor nimmt einen mit. Zehn Jahre später verübte Foidl einen Selbstmordversuch. In tiefster Armut fristete er sein Dasein später in Salzburg, wo er sich dem Schreiben hingab. Alkohol und Nikotin bestimmten sein Leben, bis ihm dieses der Lungenkrebs mit 44 Jahren nahm. Foidl hatte erst ein Jahr zuvor endlich den Eintrag „Schriftsteller“ in seinem Reisepass erhalten, eine Auszeichnung, die ihm so wichtig war, um gegen den Spott der Verwandtschaft wegen seines Berufes bestehen zu können.

„Wir halten Gerold Foidls Andenken in Ehren und lassen zugleich seinen Stellenwert als zeitgenössischer Literat aus Lienz nicht in Vergessenheit geraten“, begründet Silvia Ebner die Entscheidung von FrauenART, Foidls schriftlichen Monolog für die Bühne zu bearbeiten und dem Osttiroler Publikum zu zeigen. Roswitha Selinger führt Regie, Martha Klocker, Regina Mayr, Eva Meissl und Irmgard Semrajc spielen die Rollen. Alfred Fast leiht dem längst Verstorbenen seine Stimme und liest aus dem Off Auszüge aus dem Roman.

Ein regelrechter „Wahrheitsfanatiker“ sei Gerold Foidl gewesen, er habe der Wahrheit nicht weniger als sein Leben gewidmet. Er betonte stets, nicht käuflich zu sein, und suchte das Getue „um des lieben Friedens willen“ seiner Herkunftsfamilie in seinem Roman schließlich als „Heuchelfrieden“ zu entlarven, weiß Silvia Ebner. Nur der Beruf des Schriftstellers habe ihm diese Möglichkeit überhaupt eröffnet. „Uns geht es nicht um eine Anklage oder um das Bloßstellen einer Person oder einer heimischen Familie, wir lassen Gerold Foidl aber wieder sprechen. Seine Berichte stehen auch für die Erlebnisse vieler anderer, die ihre Schicksale Zeit ihres Lebens glauben, im Verborgenen halten zu müssen. Wir solidarisieren uns als Theatergruppe und gemeinsam mit dem Publikum mit allen, denen Leid zugefügt wurde und wird“, meint Ebner.

Einiges habe sich seit Gerold Foidls Tod im Jahr 1982 sicher verbessert. Der Umgang unserer Gesellschaft mit Schuld, Scham und Sünde und nicht zuletzt psychisch Erkrankten bleibe aber eine Herausforderung – erst recht in kleinen Gemeinden wie Lienz, in denen man sich nicht in der Anonymität der Masse verstecken könne. „Gerold Foidls Vermächtnis ist eine Mahnung an uns alle.“


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