Jahrhundertprozess um die traumatische Terrornacht von Paris beginnt heute

Schwer verheilte Narben reißen wieder auf, wenn sich diese Woche mutmaßliche Täter der verheerenden Terroranschläge von Paris 2015 vor Gericht verantworten müssen. Überlebende und Angehörige der 130 Opfer sollen in dem Verfahren aber gebührend Raum bekommen.

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Die Terroranschläge in Paris trafen das Land ins Mark.
© Loic VENANCE / AFP

Von Michael Evers, dpa

Paris – Es wird ein Prozess, der von Organisation, Ablauf und Inhalt praktisch jeden Rahmen sprengt: Knapp sechs Jahre nach den verheerenden islamistischen Terroranschlägen von Paris mit 130 Toten und 350 Verletzten beginnt am Mittwoch das Verfahren gegen 20 Verdächtige, unter ihnen der bereits in Belgien verurteilte Salah Abdeslam, der als einer der Haupttäter gilt. Unter höchster Sicherheitsstufe wird ein dafür speziell zusammengestelltes Pariser Schwurgericht gegen mutmaßliche Mitglieder der Terrorzelle verhandeln. Schon vor Beginn reißt der Prozess alte Wunden im durch die Terrornacht traumatisierten Frankreich auf.

Extremisten hatten am 13. November 2015, einem Freitag, in der Pariser Konzerthalle „Bataclan“ ein Massaker angerichtet und dort 90 Menschen erschossen sowie Bars und Restaurants im Osten der Hauptstadt beschossen. Insgesamt töteten die Attentäter bei den Angriffen an verschiedenen Orten in Paris 130 Menschen. Am Stade de France sprengten sich zudem während des Fußball-Länderspiels Frankreich-Deutschland drei Selbstmordattentäter in die Luft. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nahm die Anschläge als ihre Taten in Anspruch.

Außerhalb des Stadions in Paris kam es zu Anschlägen, während des Spiels brach deshalb Panik aus.
© Franck FIFE / AFP

Für das auch als „Jahrhundertprozess“ angekündigte Verfahren „V13“ (V steht für vendredi, Freitag) wurde im Pariser Justizpalast eigens befristet ein neuer Saal aus hellem Holz eingezogen, der 550 Sitzplätze bietet und nach Angaben der Justizbehörden eine würdige und beruhigende Ausstrahlung haben soll. Bildschirme stellen die Übertragung der Verhandlung in alle Bereiche des Saals sicher, während des gesamten Prozesses steht für die Betroffenen eine psychologische Betreuung parat. Denn die Terrornacht wird nicht nur in Worten wieder naherücken, auch ein Tonmitschnitt der Attacke auf das „Bataclan“ könnte abgespielt werden.

Marathon der Aufarbeitung

Einen angesichts des dramatischen Ausmaßes der Terrornacht gebührenden Raum erhalten die Opfer und ihre Angehörigen: Über fünf Wochen hinweg sollen rund 300 von ihnen das Erlebte schildern, je eine halbe Stunde wird jedem eingeräumt, 14 solcher Aussagen pro Verhandlungstag sind eingeplant. Den Prozessbeteiligten steht damit ein Marathon bevor, auch was das emotionale Verarbeiten und Eintauchen in das Geschehen angeht. Erst im Anschluss sind die ersten Befragungen der Angeklagten vorgesehen.

Alleine im Nachtclub Bataclan starben 90 Menschen.
© L.Urman / Starface via www.imago-images.de

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es 1765 Nebenkläger, zu Prozessauftakt sind alleine zwei Tage dafür reserviert, jeden namentlich aufzurufen. Erst am dritten Tag will das Gericht inhaltlich breiter auf die Vorwürfe eingehen, die sich auf 500 Aktenordner voll Ermittlungsergebnisse stützen. Hunderte Zeugen sind vorgeladen worden, darunter Ermittler aus Frankreich und Belgien sowie selbst der damalige Präsident François Hollande, heißt es. Zwölf der 20 Angeklagten droht lebenslange Haft, gegen sechs wird der Prozess in Abwesenheit geführt.

Ehe der Prozess begonnen hat, ziehen Berichte mit erschütternden Details die Franzosen erneut hinein in die traumatische Terrornacht. So veröffentlichte der Sender „France Info“ erstmals Tonmitschnitte aus der Pariser Notrufzentrale. „Ich habe einen Typen mit einer Kalaschnikow gesehen, der aus einem Auto stieg und der einfach auf die Menschen geschossen hat, am McDonald‘s“, sagt ein Anrufer. „Mein Mann und ich sind beim „Bataclan“ angeschossen worden, wir sind verletzt, mir geht es nicht gut“, sagt eine Frauenstimme. „Es gibt mindestens vier Verletzte und wir hören immer noch Gewehrschüsse.“

Nach den Terroranschlägen in Paris erhöhte Frankreich seine Sicherheitsvorkehrungen drastisch.
© DOMINIQUE FAGET / AFP

Ingenieur Grégory, den die Terroristen im „Bataclan“ mit anderen als menschliches Schutzschild und Geisel nahmen, schilderte dem Sender „France inter“, wie einer der Täter ihn zum Aufstehen aufforderte und er nach seinem Rucksack griff. „Warum nimmst du deine Sachen? Die brauchst du nicht mehr, du wirst sterben“, habe der Mann ihn angefahren. Währenddessen legten die Terroristen von der Balustrade aus auf Besucher an, die aus dem Konzertsaal fliehen wollten. „Sie stützten sich auf ihre Ellbogen, um Zeit zum Zielen zu haben, dann schossen sie jeden nieder, der sich unten bewegte.“

In welchem Umfang der Prozess zu den Hintergründen und Drahtziehern der Terrornacht neue Erkenntnisse bringen wird, hängt auch davon ab, ob die Angeklagten überhaupt zu einer Aussage bereit sind. Zunächst ist der Prozess bis Mai kommenden Jahres terminiert.

Den Schatten des islamistischen Terrorismus wird Frankreich unabhängig vom Ausgang des Prozesses so schnell nicht abschütteln, denn immer wieder erschütterten zuletzt meist mit Messern agierende Einzeltäter das Land. Wenn Präsident Emmanuel Macron, wie jüngst bei seinem Irak-Besuch, auf den Kampf gegen den Terrorismus pocht, ist dies für die Franzosen keine leere Floskel.


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