30 Jahre „Twin Peaks“: Der Beginn der High-End-Serien

Anfang der 90er war David Lynchs Serie „Twin Peaks“ ein Angriff aufs bisherige Fernsehen und den Massengeschmack. Es war der Beginn einer Ära. Ein Blick auf drei Jahrzehnte High-End-Serien – und die Zukunft.

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Vor 30 Jahren feierte „Twin Peaks“ Österreich-Premiere, 2017 wurde eine Fortsetzung veröffentlicht.
© YouTube/Twin Peaks

Wien – Vor 30 Jahren feierte die amerikanische Serie „Das Geheimnis von Twin Peaks“ ihre österreichische TV-Premiere im ORF. Das kann als Beginn eines neuen Unterhaltungszeitalters im Fernsehen gelten, auch in der Bundesrepublik. Spätestens seit „Twin Peaks“ sind sogenannte Qualitätsserien aus dem Medienzirkus und Diskurs nicht mehr wegzudenken. Mit Qualitäts-, Edel- oder auch High-End-Serie sind aufwendige Produktionen gemeint, die sich durch Komplexität, eine episodenübergreifende, horizontale Erzählweise und hohe Schauspielkunst statt Soap-Darstellerei auszeichnen.

Inzwischen gibt es bei Edel-Serien einen internationalen Trend, der im deutschsprachigen Raum bislang kaum angekommen ist. Doch dazu später.

Ein Vögelchen im Wald

Bei „Twin Peaks“ irritierte manchen schon der Vorspann, kam er doch ohne das Kaleidoskop der in die Kamera schauenden Köpfe aus wie es bei „Dallas“, „Falcon Crest“ oder „Schwarzwaldklinik“ Brauch war und bis heute bei Serien wie „In aller Freundschaft“ funktioniert. Gegen Serien im Soap-Zuschnitt, die ihr Personal schon im Vorspann vorstellen und meist Klischeefiguren für berechenbares Entertainment einsetzen, stellte „Twin Peaks“-Macher David Lynch im Vorspann ein Vögelchen im Wald zu düsteren langsamen Klängen.

🎬 Intro | „Twin Peaks“

Es entwickelte sich daraus ein neues popkulturelles Phänomen; das Autorenkino hielt Einzug ins Fernsehen. Doppelbödige Handlungen, komplizierte Charaktere, Abhängigkeiten, Abgründe, Geheimnisse, Verästelungen oder auch Übersinnliches suchten die Zuschauer zu Hause heim – und beendeten die gemütlichen alten Couch-Sehgewohnheiten.

Es war der Beginn einer neuen Ära, der angesichts der weltpolitischen Wende auch in der Unterhaltungsbranche in der Luft lag.

Mit dem Mauerfall kam die Wende

„Der Fall der Berliner Mauer hat die Welt auch so manch simpler Botschaft beraubt. Bröckelnde Ideologien und untergehende Feindbilder verlangten nach differenzierteren Antworten“, analysierte die Feuilletonistin Claudia Schwartz schon vor Jahren in der Neuen Zürcher Zeitung. „Die großen amerikanischen Straßenfeger „Dallas“ und „Denver“ mit ihrer schlichten Auslegung, wonach Geld die Welt regiert, endeten nicht zufällig in jenen Jahren.“

David Lynch hat das Fernsehen nachhaltig verändert.
© PATRICK GARDIN

Anspruchsvolle Serien gelten seit den 90ern als das angesagte Erzählformat der Gegenwart. Man denke an „Ally McBeal“, „Sex and the City“, „24“, „Six Feet Under – Gestorben wird immer“, „Breaking Bad“, „House of Cards“. Führend sind nach wie vor Produktionen aus den USA, inzwischen wird aber in vielen Ländern in komplexe Serien investiert. In Europa haben vor allem Großbritannien („The Crown“, „It‘s a sin“) und Skandinavien („Die Brücke“, „Borgen“) einen guten Ruf.

Längst gibt es dank Netflix-Serien wie „Dark“, „How to Sell Drugs Online (Fast)“, „Barbaren“ oder „Unorthodox“ auch deutsche Produktionen mit Welterfolg, die jedoch von Millionen ZDF-Krimi- oder „Tatort“-Sehern weitgehend ignoriert werden.

🎬 Trailer | „Dark“

Mangel an Diversität und Empowerment

Eine Entwicklung aus den USA scheint währenddessen im deutschsprachigen Raum recht langsam anzukommen, wie Timo Gößler erklärt. Der 43-Jährige ist in Potsdam Dozent für Dramaturgie und Serielles Erzählen an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und hat soeben mit Katrin Merkel das Buch „Der German Room – Der US-Writers‘ Room in der deutschen Serienentwicklung“ geschrieben.

„Seit ein paar Jahren ist Diversität in all ihren Facetten bei angloamerikanischen Serien der Motor für innovative, neue Erzählansätze“, sagt Gößler. So erzähle etwa die Serie „Hollywood“ des Showrunners Ryan Murphy („Ratched“, „Glee“, „Pose“, „The Politician“) als utopische Historienserie von einer Traumfabrik, in der in den 50er Jahren schon schwarze Schauspieler (PoC) Hauptdarsteller-Oscars gewannen und Frauen Studiobosse waren.

Bei der britischen Serie „Sex Education“ (dritte Staffel ab 17. September bei Netflix) habe Laurie Nunn, so Gößler, die Highschool-Serie neu erfunden – als eine Feier von Vielfalt, Diversität und Aufklärung statt dummer Witze und Geschlechterklischees. Und die Serie „Das Damengambit“ von Scott Frank und Alan Scott setze eine Frau, die Schach spielt, als Großmeisterin ins Zentrum einer Coming-of-Age-Erzählung, bei der das klischeehafte „die erste Liebe finden“ nur am Rande vorkomme.

🎬 Trailer | „Sex Education“

Gößler sieht einen Trend zu Serien als „Empowerment“. Damit sind Inhalte gemeint, die nicht runterziehen, sondern eher positives Denken und auch Selbstbestimmung etwa von Gruppen stärken.

Sein Fazit nach drei Dekaden Edel-Serien: „Es gibt die starke Tendenz, nach Jahrzehnten gebrochener, amoralischer Figuren und menschlicher Abgründe, neuerdings eher Utopien und Lebensfreude in den Fokus zu nehmen. Das schafft nicht nur eine Vielzahl neuer Narrative, sondern positive 'Möglichkeitsräume' fürs Publikum.“ (dpa, TT.com)


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