Österreich hat den „Lackmustest“ der Demokratie bestanden

Die Zustimmung zur Demokratie ist auch in Krisen hoch. Autoritär denkende Menschen sind weniger bereit zur Impfung gegen Corona.

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Baustelle Parlament: Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist Schwankungen unterworfen. Das Demokratieverständnis ist aber gefestigt.
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Wien – Der grundsätzliche Befund der Politologen Peter Ulram und Peter Hajek fällt positiv aus: „Die Demokratie erscheint uns nicht gefährdet“, hieß es gestern bei der Präsentation einer Studie. Die Österreicherinnen und Österreicher hätten in den Krisen der vergangenen Jahre den „Lackmustest“ bestanden und sich als gefestigte Demokraten gezeigt. Dennoch unterliegt die Zufriedenheit mit der Demokratie Schwankungen. Rund 12 Prozent rechnen die Experten dem autoritären Potenzial zu.

Ulram und Hajek haben die Entwicklung des Demokratiebewusstseins über einen längeren Zeitraum analysiert. In den 1980er-Jahren lag der Anteil jener, die mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden waren, bei 16 Prozent. In der „Vorkrise“ der 1990er stiegt die Zahl auf 33 Prozent. 2009, am Höhepunkt der Finanzkrise, waren 25 Prozent unzufrieden. Dieser Anteil kletterte in der Flüchtlingskrise 2016 auf 53 Prozent. Im April 2021 betrug der Anteil der Unzufriedenen knapp 40 Prozent.

Besonders hoch war die Zufriedenheit am Beginn der Covid-Krise – ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Politik massive Einschränkungen für das Leben der Menschen verhängte. Hajek hat eine Erklärung für den scheinbaren Widerspruch: „Der Staat hat sich stark gezeigt und die Akteure sind vorangegangen.“

Ulram und Hajek griffen für ihren Langzeitvergleich auf eine Reihe von Umfragen zurück. Die jüngste stammt vom April 2021. 83 Prozent der 800 Befragten bekannten sich damals zur Demokratie: Diese sei auf jeden Fall besser als eine Diktatur.

Mehr autoritäres Potenzial bei Jungen

Acht Prozent sind „Autoritäre“: Sie denken, dass eine Diktatur unter bestimmten Umständen besser sein kann als eine Demokratie.

Weitere vier Prozent sind „entfremdet“. Ihnen ist egal, ob sie in einer Demokratie oder einer Diktatur leben. Die Politologen fassen die kleineren Gruppen zum „autoritären Potenzial“ zusammen.

Bei Jungen im Alter von 16 bis 29 Jahren ist dieses autoritäre Potenzial stärker ausgeprägt (15 Prozent), ebenso bei Menschen, die nur Pflichtschulabschluss haben (16 Prozent). Bei Nichtwählern und Anhängern der FPÖ liegt der Anteil über 20 Prozent.

Das autoritäre Potenzial ist aber kein ausschließlich rechtes Phänomen. Auch Personen, die sich selbst als politisch links einschätzen, sind zu sieben Prozent anfällig. Anhänger von ÖVP und NEOS liegen im Österreich-Durchschnitt von etwa 12 Prozent. Wähler von SPÖ und Grünen zeigen zu sieben bis acht Prozent autoritäre Tendenzen.

Es ist nicht so, dass die Impfgegner Herbert Kickl nachlaufen. Es ist umgekehrt: Kickl läuft ihnen nach.
Peter Hajek (Meinungsforscher)

Die Politologen beobachten außerdem einen klaren Zusammenhang zwischen autoritärer Einstellung und der Bereitschaft zur Corona-Impfung. Wer autoritär denkt, ist deutlich weniger bereit dazu. Hajek glaubt auch nicht, dass ein Impfaufruf etwa von FPÖ-Chef Herbert Kickl daran etwas ändern könnte: Nicht die Impfgegner folgten Kickl, Kickl folge den Impfgegnern. Ein Aufruf würde daher ins Leere gehen: „Der gefestigte Impfgegner sagt, lieber Herbert Kickl, ziehe ein Haus weiter. Ich bleibe auf meiner Position.“ (sabl)


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