Klangspuren eröffnet: Im musikalischen Möglichkeitsraum

Überlebenswichtiger Übermut, rauschige Rhythmen und gezielte Brüche zum Start der heurigen Klangspuren.

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Pianist Alfredo Ovalles, Dirigent Titus Engel und Perkussionist David Panzl beim Klangspuren-Eröffnungskonzert.
© Ossl

Schwaz, Innsbruck – In seinen Eröffnungsworten der 28. Klangspuren beschwor Thomas Larcher, Komponist, Festivalgründer und seit Kurzem Obmann des Klangspuren-Vereins, Musik als Genussmittel. Und beklagte, dass gerade die Fähigkeit zu genießen seit Jahren leidet, weil eine zunehmend gehetzte Gesellschaft das Zuhören verlernt hat.

Als Festival für Neue Musik verstehen sich die Klangspuren seit gut drei Jahrzehnten auch als Schule des Hörens. Bei der Eröffnung der heurigen Auflage am Freitag im Schwazer SZentrum stand folgerichtig Unerhörtes auf dem Programm. Zwei Auftragskompositionen der Klangspuren kamen zur Uraufführung. Sowohl Jorge Sánchez-Chiong als auch Michael Wertmüller haben für Orchester komponiert. Und beide haben den großen Klangkörper – im Fall der Uraufführung das technisch souveräne, von Titus Engel präzise geführte Tiroler Symphonieorchester Innsbruck – um weitere Glieder erweitert. Sánchez-Chiongs „Caminando“ um die afrokubanischen Batá-Trommeln, deren Spiel von Solist David Panzl nicht nur Fertigkeit, sondern den Segen der westafrikanischen Yoruba verlangte.

Bei Wertmüllers „For Yaron!“ indessen ist es die – in manchen, ziemlich verweltlichten Kreisen ebenso kultisch verehrte – E-Gitarre, die zum konzentrierten Zuhören auffordert. Gespielt von Yaron Deutsch fügt sie sich nahtlos in die orchestrale Wucht ein, um sich dann eindrücklich vom Zusammenspiel freizuspielen. „For Yaron!“ reißt mit. Wertmüller greift ein Bolero-Motiv auf, bricht es, setzt es neu zusammen und steuert es auf ein atemberaubendes, rhythmus-rauschiges Finale zu. Sánches-Chiongs „Caminando“ ist nicht weniger rauschhaft, aber im Detail zerbrechlicher. Das Stück wurde vom Schicksal Geflüchteter inspiriert und führt vor, dass Übermut wenigstens im musikalischen Möglichkeitsraum Überlebensstrategie werden kann.

Reinhard Kager, künstlerischer Leiter der Klangspuren, hat sein drittes – und letztes – Festival mit „Transitions“ überschrieben. Was mit „Übergänge“ etwas zu eindeutig übersetzt wäre. Im englischen „Transitions“ klingt auch der bewusste Bruch mit dem Bisherigen an. Dieser Ansatz prägte nicht nur das Eröffnungskonzert, sondern auch den zweiten Klangspuren-Abend am Samstag im Innsbrucker Haus der Musik. Unter dem Titel „In An Oriental Mood“ fanden Arbeiten von Gerhard E. Winkler, Adriana Hölszky und Hossam Mahmoud zusammen. Auf der Bühne: das hervorragende Ensemble Phace und das syrisch-arabische Virtuosen-Trio Mohamad Fityan (Ney), Salah Eddin Maraqa (Qanun) und Elias Abdoud (Perkussion). Ein west-östlicher Divan also – und doch: bestenfalls Spurenelemente von Folkloristischem. In Winklers „Transitions“ entwickelt sich erst nach und nach eine gemeinsame Klangsprache. Mahmouds „Verschränkung“ befragt arabische Lyrik – und wartet mit einem ebenso konsequenten wie überraschenden finalen Aha-Moment auf. Dazwischen und im Dazwischen sucht ein Streichquartett auf Hölszkys „Hängebrücken“ nach Schubert. Beeindruckend. (jole)


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