Giftduell um die WM wird zur Gefahr: Hamilton unter Schock

Es hätte wirklich schlimm ausgehen können für die Formel 1. Noch im Auto sitzend, war Lewis Hamilton das nach dem Crash von Monza nicht bewusst. Der Kampf um den WM-Titel mit Max Verstappen droht weiter zu eskalieren.

  • Artikel
  • Diskussion (2)
Die Szene des Rennens: Verstappen landet nach einer weiteren Kollision auf Lewis Hamilton.
© ANDREJ ISAKOVIC

Monza – Die Todesgefahr wurde Lewis Hamilton erst mit etwas Abstand richtig bewusst. „Heute muss jemand von oben auf mich geschaut und aufgepasst haben“, betonte der siebenmalige Weltmeister nach Ansicht der Bilder vom Monza-Crash. Die Aufnahmen von Max Verstappens Red Bull, der auf seinen Mercedes krachte und liegen blieb, hinterließ beim Formel-1-Superstar mehr als einen schweren Brummschädel. „Erst wenn du sowas erlebst, kriegst du einen Schock, du schaust aufs Leben und realisierst, wie zerbrechlich wir sind“, sagte Hamilton, die Stimme eher leise. Aus seinen Worten klang vor allem die Dankbarkeit, diesen Unfall überlebt zu haben.

Denn was erstmal nur spektakulär aussah und in diese verrückte Saison mit dem vergifteten Duell des 36 Jahre alten Titelverteidigers mit seinem 13 Jahre jüngeren Herausforderer zu passen schien, erwies sich als unfassbar gefährlich für den Briten. „Lewis Hamilton ist nur um Zentimeter einer Tragödie entgangen“, schrieb die britische Zeitung Daily Mail. Noch nie sei er von einem Auto am Kopf getroffen worden, berichtete Hamilton selbst. „Gott sei Dank gibt es Halo. Das hat mich letztlich gerettet.“

Ohne den Cockpitschutz, der seit 2018 auch gegen anfängliche Widerstände zur Pflicht an den Rennwagen gehört, wäre das Auto von Verstappen mit dem rechten Hinterrad ungebremst und ungeschützt auf den Kopf von Hamilton gekracht. So aber wurde von dem Bügel, der übersetzt „Heiligenschein“ heißt, das Schlimmste verhindert, auch wenn Hamiltons Kopf dennoch nach vorn gedrückt wurde. „Ich werde wahrscheinlich zu einem Spezialisten müssen, um zu sehen, ob ich für das nächste Rennen fit bin“, sagte Hamilton.

🔗 >>> Kollision der WM-Rivalen in Monza: Doppelsieg für McLaren

Dass er danach eher verzweifelt versucht hatte, seinen Silberpfeil aus dem Kiesbett wieder auf die Strecke zu bekommen, obwohl der Red Bull in den Mercedes verkeilt war, belegt auch, dass er sich der Tragweite des Crashs zunächst gar nicht bewusst gewesen war. „Im Rennmodus“ sei er noch gewesen, erklärte Hamilton.

Den 100. Grand-Prix-Sieg seiner Karriere verpasste er erneut, die WM-Führung bleibt bei Verstappen mit fünf Punkten Vorsprung auf Hamilton. Mercedes-Teamchef Toto Wolff warnte vor „taktischen Fouls“ in dem knallharten WM-Duell - und meinte den Niederländer. „Ich möchte das von keinem Fahrer denken, aber ich denke, dass es entweder eine Fehleinschätzung oder eine kalkulierte Bewegung war, um mit Lewis zu kollidieren“, sagte der ehemalige britische Weltmeister Damon Hill mit Blick auf Verstappens Aktion

Der Niederländer hatte in einer Schikane trotz Platzmangels dagegen gehalten und so den Unfall verursacht. So zumindest bewerteten die Rennkommissare die Schuldfrage. Verstappen muss beim nächsten Rennen in Sotschi deshalb drei Plätze weiter hinten starten.

Als Hamilton davon während einer laufenden Medienrunde hörte, spürte man die Erleichterung. Sie galt nicht dem möglichen kleinen Vorteil beim Großen Preis von Russland. „Wenn du damit durchkommst, machst du auch so weiter“, erklärte vielmehr Hamilton, dem Verstappens Verhalten im Königlichen Park zu schaffen machte.

Krieg ohne Rücksicht auf Verluste

Der WM-Führende, der vor zwei Monaten Leidtragender einer Kollision der beiden bei Hamiltons Heimsieg in Silverstone gewesen war, hatte den Unfallort ohne einen Blick auf Hamilton verlassen. „Ich habe gesehen, wie Max aussteigt und vorbei geht“, schilderte Hamilton: „Das hat mich überrascht. Wenn du so einen Unfall hast, ist das erste, das du wissen willst, dass der andere okay ist.“ Prompt schrieb die Gazzetta dello Sport von einem „Krieg ohne Rücksicht auf Verluste“.

Immerhin gaben sich die Red-Bull-Verantwortlichen, die nach dem Silverstone-Crash noch tagelang lamentiert und eine härtere Strafe für Hamilton gefordert hatten, diesmal ungewohnt zahm. Sie suchten die Schuld wegen eines verkorksten Boxenstopps bei sich. Teamchef Christian Horner sprach von Enttäuschung wegen der Strafe gegen Verstappen, es sei doch ein Rennunfall gewesen. Einer, der diesen Titelkampf aber noch nachhaltig prägen dürfte. (dpa)

📰 Internationale Pressestimmen zum GP von Italien

🔴 ITALIEN

  • Corriere dello Sport: "Hamilton und Verstappen kämpfen mit allen Mitteln und versenken sich gegenseitig. Beide sind überzeugt, Recht zu haben."
  • Gazzetta dello Sport: "Der Kampf zwischen Verstappen und Hamilton ist brutal geworden, ein Krieg, der wie legendäre Kämpfe wie jene zwischen Senna und Prost in der Geschichte der F1 bleiben wird. Hier spielt sich ein Duell zwischen Piloten ab, die sehr unterschiedlich sind, die entgegengesetzte Charaktere und Persönlichkeiten haben. Hier geht es auch um ein Duell zwischen Generationen."
  • Il Messaggero: "Max gegen Lewis: Der Krieg der Giganten. Hamilton ist während des ganzen Wochenendes fahl und lahm, bis er beim Duell gegen Verstappen all seinen Stolz zeigt und ihm jeden Zugang versperrt. Bis Verstappen ihm aus Verzweiflung auf den Kopf springen muss."

🔴 GROSSBRITANNIEN

  • The Guardian: "Das Rennen in Monza wurde von Daniel Ricciardo für McLaren gewonnen, aber es war der Zwischenfall in der Rettifilo-Schikane am Ende der Start-Ziel-Geraden, der das Rennen bestimmte. Die beiden (Verstappen und Hamilton) waren gemeinsam in die beiden Kurven eingefahren. Verstappen versuchte zu überholen, kam aber auf die Randsteine, wodurch er auf Hamiltons Auto geworfen wurde."
  • Daily Mail: "Zum Glück schützte der "Halo"-Kopfschutz an Hamiltons Mercedes wirksam seinen Kopf und rettete ihm möglicherweise das Leben."

🔴 DEUTSCHLAND

  • Frankfurter Rundschau: "Sensationssieger Daniel Ricciardo genoss den italienischen Schaumwein aus seinem verschwitzten Rennschuh und reichte ihn auch noch genüsslich seinem Teamkollegen Lando Norris. Als das triumphale McLaren-Duo schon in die rauschende Monza-Party startete, versuchten Max Verstappen und Lewis Hamilton noch immer, die Schuldfrage nach dem irren und nächsten folgenreichen Crash im giftigen Titelduell um die Formel-1-Krone zu klären. (...) Die Bilder sprachen für sich nach der neuesten Eskalationsstufe des Titelkampfs, der immer mehr an die Hassduelle früherer Zeiten von Ayrton Senna und Alain Prost erinnert."
  • Bild: "Dieser WM-Kampf wird immer gefährlicher! Lebensgefährlich. Schauen Sie sich das unfassbare Foto an: Nachdem Lewis Hamilton (36) und Max Verstappen (23) in der 26. Runde des Großen Preises von Italien crashen, hebt der Red-Bull-Pilot ab - auf Hamiltons Silberpfeil. Dabei drückt das rechte Hinterrad von Verstappen den Kopf des Briten Richtung Lenkrad."

🔴 SPANIEN

  • Marca: "Unglaublicher und etwas surrealer Grand Prix in Monza. Lewis Hamilton und Max Verstappen sind nach dem umstrittenen Zusammenstoß in England erneut mit ihren Autos kollidiert, kurioserweise die beiden Termine mit Qualifying und dem experimentellen Sprint."
  • Mundo Deportivo: "McLaren durfte jubeln. Aber die ganze Welt wird vor allem über einen Unfall sprechen, der eine Rivalität verstärkt, die nun historische Ausmaße annehmen kann."
  • Sport: "Krieg zwischen Verstappen und Hamilton. Der Halo-Kopfschutz hat eine Tragödie verhindert."


Kommentieren


Schlagworte