Harte Angriffe und rote Ohren bei zweitem deutschem Kanzler-Triell

Deutlich lebendiger als beim ersten Mal ging es beim gestrigen zweiten Triell zu. Dabei schien sich der Dreikampf zum Zweikampf zu entwickeln.

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Laschet (Union) und Scholz (SPD) zofften sich beim zweiten Triell. Baerbock (Grüne) kämpft um Aufmerksamkeit.
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Von Theresa Münch und Jörg Blank, dpa

Berlin – Der Dreikampf ums deutsche Kanzleramt ist ein Zweikampf geworden - diesen Eindruck jedenfalls erweckt der zweite große TV-Schlagabtausch der Kanzlerkandidaten vor der Bundestagswahl. Während sich Armin Laschet (Union) und Olaf Scholz (SPD) am Sonntagabend bei ARD und ZDF in die Haare kriegen, kämpft Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock zwischen den Streithähnen um Aufmerksamkeit.

📽️ Video | TV-Triell und Twitter-Scherze

Schafft Laschet die Trendwende? Kann sich Scholz behaupten?

Es geht deutlich lebendiger zu als beim ersten sogenannten Triell: Man zofft sich, man redet sich rein. Es geht um viel: Schafft Laschet, der in den Umfragen zuletzt an Boden verlor, doch noch die Trendwende? Und wie stark schadet Scholz der neueste Skandal um die Geldwäsche-Aufsicht?

Vor allem der Finanzminister, dessen SPD die Umfragen seit mehreren Wochen überraschend anführt, gerät zu Beginn unter Druck. Das liegt zum einen daran, dass die Moderatoren seine wunden Punkte (Geldwäsche-Razzia, Wirecard) zuerst ansprechen – und erst später die der Konkurrenten. Das liegt aber auch daran, dass der Unionskandidat Laschet eine seiner letzten großen Chancen nutzen will und zur Attacke bläst.

Scholz trage als Finanzminister die Verantwortung für Verfehlungen der Geldwäsche-Aufsicht, wirft ihm Laschet energisch vor. Der Vizekanzler wehrt sich ebenfalls heftig und zusehends genervt, so sehr, dass er ganz rote Ohren bekommt. Er wirft Laschet bewusste Falschdarstellung vor, seine Fakten stimmten nicht - doch so richtig holt Scholz nicht zum Gegenangriff aus. In einer ARD-Umfrage zur Halbzeit schneidet der Vizekanzler trotzdem besser ab: überzeugender, kompetenter.

Laschet mit Fokus auf Scholz

Laschet scheint sich präzise auf seinen Angriff vorbereitet zu haben, anders als beim ersten Triell arbeitet er sich diesmal nicht an Baerbock, sondern vor allem an Scholz ab. Sein Ziel im Schlagabtausch lautet offenbar eher, die Gegner zu schwächen als sachlich Argumente auszutauschen. Das machen ihm die Moderatoren Maybrit Illner (ZDF) und Oliver Köhr (ARD) zu Beginn auch leicht. Sie geben den Kandidaten keine Gelegenheit zum Warmlaufen, steigen sofort mit Streitthemen ein.

Fast eine halbe Stunde lang geht es um Koalitionsoptionen und Skandale. Baerbock will sich nicht zwischen Linken und FDP entscheiden, Scholz schließt eine Koalition mit der Linken nicht aus, Laschet genauso wenig eine Juniorpartnerschaft unter SPD-Führung. Dann der Schlagabtausch zur Geldwäsche-Razzia, zu CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen und ein paar Worte zum von vielen Grünen verstoßenen Tübinger Bürgermeister Boris Palmer.

Bis konkrete Sachthemen angesprochen werden, dauert es – was Zuschauer auf Twitter auch kritisieren und als "Schlammschlacht" beschreiben. Erst zur Halbzeit des Triells werden Klimaschutz, Corona-Impfungen, Digitalisierung, die Zukunft der Krankenkassen oder die Rente angesprochen.

Alle Kandidaten unter Druck

Alle drei Kandidaten, auffällig einheitlich in dunkles Blau gekleidet, stehen zwei Wochen vor der Wahl sichtbar unter Druck. In Umfragen liegen sie alle in Schlagdistanz, jeder der drei kann sich noch Hoffnungen machen, nach 16 Jahren Angela Merkel ins Kanzleramt einzuziehen.

Laschet, derzeit in den Umfragen gegenüber Scholz deutlich im Hintertreffen, muss attackieren und landet auch Treffer. Doch teils wirkt er dünnhäutig, rutscht in seinen Formulierungen immer wieder ins Belehrende ab: "Wenn Sie richtig zugehört haben...". Scholz dagegen muss verteidigen, das ist keine angenehme Position, vor allem, wenn man gerade wegen Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Zentrale des Zolls in der Kritik steht. Doch Laschet lockt ihn aus der Reserve, Scholz zeigt, dass er auch streiten kann. Baerbock ihrerseits kann lächelnd in beide Richtungen austeilen - und bekommt Fairnesspunkte, als sie darauf hinweist, dass die Redezeit-Uhr falsch läuft.

Am Ende hat jeder Kandidat Zeit für ein Schlusswort, es soll der dramaturgische Höhepunkt der Auseinandersetzung sein. Am Sonntag aber kommen alle drei Beiträge nicht gegen die zuvor lebhafte Diskussion an. Laschet wirbt für sich als "Bundeskanzler des Vertrauens", der garantiert Bürokratie abschaffe, nicht gängele, und nicht vorschreibe, wie man zu denken oder zu leben habe. Scholz hebt Solidarität und Zusammenhalt als zentrale politische Ziele hervor und betont: "Ich möchte Ihnen dafür als Bundeskanzler dienen." Baerbock beschwört einen "echten Aufbruch".

Schon in einer Woche dürfen sich die drei erneut fernsehöffentlich streiten: Sieben Tage vor der Wahl steigt das letzte große Triell. Das letzte Wort in diesem Streit haben die Wähler.

Über 10 Millionen verfolgen ARD/ZDF-Triell auf „Tatort“-Sendeplatz

Die parallel bei ARD und ZDF ausgestrahlte Polit-Sendung „Das Triell – Dreikampf ums Kanzleramt“ haben am Sonntagabend um die 11 Millionen Fernsehzuschauer verfolgt. Es dürfte angesichts des populären „Tatort“-Sendeplatzes das meistgesehene Spitzenkandidatenformat dieses Wahlkampfes bleiben. Im Ersten schalteten 7,36 Millionen ein (24,2 Prozent Marktanteil ab 20.15 Uhr), im Zweiten 3,51 Millionen (11,5 Prozent), auch Phoenix übertrug. Moderatoren des 95-minütigen Live-Formats mit Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) waren Maybrit Illner (ZDF) und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr.

Es war bereits das zweite Triell des Bundestagswahlkampfs 2021. Am 29. August hatten die von Pinar Atalay und Peter Kloeppel moderierte Sendung bei RTL und ntv zusammen etwa 5,6 Millionen Zuschauer verfolgt.

Ein drittes Triell (mit Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch) ist am 19. September bei ProSieben, Sat.1 und Kabel eins geplant.

Mit etwa 21 Millionen Zuschauern hatte das Duell Schröder-Merkel am 4. September 2005 die bisher höchste Zuschauerzahl aller deutschen TV-Duelle.


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