20 Jahre nach 9/11: Als die USA im Herzen getroffen wurden

Vor 20 Jahren attackierten Islamisten das World Trade Center in New York und das Pentagon mit entführten Flugzeugen. Die dramatischen Stunden sollten prägend sein für das dann beginnende 21. Jahrhundert.

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Der Südturm des World Trade Center stürzt in sich zusammen.
© imago stock&people

Von Alexander Brüggemann/KNA

New York – Die Bilder sind wahrscheinlich die berühmtesten des 21. Jahrhunderts. Fast jeder weiß noch, wo er damals war, als er die unglaubliche Nachricht hörte an jenem 11. September 2001: Das World Trade Center in New York, eines der zentralen Symbole des Kapitalismus und der Freien Welt, ist zum Ziel islamistischer Attentate geworden.

Durch die präzise geplanten und ausgeführten Terroranschläge des 11. September – zwei Passagierflugzeuge wurden entführt und nacheinander in die Zwillingstürme gejagt – stürzten diese im Abstand von nur 20 Minuten ein; 2.753 Menschen starben. In New York war es ein sonniger Morgen, in Europa Nachmittag. Die ganze Welt saß vor den Fernsehapparaten und starrte fassungslos auf das unbegreifliche Geschehen.

Zwischen dem Treffer des ersten und dem Einsturz des zweiten Turms lagen 102 Minuten. Gut eineinhalb Stunden, in denen auch das Gefühl vermeintlicher Sicherheit in der westlichen Welt zerbarst. Dieser "Riesenerfolg" von Osama bin Ladens Organisation Al-Kaida in den USA stand zwar bereits in einer ganzen Reihe von Anschlägen der vergangenen Jahre. Aber in seiner schieren Größe und seinem verächtlichen, tödlichen Kalkül war er ein Fanal für den islamistischen Terrorismus weltweit.

Symbol des Kapitalismus als Ziel der Terroristen

Die Zwillingstürme des World Trade Centers standen für den kapitalistischen Riesen USA; für New York, die Welthauptstadt der Freien Welt; für das Feindbild Westen schlechthin. Ein Goliath, gestürzt von einem David mit einer (immerhin technologischen) Steinschleuder.

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Schon im September 1962 war der japanisch-amerikanische Architekt Minoru Yamasaki (1912-1986) mit der Leitung des WTC-Projekts beauftragt worden. Der Grundstein wurde im August 1966 gelegt. Es ist nicht ohne Ironie, dass der Planer jenes Gebäudes, das das höchste der Welt werden sollte, unter Höhenangst litt.

Vielleicht auch deshalb wählte er für das World Trade Center als Stilmittel sehr schlanke, nur 46 Zentimeter schmale Fenster. Sie ließen die Zwillingstürme fensterlos erscheinen und machten weniger als ein Drittel der Fassadenfläche aus. Insgesamt 43.600 Fenster wurden verbaut – Fenster, aus denen an jenem grauenhaften 11. September 2001 Menschen aus Verzweiflung vor den Flammen und dem tödlichen Qualm in die Tiefe sprangen.

Arbeitsort für Zehntausende Menschen

Als im Dezember 1970 die ersten Mieter in den Nordturm (WTC 1) einzogen, war der noch gar nicht ganz fertig. Im Juli 1971 wurde der Rohbau des Südturms (WTC 2) abgeschlossen. Die offizielle Einweihung des WTC fand am 4. April 1973 statt - und selbst da dauerte es noch vier weitere Jahre bis zur vollständigen Fertigstellung 1977. Etwa 50.000 Menschen aus 28 Ländern arbeiteten im World Trade Center. Hinzu kamen täglich etwa 140.000 Besucher, die für die Aussicht in die Restaurants der Zwillingstürme kamen.

Der 417 Meter hohe Nordturm löste das 1931 fertiggestellte und 381 Meter hohe Empire State Building als höchstes Gebäude der Erde ab. Doch schon 1974 musste das World Trade Center den prestigeträchtigen Titel an den Sears Tower in Chicago mit seinen 442 Metern abtreten. Mit der jeweiligen Erhöhung der Antennenmasten auf dem Dach zog sich der Wettbewerb bis zum Jahr 2000 und bis auf 527 Meter hin.

99 Fahrstühle konnten Menschen nicht retten

Rund 200.000 Tonnen Stahl und 325.000 Kubikmeter Beton wurden beim Bau der Twin Towers verarbeitet. Die Konstruktion sollte Orkanen mit Windgeschwindigkeiten von 300 Stundenkilometern standhalten – und den schlimmsten Erdbeben. An einen "Beschuss" mit riesigen Passagierflugzeugen war damals, Anfang der 70er Jahre, noch nicht zu denken. Der Nord- und der Südturm verfügten über je 99 Fahrstühle, von denen knapp ein Viertel eine Geschwindigkeit bis zu knapp 30 Stundenkilometer erreichten. Bei der Feuersbrunst des 11. September nutzten sie nichts.

Es war nicht der erste Al-Kaida-Anschlag auf das World Trade Center. Im Februar 1993 zündeten sechs Terroristen in der Tiefgarage des Nordturms eine 700-Kilo-Bombe; sechs Menschen starben. Das Ziel war wohl eigentlich gewesen, den Nordturm einstürzen und ihn auf den Südturm fallen zu lassen. Doch dafür war die Sprengkraft zu gering. Erst achteinhalb Jahre später zerfiel das verhasste Symbol der westlichen Welt zu Staub - im zweiten Versuch.

Karte mit Flugrouten und Anschlagsorten.
© APA

Was am 11. September 2001 geschah

7.59 Uhr: Flug 11 von American Airlines startet in Boston-Logan.

8.14 Uhr: Flug 175 von United Airlines startet in Boston-Logan.

8.19 Uhr: Die Stewardess Betty Ong vom Flug 11 meldet sich per Funk bei American Airlines und berichtet über Tränengas, Erstochene und eine mutmaßliche Flugzeugentführung.

8.20 Uhr: Flug 77 von American Airlines startet vom Dulles International Airport Washington D.C.

8.21 Uhr: Der Transponder zur Flugzeugidentifizierung von Flug 11 wird ausgeschaltet.

8.24 Uhr: Per Funk bekommt der Flughafen Boston die Ansage des Todespiloten Mohamed Atta über mehrere entführte Flugzeuge mit, die offenbar nur an die Insassen von Flug 11 gerichtet war.

8.37 Uhr: Flug 175 vermeldet, Flug 11 gesichtet zu haben.

8.38 Uhr: Die Nordamerikanische Luftraumüberwachung (NORAD) wird informiert und ersucht, Flug 11 mit militärischen Abfangjägern zu überwachen.

8.41 Uhr: Flug 93 von United Airlines startet von Newark (New Jersey).

8.46 Uhr: Flug 11 rast in den Nordturm des World Trade Centers (WTC) im New Yorker Stadtteil Manhattan und reißt ein großes Loch in das mit mehr als 400 Metern höchste Gebäude der Stadt. Die Behörden gehen zunächst von einem Unfall aus.

Zu dieser Zeit haben die Entführer gerade die Kontrolle über Flug 175 übernommen, als die Piloten von zwei F-15-Kampfjets am Otis Air National Guard Base (Massachusetts) gerade den Befehl erhalten, Flug 11 aufzuspüren und abzufangen.

8.49 Uhr: CNN sendet erste Bilder einer permanenten Kamera vom brennenden 110-stöckigen Nordturm unter den Breaking News: "Flugzeug in Turm des World Trade Centers gestürzt".

9 Uhr: US-Präsident George W. Bush beginnt einen Besuch in der Emma-E.-Booker-Volksschule in einem armen Viertel von Sarasota (Florida) und weiß bereits von dem "Unglück".

9.03 Uhr: Flug 175 rast in den Südturm des WTC und explodiert. Beide WTC-Türme sind in Brand. Den Behörden wird klar, dass es sich um keinen Unfall handelt.

9.05 Uhr: Stabschef Andrew Card flüstert Bush die Nachricht vom Südturm ins Ohr.

9.17 Uhr: Die US-Bundesflugbehörde (Federal Aviation Administration/FAA) lässt alle New Yorker Flughäfen schließen, Abfangjäger steigen zum Schutz von New York auf. Die New Yorker Hafenbehörde lässt in der Folge alle Brücken und Tunnels schließen.

9.31 Uhr: Bush spricht von der Schulbibliothek in Sarasota aus von einem "offensichtlich terroristischen Anschlag" und einer "nationalen Tragödie". Es folgt eine Schweigeminute.

9.40 Uhr: Die FAA stoppt erstmals in der Geschichte der USA landesweit alle zivilen Flüge: Alle in der Luft befindlichen Maschinen müssen unter Androhung des Abschusses auf dem nächstmöglichen Flughafen landen, kein Flugzeug darf mehr starten.

9.43 Uhr: Flug 77 stürzt in das US-Verteidigungsministerium (Pentagon) in Arlington bei Washington. Rauch steigt aus dem Gebäude auf, umgehend beginnt die Evakuierung.

9.45 Uhr: Das Weiße Haus wird evakuiert.

10.05 Uhr: Der Südturm des WTC stürzt in sich zusammen, viele benachbarte Gebäude werden dabei ebenfalls zerstört. Eine Schutt-und Staubwolke breitet sich aus.

10.08 Uhr: Bewaffnete Geheimdienstagenten werden in den Lafayette Park gegenüber dem Weißen Haus entsendet.

10.10 Uhr: Ein viertes entführtes Flugzeug, Flug 93 von United Airlines, stürzt im kleinen Ort Shanksville südöstlich von Pittsburgh (Pennsylvania) ab.

10.10 Uhr: Ein Teil des Pentagon stürzt ein.

10.13 Uhr: Das UNO-Hauptquartier in New York wird evakuiert. In Washington werden das Außenamt und das Justizministerium evakuiert sowie die Weltbank.

10.24 Uhr: Der transatlantische Luftverkehr in die USA wird nach Kanada umgeleitet.

10.28 Uhr: Der Nordturm des WTC stürzt in sich zusammen.

10.45 Uhr: Alle weiteren US-Bundesbehörden in Washington werden evakuiert.

10.46 Uhr: US-Außenminister Colin Powell bricht einen Besuch in Lateinamerika ab und kehrt in die USA zurück.

11.02 Uhr: Der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani fordert die Bevölkerung auf, den Süden von Manhattan zu verlassen. Die New Yorker sollten zu Hause bleiben.

11.18 Uhr: American Airlines geben bekannt, dass sie zwei Flugzeuge verloren haben.

11.26 Uhr: United Airlines geben den Verlust zweier Maschinen bekannt.

12.04 Uhr: Der Los Angeles International Airport, planmäßiges Ziel von drei der entführten Maschinen, wird evakuiert. Höchste Alarmbereitschaft an den Grenzen zu Mexiko und Kanada.

12.15 Uhr: Der San Francisco International Airport, Ziel von United Airlines 93, wird evakuiert.

12.30 Uhr: Laut FAA sind noch 50 Flugzeuge im US-Luftraum, die aber keine Probleme vermelden.

13.04 Uhr: Bush erklärt auf dem Luftwaffenstützpunkt Barksdale (Louisiana), wohin er sich begeben hat, die Streitkräfte seien in "höchste Alarmbereitschaft" versetzt worden; alle nötigen Sicherheitsmaßnahmen seien getroffen worden. Bush kündigt an, die Verantwortlichen "zu jagen und zu bestrafen".

13.27 Uhr: Die Stadt Washington ruft den Notstand aus.

13.44 Uhr: Das US-Verteidigungsministerium gibt bekannt, dass fünf Kriegsschiffe und zwei Flugzeugträger von der Marinebasis in Norfolk (Virginia) zum Schutz der Ostküste entsandt wurden.

14 Uhr: Das FBI geht davon aus, dass die Flugzeuge als Teil eines Terrorangriffs entführt wurden.

14.49 Uhr: Laut dem New Yorker Bürgermeister Giuliani sind U-Bahnen und Busse teilweise wieder in Betrieb.

15.55 Uhr: Laut Angaben aus dem Weißen Haus ist Bush mit der Air Force One von Barksdale zu einer Luftwaffenbasis in Nebraska geflogen (Offutt, wie sich später herausstellte). Von dort aus leite er telefonische Beratungen des Nationalen Sicherheitsrates. Vize-Präsident Richard (Dick) Cheney und die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice (später Außenministerin) seien im Weißen Haus in Sicherheit, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sei im Pentagon.

16 Uhr: CNN berichtet, es gebe auf Basis brandaktueller Informationen nach den Anschlägen "gute Anhaltspunkte", dass der wegen verheerender Anschläge auf US-Botschaften in Afrika 1998 gesuchte Saudi Osama bin Laden die Hand bei den Anschlägen im Spiel hatte.

16.25 Uhr: Die in New York ansässigen Börsen geben bekannt, dass sie am nächsten Tag (Mittwoch, 12. September) geschlossen bleiben.

17.20 Uhr: Das Gebäude 7 des WTC-Komplexes stürzt ein, nachdem es zuvor beim Einsturz der Türme beschädigt und in Brand geraten war. Andere Häuser auf dem Areal brennen weiterhin.

17.30 Uhr: Laut Medienberichten sollte Flug 93 entweder Camp David (Landsitz des US-Präsidenten in Maryland), das Kapitol in Washington oder gar das Weiße Haus treffen.

18 Uhr: Berichte über Explosionen und Gefechtslärm in der afghanischen Hauptstadt Kabul: Die Nordallianz hat die Taliban-Regierung angegriffen.

18.54 Uhr: Bush kehrt per Hubschrauber ins Weiße Haus zurück, nachdem er zuvor, eskortiert von drei Kampfjets, in Maryland gelandet ist.

19.17 Uhr: US-Generalstaatsanwalt John Ashcroft gibt eine Internetseite bekannt, wo Bürger Hinweise zu den Anschlägen deponieren können, sowie eine Telefonnummer, wo Angehörige mutmaßlicher Opfer ihre Kontaktdaten hinterlassen können.

19.45 Uhr: Das New York Police Department erklärt, man vermisse 78 Polizisten, die Hälfte der ersten 400 Feuerwehrleute am Anschlagsort sei getötet worden.

20.30 Uhr: US-Präsident George W. Bush macht in seiner Fernsehansprache der Bevölkerung Mut: "Terroristen können das Fundament Amerikas nicht erschüttern.''

21 Uhr: Der Nationale Sicherheitsrat tagt im Weißen Haus.

Bevor Bush schlafen geht, schreibt er in sein Tagebuch: "Das Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts hat sich heute ereignet (...) Wir glauben, es ist Osama bin Laden." Nur mehr zwei verschüttete Überlebende wurden am 12. September vom Ground Zero geborgen.


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