Lehrer skeptisch zu neuen Quarantäneregeln, Experten uneins

Am Dienstagabend wurden für die Schulen neue Quarantäneregeln aufgestellt. Das sorgte gleichermaßen für Zuspruch und Verwunderung. Elternvertreter fordern Distanzunterricht für Schüler in Quarantäne.

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Nur noch direkte Sitznachbarn sowie "enge Kontakte" von positiv Getesteten sollen in Quarantäne geschickt werden.
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Wien – Nur zehn Tage nach dem Schulbeginn im Osten haben sich Gesundheits- und Bildungsministerium am Dienstagabend auf neue Quarantäneregeln verständigt. An den Schulen sorgt das laut dem obersten Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) für "zusätzliche Verunsicherung und Irritation". Für den Wiener Personalvertreter Thomas Krebs (FCG) ist die Vorgabe schlicht realitätsfern. Wissenschafter sind geteilter Meinung.

An Volksschulen kann wie schon bisher bei nur einem Infektionsfall in der Klasse von einer Quarantäne der Mitschüler abgesehen werden. Bei den älteren Schülern sollen nur mehr direkte Sitznachbarn sowie "enge Kontakte" in Quarantäne geschickt werden, heißt es in einem Erlass des Gesundheitsministeriums. Schüler in Quarantäne dürfen sich künftig schon nach fünf statt zehn Tagen per PCR "freitesten".

"Aerosole machen beim Sitznachbar nicht halt"

Kimberger zeigte sich am Mittwoch im APA-Gespräch verwundert über die plötzliche Regeländerung, immerhin sei die Entwicklung der Zahlen durchaus absehbar gewesen. Dazu komme Kritik von Experten an der neuen Vorgabe, bei Schülern ab der fünften Schulstufe nur noch Sitznachbarn und enge Kontakte in Quarantäne zu schicken, da die Coronainfektion sich vor allem über Aerosole überträgt, die beim Sitznachbar nicht halt machen. "Das scheint eine politische Entscheidung zu sein, ein recht gutes Gefühl habe ich dabei nicht." Für Krebs ist die Vorgabe, nur noch Sitznachbarn in Quarantäne zu schicken, schlicht realitätsfern, immerhin würden die Schüler nicht fünf oder sechs Stunden pro Tag auf ihrem Sessel sitzen.

Unter Wissenschaftern wurde die Änderung geteilt aufgenommen: Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres reagierte in der "Presse" mit Unverständnis, immerhin könnten sich in geschlossenen Räumen nicht nur Sitznachbarn anstecken. Mikrobiologe Michael Wagner (Uni Wien) meinte in den "Salzburger Nachrichten", man könne gar nicht so viel lüften, dass ein Infizierter nur den unmittelbaren Sitznachbarn anstecke. Mit der neuen Regelung würden sich vermutlich viel mehr Kinder infizieren. Epidemiologin Eva Schernhammer von der Medizinuni Wien verweist im "Kurier" ebenfalls darauf, dass sich das Virus aufgrund seiner Infektiösität überall ausbreiten könne. Wenn trotz Quarantäne für den Infizierten und seine Sitznachbarn immer wieder neue Fälle auftreten, werde man schnell umdisponieren und die Quarantäne ausweiten müssen. Für sie wäre überlegenswert, dass alle verbliebenen Schüler und auch die Lehrperson nach einem positiven Fall Maske tragen.

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Volker Strenger von der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) befürwortet die Regelung hingegen, immerhin würden auch sonst nicht alle Personen, die sich mit einem Infizierten im selben Raum aufhalten, in Quarantäne geschickt. "Es ist ganz wichtig, dass man nicht wegen einem positiven Fall ganze Klassen gleich in Quarantäne schickt."

Auch AHS-Direktorensprecherin Isabella Zins (FCG) sieht im Ö1-Mittagsjournal alles, was für Einheitlichkeit zwischen den Bundesländern sorgt, positiv. Derzeit würden die Gesundheitsbehörden hier unterschiedlich agieren. "Das gehört auf jeden Fall geklärt für alle." Auch Bundesschulsprecherin Alexandra Bosek von der ÖVP-nahen Schülerunion unterstützt die Änderung. Jeder Tag in der Schule sei für die Schüler ein Gewinn. Gleichzeitig müsse man die epidemiologische Auswirkung des Freitestens schon nach fünf Tagen beobachten, damit diese nicht erst recht zu großen Clusterbildungen und damit verbundenen Schulschließungen führe.

Für Unmut sorgt unterdessen, dass laut Verordnung des Bildungsministeriums Schulen derzeit keinen Distanzunterricht anbieten können. Müssen einzelne Kinder bzw. Klassen in Quarantäne, müssen sie sich den Lernstoff selbstständig aneignen. Für Pflichtschul-Elternvertreter Paul Haschka ein Unding: Er fordert, dass die Schulen diesen Kindern und Jugendlichen nicht nur Zettel austeilen, sondern für ein hochwertiges Distance Learning sorgen - und zwar für jeden einzelnen Schüler. Gerade bei mittleren und großen Schulen müsse es möglich sein, eine Lehrkraft für eine Distance-Learning-Supplierung abzustellen. Außerdem müsse zur Betreuung jüngerer Schüler die für 1. Oktober angekündigte Sonderbetreuungszeit rückwirkend gelten, und nicht erst drei Wochen nach Schulbeginn. (APA)


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