260 Milliarden Euro Schulden: Chinas Immo-Riese wankt

Chinas Immobiliengigant Evergrande droht der Kollaps. Anleger befürchten ein Beben mit möglichen Folgen für Bankensystem und Immobilienmarkt.

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Chinas Immo-Markt ist überhitzt, mit der Krise des Evergrande-Konzerns könnte ein Crash drohen. Die Polizei musste die Firmenzentrale sichern.
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Peking – In China wächst die Angst vor einem gewaltigen Immobilien-Beben mit weitreichenden Folgen. Der chinesische Immobilienriese Evergrande, Chinas zweitgrößter Immobilienkonzern, hat in den Jahren aggressiver Expansion Schulden in Höhe von umgerechnet mehr als 260 Milliarden Euro angehäuft und ist jetzt in Finanznot. Seit geraumer Zeit taumelt der Wohnungs-Gigant, gestern hat die chinesische Wohnbaubehörde die Banken vor Zahlungsausfällen bei Evergrande gewarnt.

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Der in Geldnot geratene Bauträger hatte zuletzt selbst von „beispiellosen Schwierigkeiten“ gesprochen und vor Liquiditätsrisiken wegen eines Rückgangs seiner Immobilienverkäufe gewarnt. Es gebe keine Garantie, dass Evergrande all seinen finanziellen Verpflichtungen werde nachkommen können, warnte der Konzern. Auch für die Ratingagentur Fitch sei „eine Zahlungsunfähigkeit irgendeiner Art wahrscheinlich“.

Anleger fürchten einen Zusammenbruch des Immobilienkonzerns mit möglichen Auswirkungen auf den Immobilienmarkt der zweitgrößten Volkswirtschaft. Zudem gibt es die Sorge, dass eine Insolvenz Schockwellen durch das chinesische Bankensystem jagt. Der chinesische Immobiliensektor macht inzwischen mehr als ein Viertel der chinesischen Wirtschaftsleistung aus.

Der 1996 gegründete Konzern ist in mehr als 280 chinesischen Städten präsent und eines der größten Privatunternehmen in der Volksrepublik. Ihr Chef und Gründer Xu Jiayin galt zwischenzeitlich als der reichste Mann Chinas. Seit Jahresbeginn ist der Aktienwert des Konzerns um drei Viertel eingebrochen. Wie bei vielen Großkonzernen sind die Beteiligungen Evergrandes an mehr als 200 Tochterunternehmen verschachtelt. Die Kredite und gegenseitigen finanziellen Verpflichtungen sind kaum durchschaubar.

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Im Internet zirkulieren Videos von Protesten gegen das Unternehmen. Viele Chinesen haben wie in China üblich im Voraus für Wohnungen gezahlt, die längst nicht fertiggebaut sind. Rund 1,4 Millionen Häuser und Wohnungen, für die Evergrande umgerechnet rund 200 Milliarden US-Dollar an Vorauszahlungen erhalten hat, sind noch nicht fertig. Auf Baustellen stehen Kräne still. Subunternehmer stellen ihre Arbeit ein, weil Rechnungen nicht bezahlt werden. Zuletzt hatten aufgebrachte Anleger den Hauptsitz des Krisenkonzerns in der Metropole Shenzen gestürmt.

Warum spitzt sich die Lage zu? Nach vielen Jahren des Booms auf Chinas Immobilienmarkt stellen Experten „Anzeichen eines Wendepunktes“ fest. Auch spürt Evergrande den Druck der Behörden, gegen Spekulationen vorzugehen und Luft aus der Immobilienblase zu nehmen. Eine staatliche Rettungsaktion für Evergrande ist nicht in Sicht. „Chinas Führer kollidiert mit der wirtschaftlichen Realität“, schreibt US-Investor George Soros in der Financial Times. Evergrande könnte „einen Crash auslösen“.

Der Chefökonom des deutschen Mercator-Instituts für China-Studien (Merics), Max Zenglein, rechnet dagegen nicht damit, dass der Immobilienmarkt in China kollabiert oder es dort zu einer Finanzkrise kommt. „Das wäre eine Katastrophe“, sagte der China-Experte.

„Die Banken bügeln jede Krise weg“

Laut dem Tiroler Uni-Professor Jürgen Huber ist Chinas taumelnder Immo-Konzern Evergrande keine Gefahr für das Finanzsystem.

Mit Evergrande steht Chinas zweitgrößter Immobilienkonzern angesichts von unfassbaren 260 Mrd. Euro Schulden vor dem Abgrund. Manche orten darin Potenzial für eine internationale Finanzkrise. Orten Sie auch eine solche Gefahr?

Jürgen Huber: Eine Finanzkrise sehe ich dadurch nicht kommen, auch keinen Kollaps des chinesischen Immobilienmarktes. Aber Investoren wird jetzt klar: Selbst in China garantiert der Staat nicht für alles. Firmen wie Evergrande werden künftig höhere Zinsen zahlen müssen und nicht mehr so viel bauen können. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn Chinas Bauwirtschaft ist – wie im Übrigen bei uns auch – am Überhitzen.

Was macht Sie sicher, dass eine mögliche Pleite eines derartigen Immobilienriesen keine Bedrohung für das Finanzsystem darstellt?

Huber: Die vier großen chinesischen Staatsbanken sitzen auf vielen Hunderten Milliarden Dollar an Reserven und können damit das System problemlos stabilisieren. Ihre Reserven reichen aus, um einige Krisen wegzubügeln. Wenn es noch schlimmer käme, hätte die Zentralbank noch Reserven von über 3000 Mrd. Dollar. Außerdem ist Peking sehr wohl bereit, Banken notfalls zu retten.

Für Evergrande scheint eine solche Rettung nicht in Sicht.

Huber: Evergrande ist ein riesiger Konzern mit reichen Eigentümern. Die haben spekuliert, sehr viel Geld verdient, aber jetzt geht ihnen das Geld aus. Sie haben sich hoch verschuldet und mehr gebaut, als nötig war. Auch weil lange die Annahme galt, dass die Regierung sie nie pleitegehen lassen würde. Peking macht nun aber klar, dass kein Konzern zu groß zum Scheitern ist. Das finde ich auch besser, als alles zu retten, weil dadurch die Leute immer stärker dazu animiert werden, stets noch größere Risiken einzugehen. Wie sonst kann Evergrande auf 300 Mrd. Dollar Schulden kommen? Ich finde es auch vertretbar, wenn das Unternehmen pleitegeht.

Generell zog Peking auch bei seinen eigenen Konzernen die Daumenschrauben immer fester an – zuletzt etwa bei Alipay. Warum?

Huber: Auch die Causa Evergrande ist eine Folge davon, dass Chinas Staatspartei klarmacht, wer hier der Boss ist. Das war auch beim Fahrdienstleister DiDi so – Chinas Pendant zu Uber – oder bei Alibaba und Alipay. Dadurch wurden zwar Tausende Milliarden an Börsenwert vernichtet, aber der Partei ist es jedes Geld der Welt wert klarzumachen, dass sie das Sagen hat und nicht irgendein Milliardär.

Das Interview führte Max Strozzi


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