Kriminalfall in Wien wirft Fragen auf: „Das ist ein brutales Spannungsfeld“

Ein wegen Gewaltdelikten amtsbekannter Asylwerber tötet zwei Frauen. Er galt als unbescholten. Wie ist das möglich? Versuch einer Antwort.

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Polizeiarbeit in Wien. Nach der Tötung zweier Frauen stellt sich wieder einmal die Frage, ob die Behörden im Vorfeld versagt haben.
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Wien, Innsbruck – Der Mann, der am Montag in Wien zwei Frauen getötet haben soll, war bei den Behörden nicht unbekannt. Die Staatsanwaltschaft Linz ermittelte gegen den Somalier zweimal nach Anzeigen wegen mutmaßlicher Sexualdelikte. Zweimal stellte sie die Ermittlungen ein, weil die Beweislage zu dürftig war. Ein weiteres Verfahren nach einer neuerlichen Anzeige war seit August im Laufen.

Opferschutzeinrichtungen beklagen, dass Anzeigen wegen Gewalt- und Sexualdelikten viel zu häufig eingestellt würden. Leisten Justiz und Polizei schlechte Arbeit?

Eva Pawlata, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Tirol, antwortet differenziert. „Das ist ein brutales Spannungsfeld“, sagt die Juristin zur TT. Auf der einen Seite das Strafrecht: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Einstellung rechtlich im Normalfall in Ordnung geht.“ Selbst wenn man wisse, dass etwas geschehen sei, reichten die Beweise für Anklage oder Verurteilung oft nicht aus. Und im Zweifel werde für den Angeklagten entschieden.

Auf der anderen Seite stehe das Opfer, meist eine Frau. „Für sie ist das problematisch, weil sie das Gefühl haben, es wird ihnen nicht geglaubt und der andere kommt wieder davon.“ Den Opfern kann Pawlata Prozessbegleitung anbieten.

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Eine andere Frage betrifft den Aufenthaltsstatus des mutmaßlichen Täters. Der Somalier kam 2014 nach Österreich und ist asylberechtigt. Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) hatte von beiden früheren Anzeigen erfahren und ein Verfahren zur Aberkennung des Asyls eingeleitet. Nach der Einstellung durch die Justiz beendet auch das BFA diese Verfahren.

Für den auf Asylrecht spezialisierten Juristen Andreas Wimmer von der Uni Linz hat die Behörde damit – „bei allem Verständnis für den Unmut“ – korrekt gehandelt. Der Rechtsstaat sehe vor, dass Asyl bei einer Verurteilung aberkannt werden kann. Eine Ausnahme sei lediglich, wenn der Beschuldigte eine besondere Gefahr darstelle, etwa wegen Terrorismus. Dies treffe in diesem Fall aber nicht zu. (sabl, APA)

Täter wollte auch einen Mann töten

Wien – Zwei Tage nach der Bluttat an zwei Frauen in Wien hat die Polizei gestern über die ersten Einvernahmen des Verdächtigen berichtet: Der 28-jährige Somalier ist umfassend geständig, seine frühere Frau und eine Bekannte getötet zu haben. Beim zweiten Opfer handelt es sich entgegen früheren Berichten nicht um die nunmehrige Freundin des Täters.

Gegenstand der tödlichen Auseinandersetzung waren SMS-Nachrichten an die Ex-Frau. Sie war das erste Opfer. Dann wartete der Verdächtige auf die zweite Frau, von der er wusste, dass sie öfter auf Besuch kam. Sie wurde das zweite Opfer.

Dann bestellte der Somalier per SMS einen Mann (36) zu der Wohnung. Er griff auch diesen an. Der Täter war zu diesem Zeitpunkt aber bereits schwer alkoholisiert. Der 36-Jährige konnte entkommen und verständigte die Polizei.

Die vierjährige Tochter des Täters und des ersten Opfers wird in einem Krisenzentrum betreut. (APA, TT)


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