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Autorin Sharon Dodua Otoo im TT-Interview: „Rassismus ist eine Tatsache“

Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo liest heute Abend beim Prosafestival in Innsbruck. Die TT sprach mit ihr über Rassismus, Risiken und realitätsverändernde Literatur.

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Sharon Dodua Otoo gewann 2019 den Bachmann-Preis. Ihr Roman „Adas Raum“ ist bei. S. Fischer erschienen.
© imago

Frau Otoo, sagt Ihnen der Name David Alaba etwas?

Sharon Dodua Otoo: Leider nicht.

Alaba ist der bekannteste Fußballer Österreichs. Er war es schon vor gut zehn Jahren. Trotzdem wurde er 2012 von Tirols Landeshauptmann Günther Platter mit „How do you do“ begrüßt. Der Tenor damals: peinlich. War Platters Begrüßung rassistisch?

Otoo: Ich habe gelernt, dass das Wort Rassismus im deutschen Sprachraum eine andere Kraft hat als in der englischsprachigen Welt. Wenn man Rassismus sagt, macht man sofort ein großes Fass auf, denkt an Nazis, die durch die Straßen marodieren. Für mich ist Rassismus eine Tatsache, die Beschreibung eines Systems, das seit Jahrhunderten existiert: Weiß steht an der Spitze der Hierarchie, darunter heißt es, je dunkler, desto niederer. Das kann man schon bei Kant nachlesen. Dieses Denken wirkt fort. Es scheint bis heute durch – und wird auch unabsichtlich bestätigt. Wenn es bei der Begrüßung bleibt – no problem. Aber oft bleibt es eben nicht dabei, sondern hat für die Betroffenen ganz konkrete Folgen, wenn sie etwa eine Wohnung nicht bekommen oder schneller und strenger von der Polizei kontrolliert werden, weil sie von dem, was als Norm gilt, abweichen. Ich plädiere dafür, dass versucht wird, Rassismus aus der Betroffenenperspektive zu denken. Ansonsten sind die Gegenargumente immer die gleichen: Es heißt, hier werde die so genannte „Rassismus-Keule“ geschwungen, obwohl alles „nicht so gemeint war“ – und die, die Kritik üben, gelten als „übersensibel“.


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